https://www.faz.net/-gqe-rxhc

Philosophie : Muß der Staat Kinder finanzieren?

Liberal geprägte Ökonomen würden wohl prinzipiell die These unterschreiben, daß die Entscheidung für oder gegen Kinder eine reine Privatangelegenheit von Paaren sei und der Staat hier überhaupt nichts zu suchen habe. Das ist aber nur die Theorie.

          Wenn der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar das deutsche Bildungssystem betrachtet, überfällt ihn das kalte Grausen. Als Präsident des Hamburger HWWA-Instituts theoretisch versiert und als Vater dreier Kinder auch praktisch erfahren, kann er es nicht fassen: "In Deutschland müssen Eltern Kindergartenplätze privat bezahlen, während das Studium an einer Universität vom Staat finanziert wird. Das ist doch von vorgestern", empört sich Straubhaar.

          „Aus einer Vielzahl von Studien ist bekannt, daß im Alter von drei bis fünf Jahren die Weichen für die Zukunft eines Menschen gestellt werden. Kinder müssen schon in frühen Jahren gefördert und gefordert werden.“ Die miteinander verbundenen Themen "alternde Gesellschaft" und "Kindermangel" halten die Gesellschaft im Griff und beschäftigen damit auch die Fachwelt. Viele, vor allem liberal geprägte Ökonomen würden wohl prinzipiell die These unterschreiben, daß die Entscheidung für oder gegen Kinder eine reine Privatangelegenheit von Paaren sei und der Staat hier überhaupt nichts zu suchen habe. Konsequent weitergedacht, heißt das: Es besteht eigentlich auch kein Anlaß für den Staat, Kinder finanziell zu fördern.

          Die Praxis sieht anders aus

          Das ist, wohlgemerkt, die Theorie. "Grundsätzlich sind Kinder keine Staatsaufgabe", sagt auch Clemens Fuest, Finanzwissenschaftler an der Universität Köln. Aber neben der Theorie existiert noch eine Praxis, und die sieht anders aus.

          Unsere umlagefinanzierten Sozialsysteme, in der letztlich die Jungen die Alten finanzieren, seien zwar falsch angelegt, konstatiert Fuest. "Aber da sie nun einmal so sind, wie sie sind, kann es Staat und Gesellschaft nicht gleichgültig sein, wie viele Kinder auf die Welt kommen und unter welchen Bedingungen die Kinder aufwachsen. Somit wird die Förderung von Kindern unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen dann doch zu einer Staatsaufgabe."

          Philosophie versus Ökonomie

          Straubhaar siedelt die Debatte auf einer etwas höheren Ebene an. "Es geht hier nicht nur um Ökonomie, sondern auch um Philosophie", meint der Schweizer, der sich um die Gerechtigkeit zwischen den Generationen sorgt. "Man kann sich nicht die Gesellschaft aussuchen, in die man geboren wird. Es muß uns daran gelegen sein, unseren Nachkommen eine Welt zu hinterlassen, in denen sie sich wohl fühlen. Das heißt aber auch, daß Kinder schon in der Vorschule nach Kräften gefördert werden. Mit Unterstützung des Staates." In Deutschland würden Kindergärten und Vorschulen aber nach wie vor als eine Art Verwahranstalt betrachtet, in der sich die Kinder vor allem die Zeit vertrieben.

          Eine Vorschule, die fördert, die Kinder aber gleichzeitig auch fordert, könnte nach Ansicht Straubhaars auch eine weitere deutsche Fehlentwicklung korrgieren: "Das deutsche Bildungssystem schafft keine Chancengleichheit, sondern zementiert schon in frühen Jahren die Unterschiede." So könne eine qualifizierte Vorschule Ausländerkindern helfen, die Landessprache zu lernen und damit ihre Integretion zu erleichtern. Einig sind sich Straubhaar und Fuest in der These, daß die finanzielle Förderung durch den Staat nicht notwendigerweise gleichbedeutend ist mit einem Betrieb von Kindergärten durch den Staat. Eltern sollten durchaus Wahlmöglichkeiten besitzen, wohin sie ihre Kinder schicken.

          Es darf nicht nur über Geld geredet werden

          Straubhaar favorisiert eine für deutsche Verhältnisse radikale Veränderung durch die Ausgabe von Bildungsgutscheinen durch den Staat. Ihre Laufzeit würde ein Jahr betragen und es dem Kind ermöglichen, eine seinem Alter und seiner Leistungsfähigkeit entsprechende Bildungseinrichtung zu besuchen.

          Fuest findet das aktuelle Finanzierungsmodell von Kindergärten gar nicht schlecht, in dem der Staat einen Teil der Kosten trägt und die Eltern nach ihrem Einkommen gestaffelte Gebühren zahlen. Das Kindergeld zu reduzieren, um mehr Geld direkt in Kindergärten zu investieren, hält er für abwegig.

          Der Kölner Ökonom gibt noch etwas anderes zu bedenken: Es darf nicht nur über Geld geredet werden, wichtig bleibt die Frage, wie sich das Leben Berufstätiger mit Kindern organisieren läßt. „Was nützt mir ein Kindergarten, der nur von 8 bis 17 Uhr öffnet?“ fragt Fuest. „Wir brauchen Öffnungszeiten von 7 bis 20 Uhr.“ Mit derart praktischen Erwägungen befaßt sich die deutsche Debatte über Kinder allerdings nur selten.

          Weitere Themen

          Das ist das teuerste Land Europas Video-Seite öffnen

          17 Euro für eine Pizza : Das ist das teuerste Land Europas

          Für eine Einzimmerwohnung in Reykjavik werden durchschnittlich 1300 Euro fällig, für eine Pizza zahlt man 17 Euro und selbst eine Flasche Bier kostet sieben Euro – das Leben in Island ist eindeutig nichts für Sparfüchse.

          Topmeldungen

          Des einen Freud’: Der Bund gibt viel Geld für Pensionen aus.

          Beamte im Ruhestand : Die Pensionslasten steigen um 70 Milliarden Euro

          Den Bund kommen die Gehälter und Beihilfen für seine Beamten im Ruhestand immer teurer zu stehen. Inzwischen rechnet er mit einem Betrag von deutlich mehr als 700 Milliarden Euro. Darunter leiden vor allem die Länder.
          Gratulation vom Präsidenten: Emmanuel Macron (links) mit Julian Alaphilippe.

          Hochspannung beim Radsport : Frankreich dreht bei der Tour am Rad

          Was ist nur los bei dieser Tour de France? Alles, was sicher schien, ist ins Wanken geraten. Frankreich hat einen Mann im Gelben Trikot – und einen, der das wichtigste Radsport-Rennen der Welt gewinnen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.