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Thesen von Thomas Piketty : Der große Umverteiler ist wieder da

Thomas Piketty setzt sich für einen partizipativen Sozialismus ein, der Unternehmer und ihre Familien nicht privilegiert. Bild: AFP

Thomas Piketty hat mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ der ökonomischen Debatte eine neue Richtung verliehen. Sein Nachfolgeband erscheint jetzt auf Deutsch – und könnte damit bei Menschen, die von größeren Veränderungen träumen, Erfolg haben.

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          Die amerikanische Journalistin Mekita Rivas sorgte dieser Tage für Gesprächsstoff, als sie behauptete, mit den 500 Millionen Dollar, die Michael Bloomberg für seinen gescheiterten Wahlkampf ausgab, hätte man jedem der 374 Millionen Amerikaner eine Million Dollar schenken können und es wäre immer noch Geld für Bloomberg übrig geblieben. Frau Rivas hat es nicht so mit der Mathematik, aber die Vorstellung, durch Umverteilung von Reichen zu Armen ließen sich gewaltige Summen mobilisieren, ist nicht nur unter Anhängern von Politikern wie Bernie Sanders verbreitet, die mit dem Thema Ungleichheit punkten wollen.

          Intellektuelle Unterstützung für eine Politik kräftiger Umverteilung kommt seit langem von dem französischen Ökonomen Thomas Piketty, dessen im Jahre 2019 in Frankreich vorgelegtes neues Buch „Kapital und Ideologie“ nun auch in deutscher Sprache erscheint. Wie sein vor wenigen Jahren erschienener, mittlerweile berühmter Vorgänger „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ verbindet Piketty auch in seinem aktuellen Werk, das auf mehr als 1300 Seiten kommt, höchst umfangreiche wirtschaftshistorische Analysen mit politischen Vorschlägen, die sich nicht zwingend aus den wirtschaftshistorischen Betrachtungen ableiten lassen.

          Piketty schlägt sich nicht auf die Seite einer Ideologie

          Piketty wendet sich entschieden gegen die Vorstellung, Ungleichheit sei eine notwendige Erscheinung wirtschaftlichen Erfolgs in einer auf privatem Eigentum beruhenden Gesellschaft, in der die Reichen zwar reicher sind als die Armen, wirtschaftlicher Fortschritt aber nicht nur den Reichen zugutekomme. Stattdessen postuliert er: „Eine wichtige Schlussfolgerung aus der historischen Analyse wird lauten, dass es der Kampf für Gleichheit und Bildung war, der die Wirtschaftsentwicklung und den menschlichen Fortschritt möglich gemacht hat, nicht die Heiligsprechung von Eigentum, Stabilität und Ungleichheit.“

          Seine Furcht ist, dass ein neuer Nationalismus großen Schaden anrichten wird, wenn der in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern zugenommenen Ungleichheit der Einkommen und der Vermögen nicht Einhalt geboten wird. Als unabwendbar sieht Piketty, der sich selbst als Optimisten bezeichnet, den Weg in die Düsternis nicht. So wie er liberales Denken kritisiert, so lehnt er eine materialistische Sichtweise der Geschichte, wie sie den Marxismus kennzeichnet, ab.

          Ideen sind dem Franzosen wichtig; nach seiner Ansicht können sich Verhältnisse ändern, wenn sich die Art und Weise, wie die Menschen über die Welt denken, ändert: „Es kommt in der Geschichte ganz entscheidend auf Ideen und Ideologien an.“ Nichts sei vorbestimmt, und angesichts der vielen Bedrohungen unserer Welt müsse schnell gehandelt werden.

          Mit der Bedeutung von Ungleichheit als einer wichtigen Triebkraft des zeitgenössischen Populismus nennt Piketty einen Punkt, den auch andere Sozialwissenschaftler unterschreiben würden. Der Franzose ist kein Gegner der Globalisierung, der er eine Art janusköpfigen Charakter zuweist: „Zwischen dem Sockel und der Mitte der globalen Einkommenspyramide sind die Einkommensunterschiede kleiner, zwischen der Mitte und der Spitze sind sie größer geworden. Der eine Aspekt der Globalisierung ist so real wie der andere.“

          Auf die Möglichkeit, mit Rezepten traditioneller sozialdemokratischer Parteien auf die Herausforderungen unserer Zeit zu reagieren, vertraut Piketty nicht: „Das sozialdemokratische Programm hat nach dem Scheitern des Kommunismus nie ernsthaft versucht, die Bedingungen gerechten Eigentums neu zu denken.“ So habe ihre Bildungspolitik die Sozialdemokraten zur „Partei der Hochgebildeten“ gemacht – nur habe man darüber die „benachteiligten Schichten“ verloren.

          Grundausstattung von 120.000 Euro

          Nein, Piketty will radikaler vorgehen, und es ist gerade sein Vertrauen in Ideen und Ideologien, das ihm den Flug seiner Gedanken gestattet. In einer Ideenwelt, in der es Markt und Wettbewerb, Gewinn und Lohn, Kapital und Schulden, Steuerparadiese und Wettbewerbsfähigkeit „als solche“ gar nicht gibt, weil sie lediglich „soziale und historische Konstruktionen“ darstellten, fällt es leicht, die Welt anders zu denken.

          In seiner Vorstellung eines „partizipativen Sozialismus“ existiert nur noch ein „soziales und temporäres Eigentum“ sowie eine Vermögensteuer, deren Satz bis zu 90 Prozent reicht. Mit den so eingenommenen Mitteln könnten junge Menschen eine Ausstattung von 120.000 Euro je Kopf erhalten. Alle Einwände, die auf technische Hürden abzielen, weist Piketty mit der Grandezza des Freigeists zurück: Kapitalflucht von Vermögenden aus einem Land sei kein Problem, wenn man nur eine Art internationales Finanzkataster anlege.

          Traditionelle Ökonomen halten Piketty natürlich eine Unterschätzung der Bedeutung von Anreizen für menschliches Verhalten vor: Sowohl erfolgreiche Unternehmer, denen man den größten Teil ihres Gewinns wegnehme, wie auch junge Leute, denen man einfach einen sechsstelligen Betrag in die Hand drücke, erhielten den fatalen Eindruck, dass sich wirtschaftliche Leistung nicht lohne. Dem hält Piketty zum einen entgegen, dass die Bedeutung des Unternehmers für den wirtschaftlichen Erfolg überschätzt werde. Grundsätzlich meint er, dass die häufig spezialisiert arbeitenden Ökonomen gegenüber breiter sozialwissenschaftlich aufgestellten Kollegen benachteiligt seien.

          Es ist unwahrscheinlich, dass Piketty mit seinem neuen Buch die Fachwelt erobert. Bei Mekita Rivas und vielen anderen Menschen, die von größeren Veränderungen träumen, könnte er mehr Erfolg haben.

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