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Energie für Deutschland : Der große Kampf um das Gas

Rohre für Nord Stream 2: Ein Mitarbeiter prüft die tonnenschweren Rohre für die künftige Ostsee- Erdgasstraße. Bild: dpa

Die Pipeline Nord Stream 2 ist Amerika ein Dorn im Auge. Beteiligten Konzernen drohen Sanktionen. Doch Putin und die deutsche Industrie machen Druck. Entscheidend könnte etwas anderes sein.

          Das erste Rohr ist längst verlegt, der Zeitplan straff: Ende 2019 soll die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 fertig sein. Mit jährlich rund 110 Milliarden Kubikmetern kann dann doppelt so viel russisches Gas in die Lubminer Heide fließen wie bisher – und der deutsche Jahresverbrauch ziemlich genau gedeckt werden. Bleibt er konstant, blüht Deutschland dank weiterer Pipelines aus Norwegen und den Niederlanden womöglich Gas im Überfluss.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Glänzende Aussichten, so scheint es. Doch es gibt da ein Problem namens Putin. Hinter Nord Stream2 steckt der russische Staatskonzern Gasprom und damit der russische Staatschef; die deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall sind neben Shell, der österreichischen OMV und dem französischen Energiekonzern Engie nur Finanzinvestoren. Dass Russland Kapazitäten entwickelt, Deutschlands Gasbedarf weitgehend zu decken, stößt der amerikanischen Regierung auf. Präsident Donald Trump sagte vorige Woche, es sei „sehr unglücklich für das deutsche Volk, dass Deutschland Milliarden und Abermilliarden Dollar für seine Energie an Russland zahlt“. Nord Stream 2 sei aus diesen Gründen eine „schlechte Sache“. Der Missmut über die Ostesee-Pipeline hat allerdings Tradition in Washington. Zuletzt attackierte Barack Obama im Einklang mit Polen und der Ukraine mit scharfen Worten das 9,5 Milliarden Euro teure Vorhaben. Der Tenor ist stets derselbe: Westeuropa begebe sich energiepolitisch in die Abhängigkeit vom Feind Russland.

          Industriepräsident Kempf gegen Einmischung dritter Staaten

          Noch schweben deshalb amerikanische Sanktionen wie ein Damoklesschwert über dem Projekt. Im schlimmsten Fall würden die europäischen Unternehmen vor die Wahl gestellt, Nord Stream 2 entweder weiter zu finanzieren und ihr Amerika-Geschäft aufzugeben – oder ihre Unterstützung abzublasen und sich dem Druck aus Washington zu fügen. Die russische Führung hat dieses Szenario schon durchgespielt. Offenbar soll Putin die Bundesregierung im August darüber informiert haben, Nord Stream 2 notfalls allein zu finanzieren; ein Kremlsprecher bestätigte diese Option. Die deutsche Industrie dagegen will die zweite Röhre. Das hat Industriepräsident Dieter Kempf nun klargestellt. „Ich habe ein großes Problem, wenn sich ein dritter Staat in unsere Energieversorgung einmischt“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“.

          Doch der Appetit der Amerikaner, den Bündnispartner Deutschland an einer weiteren Front zu attackieren, scheint im Moment nicht groß, zumal sich die Motivlage verschoben hat. Mit Donald Trump haben die bisher geostrategisch begründeten Vorbehalte gegen Nord Stream2 eine stark kommerzielle Dimension bekommen. Denn die Amerikaner wollen eigenes Gas an Deutschland verkaufen. Vor wenigen Jahren noch auf Einfuhren angewiesen, haben unkonventionelle Bergbaumethoden wie das Fracking die Vereinigten Staaten gewaltige Ressourcen erschließen lassen und mit einer jährlichen Förderleistung von mehr als 750 Milliarden Kubikmetern an die Weltspitze katapultiert. Wegen fehlender Pipelines nach Europa muss das Gas allerdings auf Frachtschiffen transportiert werden, nachdem es zuvor in Terminals bei minus 160 Grad verflüssigt und um den Faktor 600 komprimiert wurde.

          Das mit Abstand größte von vier Exportterminals für Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) an der amerikanischen Ostküste steht derzeit in Louisiana. Als in diesem März 39 Senatoren aus den Reihen von Republikanern und Demokraten die Regierung aufforderten, Sanktionen gegen die Beteiligten von Nord Stream 2 zu verhängen, kämpfte Bill Cassidy, der Senator von Louisiana, wenig überraschend an vorderster Front. Belege dafür, wie sehr sich Deutschland Russland ausliefert, ließen sich genügend finden; etwa das Fehlen einer Hafen-Anlage hierzulande, die Flüssiggas aufnehmen, regasifizieren und ins deutsche Pipelinenetz einspeisen kann. Bis heute reagiert die deutsche Seite ausweichend auf derlei Vorwürfe. Dabei gäbe es mit Blick auf die russische Wertschöpfung auch eine alternative Sichtweise: Russland hat zwar 60 Millionen mehr Einwohner, erreicht aber gerade einmal 40 Prozent der hiesigen Wertschöpfung. Zudem ist der russische Staatshaushalt überproportional auf Energieexporte angewiesen. Wer liefert sich hier eigentlich wem aus, fragt ein ranghoher deutscher Energiemanager.

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