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Pfefferspray und Pumpernickel : Das Geschäft mit der Angst

Aufklärer: Veranstalter Sven Hermann mit Referentin Friederike Beck Bild: frizzicato

Sie rüsten sich für den Zusammenbruch des Geldsystems und glauben an Verschwörungen. In der Krise haben Existenzängste Konjunktur und Einflüsterer leichtes Spiel. Bei Schwarzmalern.

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          Der Name, der in großen Buchstaben an der Hotelfassade in Fulda prangt, hat an diesem Vormittag etwas Ironisches. „ESPERANTO“ steht da geschrieben, übersetzt heißt das „der Hoffende“. Ein eigenartiger Treffpunkt ist das so benannte Hotel für Menschen, die nicht hoffen, sondern bangen. Für Verängstigte, die Vorkehrungen für einen Ernstfall treffen, den sie für unausweichlich halten.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Fenster des Tagungsraums sind verdunkelt. Nichts lenkt die Zuhörer ab von dem markigen Mann mit Mikrofon: „Die Weltfinanzkrise soll durch Gelddrucken, das heißt Geldmengenvermehrung, entschärft und eine Entschuldung statt durch Sparen durch Entwertung des Geldes erreicht werden“, ruft er in den Saal.

          Die Entwertung des Papiergeldes ist sein Mantra. Der Redner mit dem weißen Haar warnt die geschätzt achtzig Menschen mit eindringlicher Stimme. Wer glaube, es werde nicht so schlimm mit der Inflation, „der macht einen für sich entscheidenden Fehler“. Raus aus Geldwerten, rät der Redner, und rein in Sachwerte.

          Marionetten eines ominösen Geheimbundes

          Was nach einem harmlosen Anlagetipp in Krisenzeiten klingt, ist in Wirklichkeit die Pointe auf das krude Weltbild, das Eberhard Hamer seinen Zuhörern seit sechzig Minuten in den Kopf hämmert. Eine Weltregierung aus wenigen wohlhabenden amerikanischen Familien habe einst den Plan ausgeheckt, sich die Welt untertan zu machen. Ihr Ziel sei es, Staaten mit Geld zu überschwemmen und zu tributpflichtigen Schuldnern zu degradieren.

          „Noch nie ist so ein mächtiges Weltreich über 200 Länder erschaffen worden“, behauptet Hamer, der bis Sommer 1994 an der Fachhochschule Bielefeld als Professor für Wirtschaft und Finanzpolitik tätig war und heute als Vorstand des „Mittelstandsinstituts Niedersachsen e.V.“ fungiert. Hinter dem Verschwörungsszenario stecken in Hamers Augen Bankiersfamilien, „die Rothschilds“, „die Rockefellers“.

          Mal erklärt er die „Weltregierung der US-Hochfinanz“ für die Böse, mal sind es die geistigen Kinder der Kommunisten, die heute im „Politbüro in Brüssel“ eine Diktatur ausübten. Warum Politiker und Medien dabei mitspielen? Sie seien nichts anderes als Marionetten eines ominösen Geheimbundes. Wenn sie Befehlen nicht oder nur zögerlich folgten, so wie die Bundespräsidenten Köhler oder Wulff, würden sie abgesägt oder ausgetauscht, behauptet der 80 Jahre alte Redner, der sich durch die Ereignisse der Krise in seinen Ansichten bestätigt sieht.

          Keine kritischen Nachfragen

          Wer mit kritischen Nachfragen rechnet, ist in Fulda falsch. „Bravo“, ruft einer der Zuhörer, die übrigen applaudieren. Ein Mann aus einer hinteren Reihe kommentiert: „Es ist gut, dass Sie die Dinge beim Namen nennen!“ Wie all die anderen im Raum signalisiert er Zustimmung zu einem Weltbild, das in sich geschlossen ist und viele einfache Erklärungen liefert - solange man den größten Teil der Welt einmal ausblendet und keine Berührungsängste mit längst überwunden geglaubten Ressentiments hat.

          Das Publikum ist bunt gemischt, wie ein Spinner sieht hier niemand aus. Man könnte diese Menschen, die in der Kaffeepause beisammenstehen, auch in der 2. Klasse eines ICEs treffen. Sie gehören zur Mittelschicht. Die Männer sind weit in der Überzahl, manche tragen Sakko und Krawatte, andere Jeans und Fleecepullover. Was diese Menschen verbindet, ist die Angst um ihr Erspartes und der Hang, Halbwahrheiten wie denen Hamers Glauben zu schenken.

          Die Krise verstärkt bei Männern wie Martin K. beide Tendenzen. Dass sein Papiergeld spätestens in wenigen Jahren nichts mehr wert sein wird, ist für den 29 Jahre alten Anlageberater, der seinen wahren Namen nicht nennen will, „klipp und klar“. Das sage er auch seinen Kunden. Die These von der Geheimregierung, die die gewählten Politiker steuert, hält der Nürnberger „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ für wahr, genauso Kriegsszenarien zwischen Ost und West sowie chaotische Zustände.

          Vorräte für mehrere Monate

          K. hat vorgesorgt und sich mit Pfefferspray eingedeckt. In seinen Regalen lagern Reis-, Nudel- und Konservenvorräte. „Das reicht für zwei Monate“, sagt er. Alfredo Kubbig ist nahe Hannover Geschäftsführer eines Landmaschinenunternehmens mit 20 Angestellten. Er glaube nicht an einen Krieg, wohl aber an hohe Inflation in Deutschland und eine mögliche Verarmung der Bürger.

          Deshalb investiere er in alles, was man anfassen kann: Immobilien, Felder, Wald, Edelmetalle. Soziale Unruhen hält er für möglich: „Sie werden nicht mehr unterscheiden können, ob die Bilder von Ausschreitungen aus Valencia oder Frankfurt kommen.“

          Wer es noch nicht getan hat, kann sich in Fulda für den Fall der Fälle ausrüsten. Im Licht glänzende Münzen werden an einem Stand angeboten, ein Verkäufer preist in Dosen verpacktes Vollkornbrot an. Lange haltbar sei es, und es schmecke gut. Von dem Elektroschocker rät der junge Mann ab, dann schon eher das hier: Er zeigt auf eine eingeschweißte Pfefferspraypistole, Modell „Jet Protector JPX“, Kosten: 199 Euro.

          Edelmetall, Pfefferspray, Pumpernickel

          Man könne die Pistole in Deutschland ohne Waffenschein bei sich führen, weil sie für die Tierabwehr gedacht sei, wirbt der Verkäufer. Aber selbstverständlich sei sie auch für Menschen geeignet, versichert er auf Nachfrage. Der Mann, der für all das hier verantwortlich ist, sieht sich selbst als einen Missionar, als einen, der die Menschen vor den Folgen des Systemzusammenbruchs schützen will.

          Noch sei jedes ungedeckte Papiergeldsystem gescheitert. „Je mehr Menschen verstehen, was auf sie zukommen könnte, desto besser können sie sich vorbereiten“, sagt Kongressveranstalter Sven Hermann. Ein schöner Nebeneffekt: Die Menschen, die Hermanns Erkenntnis teilen, können bei ihm Edelmetalle, Pfefferspray und Pumpernickel kaufen und spülen Geld in die Kasse des 33 Jahre alten Selbständigen.

          Den Vorwurf, die Ängste der Menschen bewusst zu befeuern und sie so in persönliche Gewinne umzumünzen, weist der Mann, der seine Veranstaltung auf der Website der rechtspopulistischen Zeitung „Junge Freiheit“ beworben hat, weit von sich. Bevor Hermann seine Gäste wieder in die Welt entlässt, bekommen sie noch einen Vortrag von Matthias Weik und Marc Friedrich zu hören. Die beiden jungen Männer stammen aus der Finanzbranche und haben es mit ihrem Krisenbuch „Der größte Raubzug der Geschichte“ in die Bestsellerlisten geschafft.

          Auch für sie ist es „nicht die Frage, ob, sondern wann der große Crash kommt“. In ihrem Vortrag kommen die Autoren jedoch ohne geheime Verschwörungen und böse Mächte aus, sie erzählen ganz einfach die Geschichte der Krise nach. Das genügt, um den Pessimismus der Zuhörer noch weiter zu verstärken. Auch das ist eine bedenkliche Erkenntnis, hier im Hotel Esperanto.

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