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Streit um Pilotenausbildung : Lufthansas Friedensangebot sorgt für Entrüstung

Bislang Ziel von Flugschülern: Ins Cockpit bei der Lufthansa Bild: dpa

Der Konzern baut seine Flugschule um und sagt: „Wir reichen die Hand“. Doch die Vereinigung Cockpit sieht einen „Frontalangriff auf Tarifarbeitsplätze“ – und hält an Klagen fest.

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          Die Deutsche Lufthansa ordnet ihre Pilotenausbildung neu. Das will der Konzern als Friedensangebot verstanden wissen. Denn längst klagen Flugschüler gegen Pläne, dass sie ihre Ausbildung – wenn überhaupt – nur bei externen Dienstleistern zu Ende bringen könnten. „Wir reichen damit zugleich unseren aktuellen Flugschülerinnen und Flugschülern die Hand“, sagt der zuständige Lufthansa-Vorstand Detlef Kayser zum Großumbau in der Pilotenausbildung.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Gegenseite sieht in der Ankündigung allerdings keineswegs ein Angebot zur Versöhnung, sondern eine regelrechte Attacke des Konzerns. „Das ist ein dunkler Tag für die Verkehrsfliegerschule in Bremen. Es wurde eine klare Absage an neue Konzepte erteilt, die möglich gewesen wären“, sagt Philip Walker von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, der auch als Fluglehrer in der Ausbildungseinrichtung in Bremen tätig ist.

          Doch das neue Lufthansa-Konzept sieht für die Pilotenausbildung vor: Schulbank in Bremen, aber Fliegen zur Übung nur vom Flughafen Rostock-Laage. Mitte 2022 soll mit den Trainingsflügen mit Cessna-Citation-Ausbildungsjets von der Weser aus, bei denen auch Walker dabei ist, Schluss sein. Für rund 100 Beschäftigte stehen Verhandlungen zu Interessenausgleich und Sozialplan an.

          Alternativen ausgeblendet?

          Aus Sicht der Gewerkschaft wären in der Corona-Krise, die Fluggesellschaften in aller Welt zum Sparen zwingt, andere Lösungen möglich gewesen. „Man hätte auch Flugzeuge und Simulatoren von Rostock nach Bremen holen können, hat sich aber für den entgegengesetzten Weg entschieden“, sagt Walker.

          Die Vereinigung Cockpit hatte schon zuvor argwöhnisch auf den Übungsflugbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern geblickt. Vom „Verdacht der Tarifflucht“ war die Rede, als bekannt wurde, dass weite Teile der Kooperation mit der Bundeswehr zur Transportpilotenausbildung ostwärts verlagert werden sollen. Nun steht dasselbe für angehende Lufthansa-Piloten an. „Diese Entscheidung stellt einen Frontalangriff auf Tarifarbeitsplätze bei der Lufthansa dar. Am Ausbildungsstandort in Rostock wird nicht tarifiertes Personal eingesetzt“, klagt Walker.

          Dass Lufthansa in der konzerneigenen Ausbildung dem Kooperationsmodell mit der Bundeswehr folgen würde, hatte die Gewerkschaft schon vor einem Monat prognostiziert. Es gehe der staatlich gestützten Lufthansa mit Verlagerungsplänen offensichtlich primär darum, „sich gut tarifierter Arbeitsplätze zu entledigen und der Bremer Verkehrsfliegerschule in der Corona-Krise die Existenzgrundlage zu entziehen“, sagte damals der Leiter Tarifpolitik der Gewerkschaft Marcel Gröls.

          Lufthansa strebt „neues Zeitalter“ an

          Ganz so drastisch soll es nach der Ankündigung des Konzerns nicht kommen. Theorieunterricht wird es weiter geben an der Bremer Schule, die international einen guten Ruf für die Ausbildungsqualität genießt und einst vom Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr absolviert wurde. „Unter Beibehaltung dieser Qualitätsstandards wollen wir das bewährte Konzept nun modernisieren, effizienter und verlässlicher gestalten und mit digitalen Modulen in ein neues Zeitalter führen“, erklärt Vorstand Kayser.

          Das besänftigt bei der Vereinigung Cockpit aber niemanden. „Es ist eine Konzernstrategie, dass zu jedem Tarifbetrieb eine nicht-tarifierte Plattform in Konkurrenz aufgebaut wird“, sagt Walker. „Das sehen wir nicht nur in der Pilotenausbildung, sondern auch im Projekt Ocean für Passagierflüge und im Frachtbereich, in dem Aerologic neben Lufthansa Cargo operiert.“

          Zum Sommer legt Lufthansa neue Urlauberflüge der Marke Eurowings Discover auf, die im Konzern unter dem Namen „Projekt Ocean“ entwickelt wurden, Piloten unterliegen nicht dem Konzerntarif, einige sollen Zeitverträge haben. In Arbeitnehmerkreisen kursiert die Sorge, dass Ocean nicht auf eine einstellige Zahl an Langstreckenflugzeugen begrenzt bleibt. In der Frachtsparte, die in der Pandemie leidet, sieht die Vereinigung Cockpit Pläne zur Flottenerneuerung für Lufthansa Cargo in Frankfurt gekürzt und warnt das Frachtaufträge zur Leipziger Aerologic, einem Joint-Venture des Konzerns mit DHL, verlagert werden könnten.

          Auch für Pilotenschüler sieht die Gewerkschaft keinen Lichtblick. 700 angehende Flugzeuglenker lernen in Bremen, auch die japanische Gesellschaft ANA schickt ihre Schüler noch dorthin. Doch von 300 Personen, die sich speziell für den Lufthansa-Dienst ausbilden lassen, sollen offenbar nur etwa 70, die weit fortgeschritten, die Ausbildung wie geplant beenden können.

          Den übrigen hatte Lufthansa nahelegt, die Ausbildung abzubrechen. Andernfalls würden sie für ausstehende Lehrblöcke wohl zu externen Dienstleistern geschickt. „Den aktuellen Flugschülern ist mit der Neuausrichtung nicht geholfen. Das neue Konzept ist nur auf künftige Schüler nach 2022 ausgerichtet“, sagt Walker. „Die eingereichten Klagen, mit denen Flugschüler die Erfüllung ihrer bestehenden Ausbildungsverträge erreichen wollen, bleiben bestehen.“

          Umstrittenes Campus-Modell

          Lufthansa hebt derweil hervor zur Neuausrichtung hervor: „Den Rahmen eines sogenannten Campus-Modells bilden künftig zeitgemäße, digitale Ausbildungsformen sowie neue Auswahlverfahren.“ Die Campus-Ausbildung solle vergleichbar mit einem Studium nach einheitlichen Qualifizierungs- und Ausbildungsstandards und mit einem einheitlichen, international anerkannten Abschluss erfolgen.

          Dieses Campus-Modell löst dann in den konzerninternen Programmen das sogenannte Prinzip einer sogenannten ab-initio-Ausbildung, in dem Pilotenschüler speziell auf einen Einsatz bei Lufthansa mit Übernahmeaussicht geschult wurden. Damit wäre Schluss. Vorstand Kayser sagt, man reiche den Schüler auch insofern die Hand, „weil sie unter den neuen Kriterien zu einem späteren Zeitpunkt wieder Chancen auf einen Arbeitsplatz im Cockpit unserer Airlines haben.“

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