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Pferderennsport : Internetwetten machen Rennbahnen Geschäfte schwer

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Bald Fußballer statt Pferde? Einer der seltenen Renntage auf der Frankfurter Galopprennbahn Bild: Wonge Bergmann

Viele Betreiber von deutschen Galopprennbahnen müssen kämpfen - zwar steigen die Einnahmen aus Pferdewetten, doch die Erlöse gehen immer mehr an die Buchmacher im Internet.

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          In wenigen Tagen werden die Frankfurter abstimmen müssen, ob ihre Pferderennbahn erhalten bleibt. Ein Leistungszentrum des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) soll nach dem Willen der Stadt die Reitpferde und Golfspieler verdrängen. Gegen die Pläne bildete sich sichtbarer Widerstand. Wochenlang schwärmten Helfer aus, um Unterschriften für den Erhalt der Rennbahn zu sammeln. „Dass wir es zum Bürgerentscheid gebracht haben, zeigt doch, wie sehr die Frankfurter an ihrer Rennbahn hängen“, findet der Frankfurter Rennclub-Präsident Manfred Louven. Zwar sorgten etwa 13.500 Bürger mit ihrer Unterschrift für die Volksabstimmung. Rund 114.000 Frankfurter müssten aber mit „Ja“ votieren, um das geplante (DFB) auf dem Galoppgelände noch zu verhindern.

          Der Streit wirft ein Schlaglicht auf die deutsche Galoppszene. Sportlich bewegen sich die deutschen Galopper auf hohem Niveau – die Bahnen kämpfen ums Überleben. Selbst Iffezheim, der Vorzeige-Standort in Deutschland, blieb nicht verschont. Im Jahr 2010 stand die Bahn bei Baden-Baden vor der Insolvenz, konnte erst in letztem Moment gerettet werden. Zwar gibt es immer noch die seit vielen Jahren konstante Zahl von 20 Galopprennbahnen in Deutschland, die drei und mehr Rennen im Jahr durchführen. Allerdings waren neben Iffezheim auch die Vereine in Frankfurt, Berlin-Hoppegarten, Gelsenkirchen, Krefeld, Leipzig und Halle in der Insolvenz. An einigen Standorten haben sich die Clubs neu gegründet und führen die Geschäfte weiter.

          „Keine großen Sprünge“

          Der Chef des Dachverbands des deutschen Galoppsports „German Racing“, Jan Antony Vogel, sieht eine Stabilisierung in den vergangenen fünf Jahren, gibt aber zu, „noch keine großen Sprünge“ machen zu können. Wie in allen anderen professionell betriebenen Sportarten hängt auch im Galoppsport fast alles am Geld, und im Pferdesport wird der Umsatz über Wetten generiert. Der Betrieb der Bahnen und die Ausschüttung der Preisgelder hängen unmittelbar vom Ertrag aus dem Wettgeschäft ab. Ein Großteil des Wetteinsatzes auf den Bahnen wird wieder ausgeschüttet, etwas weniger als ein Drittel dürfen die Betreiber für ihre Arbeit einbehalten. Nach einer Auflistung des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2014 ist das Aufkommen aus der Totalisator- und Buchmachersteuer jedoch in den vergangenen zehn Jahren um rund 90 Prozent auf zuletzt 2,3 Millionen Euro gesunken. Bis zu 96 Prozent der Steuereinnahmen fließen in die Kassen der Rennvereine und Gestüte.

          Da viele Buchmacher inzwischen von Gibraltar oder Malta aus operieren, geht neben dem Reitsport auch der deutsche Fiskus leer aus. Dabei ist das – kommerzielle – Interesse an diesem Sport nach wie vor vorhanden. Die tatsächlichen Umsätze sind nicht gesunken. Im Gegenteil: Sportwetten gehören zu den Wachstumsbranchen. Rund 2 Milliarden Euro stark soll der Markt in Deutschland sein, hauptsächlich durch Fußballwetten. Bei Pferdewetten wird das Volumen auf 150 Millionen Euro geschätzt, allerdings hauptsächlich im Internet.

          Die Rückgänge der Erlöse haben erhebliche Auswirkungen auf die gesamten Strukturen dieses Sports. Weil die Preisgelder immer weniger werden, gibt es weniger Rennpferde; weil es weniger Rennpferde gibt, schrumpfen die Preisgelder und die Zahl der Besitzer, die sich noch dieses Hobby leisten können. Es geht hier um viele kleine Betriebe und Einzelexistenzen, um Züchter, Trainer, Fahrer, Tierärzte, Hufschmiede, Futtermittelhersteller und viele mehr, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Vor nicht allzu langer Zeit fanden in Frankfurt 20 bis 30 Renntage im Jahr statt. Für dieses Jahr sind noch fünf geplant.

          Große nationale Unterschiede im Pferdesport

          „Wenn man in die Nachbarländer guckt, tränen einem die Augen“, sagt Vogel von German Racing. In Frankreich wird in rund 11.000 Wettbüros gezockt; und beim TV-Sender Canal Plus sorgt die Sendung „Equidia“ dafür, dass Frankreichs Pferdesportfans laufend im Bilde sind. Laut Vogel gibt es hierzulande gerade mal 100 Wettannahmestellen. In Deutschland finden im Jahr insgesamt 2900 Rennen statt, in Frankreich 8000 und im Vereinigten Königreich 10.000. Auch die Höhe des Preisgeldvolumens ist unterschiedlich. In Deutschland werden im Jahr 14 Millionen Euro ausgeschüttet, in Großbritannien 137 Millionen Euro, in Frankreich 188 Millionen Euro. Während die Franzosen zwischen 231 Bahnen und die Engländer zwischen 58 Bahnen wählen können, stagniert die Zahl in Deutschland bei 20.

          So richtig erklären kann Vogel diese gewaltigen Differenzen auch nicht. Er spricht davon, dass der Bezug der Franzosen zum Pferd anders geprägt sei und in Frankreich Lotto und Toto kaum eine Rolle spielten und das gewettete Geld praktisch vollständig in den Pferdesport fließe. „Frankreichs Staat hat gesagt: Das Pferd ist ein französisches Kulturgut“, sagte der Tchibo-Erbe, Unternehmer und Pferdeliebhaber Günter Herz vor zwei Jahren der F.A.S, dessen Familie sich seit Jahrzehnten für den Pferdesport engagiert. Also habe er das Wettgeschäft im Sinne der Züchter und Rennbahnbetreiber geschützt. Das sei eine Win-win-Situation für alle, auch für den Staat. „Das Pferd schafft Hunderttausende Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, und Pferderennen sind Teil der französischen Freizeitkultur.“

          Auch der Dortmunder Rennverein will die Galopprennbahn weiter attraktiver machen und als Freizeitmöglichkeit und Netzwerkplattform anbieten.

          Das Internet hat das Geschäft grundlegend verändert

          Fast 80 Jahre lang hatten Traber und Galopper ein Monopol auf Sportwetten. Hintergrund war die staatlich verordnete Förderung der Pferdezucht. Rennen dienten als Überprüfung der Zucht, über das Wettgeschäft sollte der Bahnunterhalt gesichert werden. Durch das Internet veränderte sich alles. Selbst die deutschen lizenzierten Buchmacher verlegten sich auf die Vermittlung ins Ausland, um Steuern zu sparen. Dennoch blockierten die Bundesländer – das deutsche Glücksspielmonopol ist Ländersache – eine Reform. Erst eine Anweisung der EU, das Monopol aufzuheben, zwang zu einer Lösung. Seit dem Jahr 2012 gilt der neue Glücksspielstaatsvertrag, Internetanbieter müssen nun 5 Prozent vom Umsatz an Steuern abführen. Theoretisch. „Aus dieser gesetzlichen Regelung fließen praktisch keine Beträge in den Rennsport“, sagt Vogel. Das Finanzministerium vertrete die Auffassung, dass nur inländische Buchmacher davon betroffen seien. Vogel sagt, dass die Vereine trotz der wieder gestiegenen Zuschauerzahlen in den vergangen Jahren, auf andere Einnahmen wie aus dem Glücksspielvertrag angewiesen seien. Sie führten fortlaufend Gespräche mit dem Ministerium in Berlin.

          Die Rolle der Politik sorgt aber auch in einem anderen Punkt für hitzige Diskussionen: dem Vorwurf, der Galopprennsport könnte nur mit Subventionen überleben. „Der deutsche Galopprennsport erhält weder vom Bund noch vom Land und oder den Kommunen Subventionen“, sagt Vogel. Zusammengerechnet hat die Stadt Frankfurt nach eigenen Angaben in den Betrieb und die Anlage der Rennbahn seit dem Jahr 1995 etwa 9,4 Millionen Euro investiert beziehungsweise auf Einnahmen verzichtet. Der Verein sei finanziell nicht auf das Wohlwollen der Stadt angewiesen, sagt hingegen Manfred Louven. „Wir hängen nicht am Tropf der Stadt“. Das insbesondere von Sportdezernent Markus Frank (CDU) vorgetragene Argument, der Rennbetrieb sei nur mit hohen Zuschüssen möglich, sei schlichtweg falsch. „Der Rennklub war früher einmal in Schieflage“, sagt Louven. „Aber diese Zeit ist vorbei.“

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