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Pflegefall Krankenversicherung (5) : Zwischen Rationierung und höheren Beiträgen

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Bild: F.A.Z.

Auf lange Frist ist die gesetzliche Krankenversicherung in ihrer heutigen Form nicht mehr finanzierbar. Doch einen klaren Ausweg aus dem demographischen Dilemma weisen auch die Fachleute nicht. Der Streitgeht weiter.

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          Auf lange Frist ist die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in ihrer heutigen Form nicht mehr finanzierbar. Das sagt der Wirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen und verweist auf die Alterung der Gesellschaft.

          Gerade mal vier knappe Sätze benötigt er, um seine These zu begründen: Die Einnahmen sinken, weil es wegen des Geburtenrückgangs weniger Beitragszahler gibt. Die Ausgaben steigen, weil die Zahl der über 60 Jahre alten Bürger wächst und deren Lebenserwartung zunimmt. Leistungen werden damit nicht nur länger, sondern in höherem Alter auch in steigendem Maß in Anspruch genommen. Der nicht kalkulierbare medizinische Fortschritt führt dazu, daß der Leistungskatalog stetig ausgeweitet wird.

          Zwei der drei Kernaussagen sind beinahe unanfechtbar: Die Alterung der Gesellschaft ist dokumentiert, die Lebenserwartungen heutiger Generationen sind auf den Monat genau ausgerechnet. Der medizinische Fortschritt hat in den vergangenen Jahren mit neuen Arzneien und Behandlungsformen kostentreibend gewirkt. Einsparungen durch verbesserte Therapien oder verkürzte Liegezeiten in Kliniken wurden durch neue Gesundheitsangebote mehr als wettgemacht. Umstritten aber ist die These, daß alte Menschen häufiger krank sind als jüngere und deshalb höhere Kosten verursachen. Umstritten ist damit auch der Verdacht, daß das Krankenkassensystem durch die längere Lebenserwartung und durch die steigende Zahl der Alten doppelt in die Zange genommen wird.

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          Zusammenhang von Alter und höheren Kosten nicht unbestritten

          Die nackten Zahlen belegen, daß die Ausgaben der Krankenkassen mit dem Alter der Versicherten stark steigen. Bis zum Renteneintritt wüchsen die durchschnittlichen Leistungen der GKV von 700 auf 2000 Euro, stellt Max Höfer vom Deutschen Institut für Gesundheitsökonomie fest. Von 60 auf 90 Jahre kletterten die Gesundheitsausgaben auf knapp 5.000 Euro. Weil immer mehr Menschen ein höheres Alter erreichen, verursachen sie überdurchschnittliche Kosten und sorgen für eine Deckungslücke im System.

          Der Zusammenhang von Alter und Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird nicht von allen Wissenschaftlern geteilt. Die Soziologin Hilke Brockmann hat herausgefunden, daß von einem gewissen Lebensalter an die Krankenhauskosten pro Patienten sinken. Ältere Patienten erhielten als Ergebnis ärztlicher Entscheidungen weniger aufwendige Behandlungen als jüngere Patienten. Das bestätigten auch ähnliche Studien aus den Vereinigten Staaten. Möglicherweise wirkt da eine versteckte Form der Rationierung. Die Bundestags-Enquetekommission "Demographischer Wandel" stellte 2002 fest, "daß die These, daß die Deutschen immer älter, gleichzeitig aber auch immer kranker werden, sich nicht aufrechterhalten läßt". Andererseits kam ebendiese Kommission zu dem Ergebnis, daß mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen ebenso wachse wie das Risiko von Vielfacherkrankungen. Damit stiegen die Kosten. Einzelindikatoren wie etwa die Zahl der verschriebenen Arzneimittel nach Altersgruppe scheinen die These der im Alter höheren Ausgaben zu bestätigen. 2001 stellten die Versicherten im Alter über 60 Jahre knapp 30 Prozent der Gesamtpopulation. Sie verursachten aber 56 Prozent der Verordnungen zu Lasten der GKV, hält der Arzneiverordnungsreport 2002 fest.

          Ausgleich zwischen Jungen und Alten finden

          Eine andere These lautet: Die Kosten steigen im Alter kaum, sie sind aber in den letzten Lebensmonaten am höchsten. Denn dann werde selbst in schier aussichtslosen Fällen der gesamte Apparat der Intensivmedizin angeworfen. Mediziner wie Leonhard Hansen, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, rät der eigenen Zunft deshalb zu mehr Zurückhaltung. Er weiß aber auch, daß die Palliativmedizin, die den Patienten möglichst schmerzfrei in den Tod begleitet, personalintensiver und damit vielleicht kostenaufwendiger ist als die Apparatemedizin.

          Als eine Lösung werden in der öffentlichen Debatte offene Rationierungen angeboten. Schlagworte wie "Keine Hüfte über 85" kennzeichnen den Disput. Niemand, der politisch Verantwortung trägt, will das. Es müsse auch künftig "ein Ausgleich zwischen Alten und Jungen stattfinden, damit für ältere Versicherte die Gesundheitsabsicherung bezahlbar bleibt", stellt die Rürup-Kommission fest.

          Kapitalgedeckte Rückstellungen nicht zu vermeiden

          Doch einen klaren Ausweg aus dem demographischen Dilemma weisen auch die Fachleute nicht: Keine der beiden vorgeschlagenen Reformansätze - Bürgerversicherung oder Gesundheitsprämien - kann die sich abzeichnende Deckungslücke in der gesetzlichen Versicherung schließen, ohne daß die Beiträge stark steigen werden. In beiden Vorschlägen sollen aber die Älteren stärker an der Finanzierung der Gesundheitskosten beteiligt werden. Immerhin, sagt der Ökonom Rürup, stiege damit der Beitrag der Rentner zur Deckung der von ihnen verursachten Gesundheitskosten von 40 auf 60 Prozent. Doch auch er glaubt, daß die umlagefinanzierte gesetzliche Krankenversicherung nicht um kapitalgedeckte Altersrückstellungen herumkommen werde. Damit ist Rürup nicht weit von den Ergebnissen entfernt, die die Herzog-Kommission der CDU in einem Monat präsentieren will.

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