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Streik bei der Lufthansa : Balsam für die geschundene Piloten-Seele

Schüler beim Probesitzen im Lufthansa-Cockpit: Die Aufnahmeprüfungen bestehen nur die wenigsten Bild: Kretzer, Michael

Für ihre elitäre Haltung haben sie gute Gründe und mit Turbulenzen kennen sie sich ohnehin aus: Wie Lufthansa-Kapitäne mit den öffentlichen Attacken auf ihre Sonderstellung umgehen

          Glaubt man Ilona Ritter, können Piloten der Deutschen Lufthansa öffentlichen Gegenwind gut aushalten: „Diese Berufsgruppe ist den Umgang mit Widerständen und Turbulenzen schon von Berufs wegen gewöhnt“, sagt die Verhandlungsführerin der Vereinigung Cockpit (VC) im Gespräch mit dieser Zeitung. Spätestens seitdem die Folgen des dreitägigen Arbeitskampfes der 5.400 Lufthansa-Piloten bundesweit sichtbar werden, nimmt die Kritik an dieser Berufsgruppe massiv zu. Politiker in Berlin rufen zur Rückkehr zu Verhandlungen auf, Branchenverbände warnen vor einem Großschaden für die Exportindustrie, und in Massenmedien entlädt sich die geballte Wut der Passagiere auf die Maßlosigkeit jener Personen, die im Lufthansa-Konzern ohnehin die Spitzenverdiener sind.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Lange hält man einen solchen Dauerbeschuss nicht durch“, ist ein Spitzenfunktionär der Gewerkschaft der Fluglotsen überzeugt. Diese Spartengewerkschaft hatte in jüngster Vergangenheit mit aufreibenden Streikaktionen für Aufsehen gesorgt. Stattdessen macht sie neuerdings mit dem friedlichen Verlauf ihrer Tarifverhandlungen auf sich aufmerksam.

          Die öffentlichen Attacken auf die üppig versorgten Piloten ziehen nach Ansicht von Wirtschaftspsychologen nicht nur die Sonderstellung für die Garanten von Flugsicherheit in Zweifel, sondern weichen auch das Selbstwertgefühl eines elitären Berufsstandes auf. Dabei speist sich das elitäre Bewusstsein aus der Tatsache, dass nur ein Teil der Kandidaten die harten, mehrtägigen Aufnahmeprüfungen von Lufthansa und anderen namhaften Fluggesellschaften besteht. „Wer diese Auslese erfolgreich hinter sich gebracht hat, möchte danach die Früchte ernten“, umschreibt ein Pilotenfrischling das Erfolgserlebnis. Zwischen Berufseinstieg und einer Frührente, die bei Lufthansa frühestens mit 55 Jahren möglich ist, folgt dann ein Karriereverlauf, der ziemlich klar vorgezeichnet ist – was Dienstgrad und Einkommenshöhe angeht. Aus Gründen der Flugsicherheit für die Passagiere geht es dabei weniger um Leistung, sondern um Flugerfahrung – „safety first“ lautet die eherne Branchenregel, die dabei einem strikten Senioritätsprinzip folgt.

          Der Verweis auf Ärzte wird als Neidkomplex abgetan

          Aus dem Ersten Offizier an Bord wird im weiteren Berufsverlauf ein Kopilot und dann der Flugkapitän auf der Kurzstrecke. Als Krönung der Karriere winkt die Beförderung zum Flugkapitän auf der Langstrecke, die dann mit einem Spitzensalär von bis zu 250.000 Euro im Jahr inklusive Zulagen für Sondereinsätze belohnt wird. Weil nahezu alle namhaften Fluggesellschaften dem Senioritätsprinzip folgen und klare „Hackordnungen“ für Neu- oder Berufseinsteiger existieren, gibt es in der Branche fast keine Fluktuation. Die Folge: Lufthansa & Co. bilden nur Piloten für den eigenen Bedarf aus. Einen freien Markt für die Leistungsträger des Konzerns gibt es also nicht.

          „Piloten sind gefragt, also sind sie teuer“, sagt ein Cockpitführer, der sich zu Unrecht im Bekanntenkreis angefeindet fühlt, „soll der Preis für diese Berufsgruppe sinken, muss man mehr ausbilden.“ Falls das nicht geschehe, mache man sich von wenigen Anbietern dieser so wichtigen Dienstleistung abhängig.

          Die VC führt für die hohe Vergütung noch andere Gründe ins Feld. Piloten seien im beruflichen Einsatz sowohl für Menschenleben wie auch für teure Sachwerte verantwortlich. Zweifel an dieser Sonderstellung mit dem Verweis auf die Aufgaben der Ärzte werden als Neidkomplex abgetan. „Jeder, der die Leistung bringt, kann sich zum Piloten ausbilden lassen“, heißt es bei der VC, „die wenigsten schaffen es.“ Elitär eben.

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