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Peter Gauweiler : Der Dickschädel

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Der Mann läuft mitten in der Herde, aber das heißt nicht, dass er zu ihr gehören will. „Manche haben mich angesprochen, dass sie bei meinem Verfahren mitmachen möchten“, sagt Gauweiler. „Aber ich habe es immer abgelehnt. In meiner Nussschale will ich allein den Kurs bestimmen können. Ich will nicht, dass sich Außenstehende mit ihren politischen Implikationen anhängen. Auch wenn es gute Ideen sind.“ Er hört auf die Ideen seines Prozessvertreters Dietrich Murswiek oder auf den Rat der Kanzleikollegen, das muss reichen.

Angekommen in der Mitte

Gauweiler sitzt auf dem Sofa in seinem Büro, unter einem Gemälde des Landschaftsmalers Maximilian Haushofer. Immer wieder verhält er sich so, als falle ihm nicht augenblicklich eine Antwort auf jede Frage ein. Dann schiebt er seinen massigen Kopf vor und wiegt ihn leise schnaufend wie ein gutmütiger Bernhardiner. Wenn er also gegen die Euro-Rettung ist, wofür ist er stattdessen? „Man kann den Euro nicht einfach abschaffen. Aber seine Geschäftsgrundlage muss wieder hergestellt werden.“ Das klingt so einfach und selbstverständlich, wenn es in diesem Büro nahe dem Münchner Marienplatz gesagt wird, mit Blick auf den Bayerischen Hof, wo zwischen den Regalen mit Kommentaren zum Strafgesetzbuch an der Wand ein pausbäckiger Putto eine Bayern-Fahne schwenkt. Stabilität muss her, ist doch klar.

“Alle reden von Globalisierung“, sagt Peter Gauweiler. „Dabei weiß jeder, dass weltweit kleine Einheiten gewinnen. BMW konkurriert nicht mit den Chinesen, BMW konkurriert in China mit Audi.“ Wieso genüge es für ein vereintes Europa nicht, fragt Gauweiler, sich hier ein bisschen zu koordinieren, dort ein bisschen abzusprechen, nur die dafür absolut nötigen Gremien zu bilden. „Stattdessen wird von Brüssel aus die Verameisung der Menschen betrieben.“

Die Zäsur

Wer die Wandlung des Peter Gauweiler vom geschmähten „Schwarzen Sheriff“ zu „einem der ganz wenigen politischen Intellektuellen, die das bürgerliche Lager zu bieten hat“ (Süddeutsche Zeitung), zurückverfolgt, findet die Zäsur von 1994. Der Vorher-Politiker, berichten seine Weggefährten, habe Leute, die ihm nicht passten, weggeschossen und sich mit denen, die er nicht wegschießen konnte, arrangiert. Dieser Gauweiler habe nicht eingesehen, dass auch linke Krawallos Versammlungsrechte haben. „Er verkörperte die Strauß-Endzeit, eine merkwürdige Zeit“, sagt Roland Koller, lange Polizeipräsident von München. „Damals herrschte nicht viel Rechtsstaatlichkeit, dafür viel barockes Lebensgefühl.“

Die Zäsur kam, als Gauweiler vom Amt des Landesumweltministers zurücktreten musste, weil er seine Mandanten an andere Anwälte verpachtet hatte. Rechtswidrig war das nicht, stellte sich später heraus, zu spät für Gauweiler. Aber nicht zu spät für die Erkenntnis, dass er sich nie vom Platz auf die Bank drängen lassen wollte.

„Faszination für gefallene Menschen“

Die Degradierung lehrte Gauweiler den Preis der Unabhängigkeit: Niemand sollte ihm wieder einen Posten entreißen können, und wenn es bedeutete, dass er nie mehr einen Posten anstreben konnte, den seine Partei und nicht der Wähler oder das Gesetz gibt und nimmt.

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