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Pharma : Akt der Verzweiflung

  • -Aktualisiert am

Tradition trifft Moderne: Michael Römer und Ernesto Bertarelli Bild: dpa

Mit der Übernahme von Serono steuert Merck in unsicheres Fahrwasser. Unterschiedliche Unternehmenskulturen, geringe Präsenz in Amerika und ein nicht gerade niedriger Kaufpreis legen nahe, daß Schering der einfachere Deal gewesen wäre.

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          Der Kauf des größten europäischen Biotechnologieunternehmens Serono durch das älteste pharmazeutische Unternehmen der Welt, die Darmstädter Merck KGaA, ist ein Akt der Verzweiflung. Die Sparte von Merck, die sich auf die Entwicklung und den Verkauf innovativer Arzneimittel konzentriert, ist im Vergleich zum Wettbewerb mit Namen wie Pfizer, Glaxo Smith Kline oder Sanofi-Aventis viel zu klein. Ein wichtiger Hoffnungsträger aus der eigenen Forschung hat erst vor kurzer Zeit in einer späten Phase der klinischen Prüfung versagt.

          Einen Blockbuster, also ein Medikament, mit dem im Jahr mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt werden, hat Merck bisher nicht im Angebot. Gerade diese Präparate sind für die Branche aber besonders lukrativ. Und mit Forschungsausgaben von gerade einmal 442 Millionen Euro im Jahr kann Merck in dieser Sparte nur auf Glück hoffen. Selbst im Vergleich mittelgroßer Pharmaunternehmen ist die Summe zu niedrig. Und Merck ist in den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Pharmamarkt der Welt, bisher nicht nennenswert vertreten.

          Novartis und Pfizer nahmen Abstand von Serono

          Diese Scharten wollte Merck schon im Frühjahr mit dem Kauf des Berliner Wettbewerbers Schering auswetzen. Das ist am höheren Gebot von Bayer gescheitert. Der Handlungsdruck wurde damit noch größer. Viele andere Gelegenheiten zur Verstärkung auf dem Weltpharmamarkt gibt es nicht - jedenfalls nicht in einer für Merck bezahlbaren Form. Da kam es gerade recht, daß Serono und sein illustrer Mehrheitsaktionär Ernesto Bertarelli ihrerseits im Frühjahr mit dem Versuch erfolglos geblieben waren, das Unternehmen für viel Geld zu verkaufen. Kolportiert wurde damals ein erhoffter Kaufpreis von 13 bis 15 Milliarden Euro. Namhafte Pharmaunternehmen, darunter Novartis und Pfizer, haben die Übernahme geprüft - und Abstand genommen.

          Bertarelli mußte die Verkaufspläne offiziell zurücknehmen und kündigte an, fortan selbst in das eigene Wachstum investieren zu wollen. So ganz ernst gemeint war das wohl nicht, denn der gemeinsam mit der Investmentbank Goldman Sachs ausgearbeitete Vorschlag einer Verbindung von Merck und Serono stieß bei Bertarelli schnell auf große Gegenliebe. Merck war bereit, für die Serono-Aktie den Preis zu bezahlen, den sie zuletzt nur wegen der von Bertarelli angefachten Übernahmespekulationen erreicht hatte.

          Das Geldausgeben hat in Darmstadt noch kein Ende

          Mit dem Kauf von Serono folgt Merck nun zwar der allgemein zu beobachtenden Tendenz einer stärkeren Anlehnung traditioneller Pharmakonzernen an moderne Biotechnologieunternehmen. Aber die Güte und Kraft der Verbindung der Schweizer Roche mit der amerikanischen Genentech haben Merck und Serono nicht. Die Produkte und die Forschungsprojekte von Serono haben andere Pharmakonzerne im Frühjahr nicht überzeugt.

          Bei Merck mag sich die Lage anders darstellen. Für Merck könnte das bei Serono Vorhandene wegen der eigenen Lücken im Produktportfolio wertvoller sein als zum Beispiel für Pfizer. Ob die Produkte im Regal von Serono aber ausreichen, um kurzfristig die Lücken im Regal von Merck zu füllen, darf bezweifelt werden. Schon werden die umfangreichen Kenntnisse von Serono beim Erwerb von Rechten an Medikamenten gelobt, die von Dritten entwickelt worden sind. Solche Einlizenzierungen wird es in der Zukunft noch manche geben müssen, um alle offenen Fragen zur Zukunft der Pharmasparte von Merck zu beantworten. Das Geldausgeben hat in Darmstadt also noch lange kein Ende.

          Quersubverntionierung funktioniert

          Die Aktionäre kann es lediglich trösten, daß das in der Chemiesparte von Merck boomende Geschäft mit Flüssigkristallen für Flachbildschirme genug Geld in die Kassen spült, um den - in der Tat unerläßlichen - Ausbau der Pharmasparte unter hohem Risiko voranzutreiben. Daß diese Quersubventionierung funktioniert, ist eine große Stärke des Mischkonzerns Merck und einer Struktur, von der sich viele andere Unternehmen der Branche längst verabschiedet haben.

          Bertarelli hat es jedenfalls geschafft, die Darmstädter mit seinem weltmännischen Charme zu neuen Eignern des repräsentativen Serono-Unternehmenssitzes in Genf zu machen. Er kann sich nun ganz auf den nächsten America's- Cup-Segelwettbewerb konzentrieren. Für Merck-Chef Michael Römer und sein Team hingegen gilt es, zwei ganz unterschiedliche Unternehmenskulturen zu einem homogenen Gebilde zusammenzuführen. Dort die kreativ-verrückte Forschung eines Biotech-Unternehmens im exklusiven Genf, hier die Herangehensweise eines sehr traditionsreichen Pharmakonzerns im etwas biederen Darmstadt. Ob das gutgeht? In jedem Fall hat sich Merck mit dem Kauf von Serono auf ein größeres Wagnis eingelassen als beim angestrebten Geschäft mit Schering und seiner mit Merck durchaus vergleichbaren Kultur.

          Nur ein Fuß in der Tür

          Man dürfe diese beiden Transaktionen gar nicht miteinander vergleichen, sagen die Berater von Merck. Warum eigentlich nicht? Mit Schering wäre Merck in den Vereinigten Staaten stärker vertreten gewesen. Mit Serono bekommt Merck dort lediglich einen Fuß in die Tür, die es in der Zukunft weiter aufzudrücken gilt. Bei Schering hätte Merck einen größeren Teil des Kaufpreises über Synergien hereinholen können. Die Geschäfte mit Serono überschneiden sich zwar nicht so stark, was die Integration vereinfachen könnte. Aber auch vor dem Hintergrund der nur geringen Sparmöglichkeiten wirkt der Kaufpreis von 10,6 Milliarden Euro in bar reichlich hoch.

          Verpaßten Gelegenheiten wie bei Schering soll man andererseits nicht hinterhertrauern. Merck hat beherzt eine neue Chance ergriffen. Doch das Fahrwasser, in das das Unternehmen nun hineinsteuert, ist unruhig.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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