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Streit um die Pflege : Es braucht mehr Personal – aber zu welchem Preis?

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Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim in Stuttgart mit einer älteren Dame über einen Korridor. Bild: dpa

Zur gleichen Zeit haben heute Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Pflege eingeladen, um ihre Sicht auf die Branche darzustellen. In einem Punkt sind sich beide Seiten einig – doch über Maßnahmen gehen die Meinungen auseinander.

          Viele Pflegekräfte in Deutschland fühlen sich nach einer neuen Studie durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. So klagen drei von vier Pflegerinnen und Pfleger darüber, bei ihrem Beruf gehetzt zu sein. In der Krankenpflege sagen 80 Prozent, sie müssten ihre Arbeit sehr häufig oder oft in Eile erledigen, in der Altenpflege sind es 69 Prozent. Das zeigt eine am Freitag in Berlin vorgestellte Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

          Ein angesichts ihrer Arbeitsleistung angemessenes Einkommen vermissen 73 Prozent aller Pflegekräfte. Knapp die Hälfte der Beschäftigten in Pflegeberufen sagten zudem, sie müssten oft Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen, um ihr Pensum zu schaffen. Zugleich sind in der Altenpflege mehr als 20.000 Stellen unbesetzt.

          Arbeitgeber: Höhere Löhne bilden sich am Markt

          Angesichts solcher Probleme in der Pflege luden deshalb an diesem Freitag getrennt voneinander Arbeitgeber und Gewerkschaften nach Berlin, um ihre Sicht auf die Dinge vorzustellen. Beide Seiten sind sich einig, dass es mehr Personal in der Pflege braucht. Während die Gewerkschaften aber maßgebliche Lohnerhöhungen fordern, um die Pflegeberufe attraktiver zu machen, wollen Arbeitgeber lieber Arbeitskräfte aus dem Ausland holen.

          Die privaten Altenpflege-Anbieter forderten Erleichterungen für ausländische Fachkräfte und lehnten bundesweit festgelegte Löhne ab. Im stark regulierten Pflegemarkt müsse es noch Gestaltungsspielraum für die Unternehmen geben, sagte der Arbeitgeberpräsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, der ehemalige FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle.

          Er warnte mit Blick auf Pläne der Politik vor einer „Zwangskollektivierung“ über allgemeinverbindliche Tarifverträge. Zu höheren Gehältern komme es bereits am Markt. Für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen etwa bei der Belastung oder Wochenenddiensten sei generell mehr Personal nötig. Dies sei „der Schlüssel für alles“.

          Die große Koalition will durchsetzen, dass in der Altenpflege mehr Tarifverträge gelten, und diese dann auch für allgemeinverbindlich erklären. Die Bundesregierung geht davon aus, dass 80 Prozent der Beschäftigten nicht tarifgebunden sind. Insgesamt arbeiten bei 13.300 Pflegediensten und 13.600 Pflegeheimen 1,1 Millionen Menschen.

          Gewerkschaften: Ein Tarifvertrag für die ganze Branche

          Auf Gewerkschaftsseite kam die Forderung nach einem allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die gesamte Branche auf. In diesen Tarif sollten auch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände als besonders große Akteure im Pflegebereich mit eingebunden werden, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler. Mit Diakonie und Caritas werde derzeit „nach einem gangbaren Weg adäquater Beteiligung gesucht“. Bühler zeigte sich zuversichtlich, dass eine gemeinsame Lösung mit den konfessionellen Pflegeanbietern gefunden werde.

          In den beiden großen Kirchen in Deutschland gilt im Arbeits- und Tarifrecht der sogenannte Dritte Weg. Damit haben kirchliche Unternehmen und Institutionen ein eigenständiges kollektives Arbeitsvertragsrecht, das vom geltenden Tarifvertragsrecht für Wirtschaftsbetriebe und den öffentlichen Dienst abweicht.

          DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach betonte: „Diakonie und Caritas stehen in der Pflicht, einen Tarifvertrag in der Pflege mit zu unterstützen, damit die gesamte Branche vorankommt.“ Die weltlichen Wohlfahrtsverbände und private Pflegeanbieter sollten sich ebenfalls an einem solchen Tarifvertrag beteiligen.

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