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Personalwechsel in der EZB : Die neue rechte Hand von Mario Draghi

Philip Lane im Mai 2016 in Dublin Bild: Bloomberg

Der Ire Philip Lane wird nächster Chefvolkswirt der EZB. Er gilt als hochkompetent, aber auch als „Taube“. Wie Draghi steht er für eine lockere Geldpolitik und Niedrigzinsen.

          Der Chefvolkswirt ist der zweitwichtigste Posten in der Europäischen Zentralbank (EZB). Er berät den EZB-Chef und prägt die Debatten im 25-köpfigen Rat der Zentralbank. Seit acht Jahren hat Peter Praet diesen einflussreichen Posten inne. Der Belgier zählte mit dem Franzosen Benoît Cœuré zum „Küchenkabinett“ von EZB-Chef Mario Draghi. In der kleinen Runde wurden die wesentlichen Entscheidungen vorbereitet: die Null- und Negativzinsen ebenso wie das große und umstrittene Anleihekaufprogramm.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Nächster Chefvolkswirt wird nun Philip Lane, auf diesen Vorschlag haben sich die Finanzminister der Eurogruppe am Montag geeinigt. Formell beschlossen wird die Personalie von den Staats- und Regierungschefs im März. In Frankfurt hört man in Notenbankkreisen, sowohl in der EZB als auch in der Bundesbank, viel Gutes über den Iren. Er wird als hochkompetent und pragmatisch bezeichnet. Der 49 Jahre alte Lane gilt als einer der renommierten irischen Makroökonomen. Seit November 2015 ist er als Nachfolger von Patrick Honohan Gouverneur der irischen Notenbank und in dieser Funktion Mitglied des EZB-Rates. Dort zählt er – wie Praet – zur Fraktion der „Tauben“, die eher für eine lockere Geldpolitik eintreten. Lane hat sämtliche Schritte von Praet und Draghi in Bezug auf das Anleihekaufprogramm unterstützt.

          Bevor er 2015 in die Geldpolitik wechselte, war Lane fast zwei Jahrzehnte lang Professor am Trinity College in Dublin, wo er einen Lehrstuhl für politische Ökonomie innehatte. Zuvor arbeitete er unter anderem zwei Jahre an der Columbia University in New York. Das Ranking der Datenbank RePEc (Research Paper in Economics) listet ihn unter den top 5 Prozent der Wirtschaftswissenschaftler weltweit. Promoviert wurde er 1995 an der amerikanischen Harvard-Universität. Aufgewachsen ist er in Blackrock, einem Vorort von Dublin. Der Familienvater ist Fußballfan und Anhänger des FC Liverpool.

          Risiken des Klimawandels

          Irland hat in der Finanzkrise vor zehn Jahren einen tiefen Absturz durchgemacht. Die Großbanken des Landes gerieten damals ins Wanken, einige gingen pleite und kosteten die Steuerzahler Milliarden. Philip Lanes Zentralbank-Büro in Dublin liegt in einem Glasgebäude nahe dem Hafen, das eigentlich die Anglo Irish Bank, die berüchtigste der Pleitebanken, für sich bauen ließ. Die Anglo Irish konnte das schicke Gebäude nicht mehr beziehen.

          Da erwarb die Notenbank die Bauruine und richtete sich ein. Irland selbst ist erstaunlich dynamisch aus der Krise gekommen, seine wirtschaftsliberalen Gesetze und flexiblen Märkte haben geholfen ebenso wie ein harter Spar- und Reformkurs. Irlands Wirtschaft wächst derzeit am schnellsten von allen EU-Ländern – so schnell, dass manche schon vor einer Überhitzung der Konjunktur und des Immobilienmarktes warnen.

          In seiner Zeit als Notenbankchef hat Lane immer wieder eine vorsichtige staatliche Haushaltspolitik in seinem Heimatland angemahnt: Vergangenen Sommer forderte er die Regierung in Dublin auf, „ehrgeizigere Haushaltsüberschüsse“ anzustreben, um zu verhindern, dass die stark expandierende Wirtschaft überhitze. Die Politiker müssten in Phasen der Hochkonjunktur fiskalische Puffer für schlechtere Zeiten aufbauen.

          Jüngst hat Lane auch auf die wachsende Bedeutung des Klimawandels für die Stabilität des Finanzsystems hingewiesen: Die Zentralbanken müssten „eine führende Rolle“ einnehmen, um sicherzustellen, dass die Finanzmarktteilnehmer den Herausforderungen des Klimawandels Priorität einräumten, sagte er in einem Vortrag im irischen Galway. Der Klimawandel müsse in Zukunft auch bei Risikoanalysen und Stresstests berücksichtigt werden.

          Auf wenig Zustimmung in Deutschland stießen indes Lanes Vorstöße für eine neue spezielle Art von europäischen Anleihen namens „Esbies“, die manche Ökonomen als abgewandelte Form von Eurobonds, also Anleihen mit Gemeinschaftshaftung, ansehen. Als Leiter einer EU-Arbeitsgruppe warb Lane für die „European Safe Bonds“, strukturierte Wertpapiere aus einem Bündel von verschiedenen europäischen Staatsanleihen. Angesichts der breiten Kritik sprach Lane von „falschen Wahrnehmungen“.

          Potentielle Nachfolger von Draghi

          Seine Berufung zum EZB-Chefvolkswirt ist das Vorspiel zum großen Poker um die EZB-Spitzenpersonalie: die Nachfolge von Mario Draghi. Der Italiener wird im Oktober 2019 nach achtjähriger Amtszeit ausscheiden. Nach der Europawahl im Mai geht die Suche nach dem künftigen EZB-Chef in die heiße Phase. Bundesbankpräsident Jens Weidmann galt bis vergangenes Jahr als Favorit, obwohl der deutsche Draghi-Kritiker in den Euro-Südländern auf Widerstände gestoßen wäre. Aber Weidmanns Chancen sind drastisch geschwunden, da Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine Anstalten machte, ihn zu unterstützen.

          Stattdessen stellte sie sich hinter den CSU-Politiker Manfred Weber als Kandidaten für den nächsten Chefposten in der EU-Kommission. Würde Webers Europäische Volkspartei die EU-Wahl gewinnen und Weber in Brüssel den Kommissionschefposten ergattern (was auch davon abhängt, ob die EVP zusammen mit den Sozialdemokraten überhaupt noch eine Mehrheit der Sitze erringt), dann wäre ein Deutscher in der EZB-Spitze den anderen Euroländern nicht vermittelbar.

          Anders sieht es aus, wenn Webers Ambitionen scheitern. Dann wäre Weidmann wieder im Rennen. In Umfragen sehen Ökonomen derzeit aber eher den französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau, den finnischen Notenbanker Olli Rehn oder den Pensionär Erkki Liikanen als die aussichtsreichen Kandidaten für den neuen EZB-Präsidenten, dem Lane dann in den kommenden acht Jahren zuarbeiten wird. Wer auch immer es wird: Schnelle und große Zinserhöhungen erwartet kaum ein Marktteilnehmer. Der erste, kleine Zinsschritt dürfte nicht vor 2020 kommen.

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