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Pininfarina : Der letzte Turiner Karosserieschneider wird indisch

Pininfarina-Ferrari aus den 1960er Jahren Bild: dpa

Das italienischen Designhaus Pininfarina hat für Ferrari, Alfa Romeo oder Peugeot Autos entworfen. Jetzt verliert es seine Unabhängigkeit.

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          Zwei Jahre währten die Gerüchte. Nun kauft das indische Konglomerat Mahindra & Mahindra über sein Tochterunternehmen Tech Mahindra die Mehrheit am italienischen Designhaus Pininfarina SpA. Sie sei „ein Juwel!“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Tech Mahindra, Chander Prakash Gurnani, in Turin. „Es wird weiter poliert werden. Es wird weiter aufgebaut werden jetzt, denn wir haben die Finanzkraft dazu“, fügte er mit Blick auf das chronisch verlustreiche Unternehmen an.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Mahindra übernimmt 76 Prozent der Aktien von Pininfarina, die von den bisherigen Gläubigerbanken kontrolliert werden. Die Inder zahlen dafür 25 Millionen Euro. Zum Aktienpreis von 1,10Euro muss dann noch ein Übernahmeangebot an die freien Aktionäre gemacht werden. An der Börse enttäuschte das Angebot jedoch, weil die Pininfarina-Aktien bis Freitag noch für 4,20 Euro gehandelt wurden. Mahindra will nach eigenem Bekunden die Börsennotierung an der italienischen Börse behalten. Die Familie Pininfarina wird weiterhin 1,2Prozent der Anteile behalten. Mahindra garantiert die Schulden von 110 Millionen Euro, ein Teil der Banken wird ausbezahlt, andere geben für die Garantie längere Zahlungsfristen. Zudem verspricht Mahindra eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro, um Pininfarina Wachstumschancen zu geben.

          Handschlag für die Zukunft: Paolo Pininfarina (links) und Chander Prakash Gurnani

          Mit dem Designhaus verliert der letzte der einst berühmten italienischen „Karosserieschneider“ seine Unabhängigkeit. Das früher gegründete Haus Bertone endete im Konkurs, der erfolgreiche Designer Giugiaro hat sein Haus an die Volkswagen-Gruppe verkauft. Von anderen einst bekannten Designhäusern wie Ghia ist nur der Name geblieben, für Ausstattungsversionen von Ford. In Italien wird deshalb über den fortgesetzten Ausverkauf nobler Luxusnamen geklagt.

          Die Inder setzen mit dem Kauf eine Reihe fort, die der Schmiedekonzern Bharat Forge mit dem Kauf deutscher Mittelständler aus dem Automobilgewerbe begann und die ihren bisherigen Höhepunkt in der Übernahme von Jaguar und Landrover durch den Tata-Konzern fand. Mahindra aus der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) hat den südkoreanischen Fahrzeughersteller Ssangyong gekauft sowie die Motorradsparte von PSA Peugeot Citroën. Mit Pininfarina arbeiten die Inder seit Jahren an der Entwicklung von Gelände- und Freizeitautos und einem elektrisch angetriebenen Sportwagen. „Das legendäre Spitzendesign von Pininfarina wird die Gestaltungsfähigkeiten der gesamten Mahindra-Gruppe deutlich verbessern“, sagte der Verwaltungsratsvorsitzende. „Angesichts des wachsenden Gespürs der heutigen Konsumenten für Gestaltung wird das Produktdesign die Auswahl immer stärker beeinflussen.“ Der Unternehmenschef, der in Harvard studierte, verwandelte den von seinem Großvater gegründeten Betrieb zum Lizenzbau von Jeeps in einen der größten Fahrzeugbauer Indiens. Sein Onkel Keshub, lange Verwaltungsratschef, zählt zu den reichsten Indern.

          Mahindra ist in Indien ein Alleskönner im Geschäft mit Rädern: Das Unternehmen stellt Zwei- und Dreiräder, Lastwagen und Personenwagen her. Zugleich entwickelt es Billig-Traktoren für Millionen potentieller Kunden. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagte Mahindra: „Wir sind kein Konglomerat, sondern ein Verbund von Unternehmen.“ Man versuche, Synergien unter den Unternehmen zu heben, am Markt treten sie getrennt auf. „Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Unser Traktor- und unser Automobilgeschäft agieren getrennt voneinander. Aber natürlich profitieren sie von ihrer Zusammenarbeit im Hintergrund – angefangen von Entwicklung über Bau bis zur Absatzfinanzierung. Dann kommen noch Zweiräder dazu, Autoteile, die ländliche Finanzierung – damit spielen schon mal fünf von unseren acht Sparten Hand in Hand.“ Die Finanzierung diene Traktoren, Zweirädern und Kleinwagen – „auch das passt also“, sagte Mahindra.

          Pininfarina war 2008 fast pleite

          Pininfarina hatte zuletzt keine Chance mehr, unabhängig zu überleben, seit das Unternehmen 2008 am Konkurs vorbeigeschrammt war. Im Gegensatz zu Giugiaro hatte sich Pininfarina als Produzent von Kleinserien von Sportwagen, Geländewagen oder Cabriolets im Auftrag großer Hersteller betätigt. Mit vier Autofabriken hatten sich die Italiener übernommen. Denn die Auftraggeber wie Peugeot, Mitsubishi, Alfa Romeo, Volvo, Bentley oder Ford waren immer weniger auf diese Kleinserien angewiesen, weil sie selbst immer flexiblere Produktionsanlagen besitzen. Pininfarina musste zuletzt die Investitionen für die Einrichtung der Produktionslinien selbst tragen, als sich die Autos nicht gut verkauften, war das Designhaus überschuldet und musste sich von den Fabriken trennen.

          Berühmt geworden war das 1930 gegründete Unternehmen ohnehin nicht mit der Produktion, sondern mit dem Design von Autos. In den dreißiger Jahren war Turin einer der wichtigen Standorte, an dem sich reiche Autokäufer auf ein Fahrgestell eine individuelle Karosserie schneidern ließen. Daraus erwuchs in der Nachkriegszeit das Designhaus, das für Auftraggeber wie Ferrari, Alfa Romeo oder Peugeot Autos mit besonders eleganter Linie entwarf. Wegen des Prestiges des Herstellers erhielt Gründer Battista Farina das Privileg, dass der Staatspräsident per Dekret seinen Nachnamen änderte. Der piemontesische Spitzname des Gründers, „Pinin“, wurde dem Allerweltsnamen Farina („Mehl“) vorangestellt. Das Unternehmensemblem blieb weiter ein geschwungenes „f“.

          Nach dem Scheitern als Autobauer verkleinerte sich Pininfarina und konzentrierte sich auf Autoentwicklung und -design. Daneben entstanden Entwürfe für Fußballstadien oder Hochhäuser. Nach der Existenzkrise hatte Pininfarina nur 2012 einen Gewinn ausweisen können. 2014 machte das Unternehmen mit einem Umsatz von 53 Millionen Euro fast 3 Millionen Euro Verlust. Die 13 italienischen Gläubigerbanken waren nicht interessiert, das Unternehmen weiter zu begleiten, sondern wollten so schnell wie möglich verkaufen. Nun wird von der bisherigen Führungsspitze und von den künftigen Eignern betont, dass Pininfarina eigenständig bleibe und weiter mit Kunden wie BMW und Ferrari zusammenarbeiten könne. Zugleich gebe es jedoch Projekte für eine Ausdehnung der Aktivitäten auf andere Branchen, etwa den Flugzeugbau, wo italienisches Design indische Technik verpacken soll.

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