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Peter Gauweiler : Der Dickschädel

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„Es muss diese Degradierung gewesen sein, die seine Faszination für gefallene Menschen erzeugt hat“, sagt Christian Ude, Münchens Oberbürgermeister, der sich mit Gauweiler seit der Schulzeit politisch streitet. Oder warum traf er sich sonst mit Egon Krenz zum Kaffee? Warum nennt er ausgerechnet Oskar Lafontaine seinen Freund? Jetzt schockt er nicht mehr mit berechenbar rechten Positionen. Er provoziert, weil er so unberechenbar ist.

Christian Ude: „tiefe positive Persönlichkeitsveränderungen“

Seit Gauweiler nicht mehr nach Macht und Ämtern strebt, sondern für seine Ideen kämpft, seit er keinen autoritären Ton mehr pflegt, sondern einen Pathos zum Niederknien, seither hören die Gegner auch gern mal zu. Sie staunen selbst, wie originell und humorvoll und nett sie diesen Bayern finden. „In den 50 Jahren, die wir uns kennen, habe ich tiefe positive Persönlichkeitsveränderungen erkennen können“, sagt Christian Ude.

Andere finden, er sei schon immer so gewesen, hockte er doch schon in den siebziger Jahren immer mit den Linken und Künstlern im „Alten Simpl“. Hatte er nicht damals als Umweltminister nebenbei Chinesisch-Unterricht? Und war es nicht Gauweiler, der dafür sorgte, dass die Freundin von Franz Josef Strauß an dessen Sterbebett Abschied nehmen durfte - gegen den Widerstand der Strauß- Familie?

Seine Kanzlei macht ihn finanziell unabhängig

Die Öffentlichkeit jedenfalls sieht den scharfsinnigen Gauweiler, der erklärt, dass Bayern eigentlich seit 1871 unter Zwangseingemeindung leidet: „Der Versailler Vertrag war Bayerns erster Maastricht-Vertrag“, doziert er. „Wir wurden von einem souveränen Staat zum Bestandteil einer ,politischen Union’ verwurstet.“ Jetzt komme es doppelt schlimm: „Wir werden aus Berlin und aus Brüssel regiert und bevormundet - das verkraften wir Bayern auf Dauer nervlich nicht.“

Um jemanden zu finden, dem keine freundliche Silbe über den Politiker einfällt, müsste man schon die Deutsche Bank und ihren Ex-Chef Rolf Breuer fragen, gegen die Gauweiler seit einem Jahrzehnt im Auftrag von Leo Kirch und dessen Erben prozessiert. Oder Unions-Parteifreunde, die sich neben ihm so unangenehm mitläuferisch fühlen.

Keiner genießt eine Unabhängigkeit vergleichbar der von Gauweiler. Seine Kanzlei macht ihn finanziell unabhängig, und seine dreimal gewonnenen Direktmandate für München-Süd machen ihn politisch frei. Der 63-Jährige dürfte der einzige Abgeordnete sein, der auf jegliche Absicherung über die Landesliste dankend verzichtet. 2013 tritt er wieder an - 98,43 Prozent CSU-Delegierten bestimmten ihn zum Direktkandidaten.

Da kann man sich auch ganz souverän in die hinterste Reihe im Reichstag setzen und erklären, dass sich Debatten zum Thema Europa wie „Krankengymnastik“ anfühlen, die es eben durchzuhalten gilt: „Ich habe den Willen, jedem Redner zuzuhören, gerade den Befürwortern, und alle zu verstehen.“ In der Debatte über den ESM schenkte ihm seine Fraktion fünf Minuten Redezeit. Er schloss nach acht Minuten mit Shakespeare: „Karlsruhe ist nicht Philippi. Aber wir sehen uns dort wieder.“

Peter Gauweiler

Der Mensch

Peter Gauweiler wurde 1949 in München geboren, dessen Bürger ihn seit 2002 drei Mal direkt in den Bundestag gewählt haben. Aber die Anfänge liegen in der Kommunalpolitik: Er wurde mit 23 Stadtrat, mit 26 Leiter des Kreisverwaltungsreferats, mit 37 Innnenstaatssekretär. Eine harte Sicherheitspolitik und sein Widerstand gegen die Wehrmachtsausstellung machten ihn bundesweit bekannt, später seine Verfassungsklagen gegen EU-Verfassung, Lissabon-Vertrag und zuletzt die Euro-Rettung. An einer Wirtschaftsaffäre scheiterte 1993 sein Wahlkampf um das Amt des Münchner Oberbürgermeisters, 1994 trat er als bayerischer Umweltminister zurück.

Die Kanzlei

Bub, Gauweiler & Partner heißt die Sozietät, die Peter Gauweiler in den siebziger Jahren gründete. Zeitweise verließ er sie, um in der Politik zu arbeiten, die Mandate gab er Kollegen - gegen Geld. Die Debatte, ob das erlaubt ist, kostete ihn 1994 sein Ministeramt. Die Kanzlei hat 16 Anwälte, die vor allem auf Strafrecht und Wirtschaftsrecht spezialisiert sind. Sie beraten Konzerne wie Metro, Private-Equity-Firmen wie Kingsbridge und Privatleute wie den Strauß-Sohn Max. Seit zehn Jahren kämpft Bub Gauweiler für Leo Kirch und seine Erben gegen die Deutsche Bank, die angeblich Kirchs Pleite mitverursacht haben soll. Ein Ende ist nicht absehbar. „Aus Berlin und Brüssel werden wir Bayern gegängelt. Das ertragen wir nervlich nicht.“

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