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Pharmabranche : Eine Pille gegen die Korruption

Die Pharmabranche steht unter dem Generalverdacht, Apotheker und Ärzte zu bestechen. Konzerne wie Astra-Zeneca treiben den Plan voran, alle ihre Zahlungen an Mediziner offenzulegen. Denn die Justiz allein kann die Grauzonen im Gesundheitsmarkt nicht beseitigen.

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          Was haben Kühlschränke und Klimaanlagen mit Medikamenten zu tun? Gabriel Baertschi hat es schnell herausgefunden, als er 2006 für den britisch-schwedischen Pharmakonzern Astra-Zeneca nach Vietnam versetzt wurde. Unverhohlen seien die Ärzte in Südostasien mit großzügigen Geschenken für den Privatgebrauch bestochen worden, berichtet er, damit sie mehr Präparate von bestimmten Anbietern verordneten. „Unsere Branche hat dort alles falsch gemacht, was falsch zu machen war. Das lief unter dem Radar.“ Seit knapp zwei Jahren führt Baertschi nun die Geschäfte von Astra-Zeneca in Deutschland. Mit Ende dreißig zählt der Manager aus der Schweiz zu den Hoffnungsträgern des Unternehmens. Sein Ehrgeiz lässt sich auch daran messen, dass er es nach den Erfahrungen in Asien nun mit den Gepflogenheiten im deutschen Gesundheitssystem aufnehmen will. „Es sollte keine Geheimnisse mehr geben“, fordert er. Konkret: Wenn ein Arzt von einem Pharmakonzern Geld bekommt oder zum Essen eingeladen wird, soll jeder das nachher auf einer im Internet veröffentlichten Liste nachlesen können. „Mir wäre es am liebsten, wir würden schon im kommenden Jahr damit anfangen“, sagt Baertschi.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ganz so schnell wird es nicht gehen, den Alleingang traut sich der Konzern nicht zu. Und der Vorstand des europäischen Dachverbands der Arzneimittelhersteller (Efpia) schaltet sich in dieser Woche zwar zu einer Telefonkonferenz zusammen, um über eine Veröffentlichungspflicht zu beraten, die für die Branche und viele Ärzte einen drastischen Bruch mit den bequemen Verhaltensmustern früherer Tage bedeuten würde. Der Entwurf sieht vor, Geschenke, Spenden und Honorare, Ausgaben für Veranstaltungen und Einladungen, Studien und Beratungsdienstleistungen mit Namensnennung des Empfängers zu publizieren. Einen Beschluss über den Kodex erwarten Verhandlungsteilnehmer aber erst Mitte 2013. Und während die Pflicht zur Offenlegung zunächst ab 2014 gelten sollte, ist inzwischen eine Verschiebung des Termins um ein Jahr vorgesehen. Zur Begründung heißt es, einige Mitgliedsunternehmen müssten zuerst noch entsprechende Dokumentationssysteme einrichten. Außerdem sei der Datenschutz heikel.

          In den Vereinigten Staaten machen freilich manche Hersteller schon jetzt ziemlich genau das, was Gabriel Baertschi auch für Europa vorschwebt. Pfizer, mit einem Umsatz von rund 67 Milliarden Dollar der größte Pharmakonzern der Welt, hat im Frühjahr zum dritten Mal einen Bericht über seine jährlichen Zuwendungen an Ärzte und Gesundheitsorganisationen ins Netz gestellt - im Vorgriff auf ein schon vor drei Jahren verabschiedetes Gesetz, über dessen Ausführungsbestimmungen immer noch diskutiert wird. Der „Sunshine Act“ sieht vor, dass jede Zuwendung, die mehr als 10 Dollar wert ist, dokumentiert und publiziert wird, mit Namensnennung und Verwendungszweck. Zwei Beispiele aus der 106 786 Einzelposten langen Liste von Pfizer: Der Psychiater Carl Aagesen aus Iowa wurde für 99 Dollar zum Essen eingeladen, der Chirurg Brian Zuckerbraun aus Pittsburgh bekam 1750 Dollar für eine Moderation. „Wir können warten, bis es auch in jedem einzelnen Land in Europa ein solches Gesetz gibt“, sagt Gabriel Baertschi. „Oder wir gehen als Branche voran.“

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