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Seeräuber-Geschichten : Der seltsame Reiz der Piraterie

Die Piraten wären, so gesehen, Vorläufer der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterbewegung. Sie hätten die Idee einer Alternative zum Kapitalismus in die Welt gebracht, ausgerechnet oder eben gerade zur Zeit der Entstehung des Kapitalismus. Ihre große Leistung bestünde darin, die kapitalistische Idee des Privateigentums attackiert und dementiert zu haben, um stattdessen eine Art kommunistischer Urgesellschaft auf hoher See vorzuleben. Eine Gemeinschaft von „Sozialbanditen“, um einen Begriff des britischen Historikers Eric Hobsbawm zu benutzen, im egalitären Paradies der Weltmeere.

Auf diesem Forschungsweg wurden die Piraten von der Wissenschaft mehr und mehr entkriminalisiert, romantisiert und heroisiert: Aus Verbrechern wurden Dissidenten. Nicht nur zu protosozialistischen Helden taugen die Freibeuter, sondern auch als libertäre Vorkämpfer, als Hayekianer auf den Weltmeeren. Seeraub war nicht nur ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell. Seeraub brachte auch Zugang zu Waren, die sonst nur schwer erhältlich waren oder hohen Zöllen unterlagen. Die Piraterie hat die Preise für diese Waren gedrückt. Die Freibeuter schleifen nach dieser Lesart Kartelle, Monopole und Handelsbarrieren, brechen überlebte staatliche Regulierungen auf, sind Wettbewerber der autoritären Handelsschifffahrt. Sie deregulieren und liberalisieren den Welthandel: Aus Makroparasiten, die den Wohlstand der Nationen mindern, werden in der modernen Deutung Vorläufer der Globalisierung, die den Wohlstand mehren.

Auch ein kriminelles Business bleibt ein Business

Auch dieser Gedanke lässt sich noch einmal radikalisieren. Der amerikanische Ökonom Peter T. Leeson vertritt die These, Piraten hätten auf ihren Schiffen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklicht als eine überlegene Form der modernen „Corporate Governance“. Doch bestreitet Leeson, dass dahinter kommunistische Ziele stecken. Nicht Idealismus, sondern Profitgier sei der Treiber des piratischen Geschäftsmodells. Auch ein kriminelles Business bleibt immer noch ein Business, das wie jedes erfolgreiche Unternehmen effizient betrieben werden muss.

Eine demokratische Verfassung der Piratenmannschaft sieht so aus: klare Anreize für die Besatzung nach erfolgreichen Beutezügen, inklusive einer fairen Bezahlung und einem nicht zu hohen Abstand zwischen der Entlohnung des CEO (Kapitän) und der Belegschaft. Hinzu kommen klare moralische Anforderungen: kein Glücksspiel, keine Frauengeschichten, kein Alkohol, kein Tabak – und Toleranz gegenüber den „people of colour“. Das alles, so Leeson, wurde nicht etwa aus moralischen Motiven vorgeschrieben, sondern um das Geschäft nicht zu gefährden. Diese „Governance“ der Piraten, wie von einer modernen Business School entwickelt, habe sich der hierarchisch-autokratischen Praxis der Handelsschiffer als überlegen erwiesen. Die Piraten hatten ethische Verhaltensregeln, die Handelsschiffer nicht. So gesehen wären die Piraten die Erfinder der „good governance“.

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