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F.A.Z. Exklusiv : Deutschland fehlen hunderttausende Pflegeheimplätze bis 2040

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Bild: dpa

In Deutschland fehlen nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Heimplätze. Ohne privates Kapital geht es nicht, sagen Forscher – sie plädieren für eine weniger strikte Regulierung.

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          Deutschland altert und wird deshalb auf absehbare Zeit nicht nur deutlich mehr Pflegekräfte brauchen, sondern auch mehr Heimplätze. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in ihrem neuen Pflegeheim-Rating-Report, der alle zwei Jahre erstellt wird und der F.A.Z. vorab vorliegt. Sie rechnen damit, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen von aktuell rund 4,1 Millionen auf 4,9 Millionen im Jahr 2030 und sogar 5,6 Millionen im Jahr 2040 steigen wird. Dementsprechend würden bis 2040 weitere 322.000 stationäre Pflegeplätze benötigt, schreiben sie. Heute leben rund 820.000 Menschen in einer solchen Einrichtung.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die erforderlichen Investitionen beziffern die Autoren auf bis zu 125 Milliarden Euro. Öffentliches oder freigemeinnütziges Kapital allein werde dafür nicht ausreichen, schreiben sie und plädieren dafür, den streng regulierten Markt für private Investoren attraktiver zu machen. Denen wird in der Altenpflege oft Profitgier auf Kosten von Mitarbeitern und Heimbewohnern vorgeworfen. Die SPD wagte vor zwei Jahren sogar einen Vorstoß, die Gewinne privater Pflegeheimbetreiber zu begrenzen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich dafür grundsätzlich offen. „Ohne privates Kapital wird es kaum möglich sein, ein ausreichend großes Angebot zu schaffen“, sagt nun aber RWI-Gesundheitsforscher Ingo Kolodziej. Es werde jedoch nur bereitgestellt, wenn es „risikogerecht verzinst“ werde, sprich: wenn sich die Investition lohnt.

          Die Situation sei angespannt

          Nun ist der rund 60 Milliarden Euro schwere Pflegemarkt einerseits ein recht zuverlässiger Markt, weil sich auf Jahre und Jahrzehnte absehen lässt, wie groß der Bedarf sein wird. Zugleich hat sich die wirtschaftliche Lage der rund 15.400 Pflegeheime in den vergangenen Jahren jedoch kontinuierlich verschlechtert. Wie aus der RWI-Analyse hervorgeht, schrieben vor fünf Jahren nur rund 10 Prozent der Pflegeheime einen Jahresverlust. 2019 waren es schon 26,5 Prozent – mehr als jedes vierte. Das haben die Forscher durch eine Analyse von 427 Jahresabschlüssen ermittelt, die mehr als 2100 Pflegeheime aus allen Bundesländern und 14 Prozent des Marktes erfassen.

          Die Wissenschaftler beschreiben die Situation als „angespannt“. So erwirtschaftete das durchschnittliche Heim der Studie zufolge im Jahr 2019 einen Gewinn nach Steuern von nur noch 0,9 Prozent der Erlöse. Als Grund nennen die Autoren einen zunehmenden Kostendruck, auf dessen Ursachen allerdings nicht näher eingegangen wird. Er könnte unter anderem auf überdurchschnittlich starke Steigerungen der Personalkosten zurückzuführen sein. Auffällig ist, dass Ketten – in Deutschland zählen etwa der französische Korian-Konzern oder die Alloheim-Gruppe aus Düsseldorf zu den größten Anbietern – mit einer Marge von 1 Prozent profitabler sind als einzelne Einrichtungen (0,5 Prozent) und seltener einen Jahresverlust verbuchen. Zugleich ist der Anteil der Heime mit einem Verlust unter privaten Betreibern aber besonders hoch. Über alle Träger hinweg sah sich etwa jede fünfte Einrichtung einer erhöhten Insolvenzgefahr ausgesetzt.

          Wie sich die Corona-Krise auf die Ertragslage der Heime ausgewirkt hat, wird in dem Bericht nicht untersucht. Eine Sonderanalyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon deutet darauf hin, dass der Anteil der Einrichtungen mit Verlusten dank des jüngst noch einmal verlängerten Pflegerettungsschirms deutlich kleiner geworden sein könnte. Für 2021 rechnen viele von ihnen aber wieder mit rückläufigen Ergebnissen.

          Um trotz alledem mehr private Investoren anzulocken, raten die Forscher dazu, die Regulierungsdichte zu reduzieren und die unternehmerische Handlungsfreiheit auszuweiten. So gibt es heute zum Beispiel 16 Landesheimgesetze, und von Bundesland zu Bundesland gelten unterschiedliche Bauvorschriften und Personalvorgaben. Regelungen zur Heimgröße oder zum Anteil der Einbettzimmer seien jedoch überflüssig, sagt Kolodziej. Zudem verteuerten sie den Betrieb und die Investitionen in neue und bestehende Einrichtungen. „Manche Investoren dürften sich daher aus Bundesländern mit hoher Regulierungsdichte zurückziehen, sodass sich das Angebot verknappt.“

          Wie der Bericht zeigt, haben private Betreiber in der Vergangenheit tatsächlich einen großen Beitrag dazu geleistet, dass das Angebot an Pflegeplätzen steigt. So hat sich die Zahl der Heimplätze in privater Trägerschaft seit 1999 mehr als verdoppelt, während die Plätze bei freigemeinnützigen Trägern wie der AWO, der Diakonie oder der Caritas nur um 28 Prozent zugelegt haben. Die Zahl der Plätze in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft – in der Regel stehen dahinter Gemeinden oder Kreise – ist hingegen um ein Fünftel gesunken. Insgesamt stagnierte die Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen versorgt werden, zuletzt allerdings, während der Anteil der ambulanten Pflege und auch der Menschen, die zu Hause durch ihre Angehörigen versorgt werden, weiter gewachsen ist. Die ambulante Pflege wurde durch mehrere Gesetze auch finanziell gestärkt. Durch die Pandemie und die Aufnahmestopps in den Heimen könnte sich dieser Trend beschleunigt haben.

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