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Altmaier und die Ökonomie : „Nur ein armer Jurist“

Peter Altmaier Bild: Reuters

Selten redet Peter Altmaier als Politiker und Kanzleramtschef vor so ungewöhnlichem Publikum: Beim Nobelpreisträgertreffen am Bodensee gab er einen Grundkurs in VWL – und sogar Tucholsky kam darin vor.

          Als Politiker und Kanzleramtschef redet Peter Altmaier viel und oft – aber selten vor einem so ungewöhnlichen Publikum wie am Mittwochabend am Bodensee. Alle drei Jahre kommen in Lindau die alte und junge Elite der Wirtschaftswissenschaften zusammen, um sich auf dem Nobelpreisträgertreffen über ihre aktuelle Forschung auszutauschen und die politischen Themen der Stunde zu diskutieren. Ganz oben auf der diesjährigen Liste: der politische Abgesang auf den Freihandel und die Globalisierung.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Altmaier eröffnete das traditionelle Festessen am ersten Tagungsabend – und zeigte sich alarmiert. Er selbst habe zwar nicht viel Ahnung von der Ökonomie, räumte Altmaier ein. Er sei nur „ein armer Jurist“, zu mehr als einer Vorlesung an der Uni habe es nicht gereicht. Doch die Theorie des komparativen Vorteils, die der britische Ökonom David Ricardo vor 200 Jahren aufstellte, hat der Minister verstanden. Wenn sich jedes Land darauf besinne, nur bestimmte Güter herzustellen, könnten alle vom Austausch profitieren, erklärt er den Wissenschaftlern. Das gelte sogar, wenn ein Land einem anderen eigentlich in allem überlegen ist! Von Abschottung hält der gebürtige Saarländer auch deshalb nicht viel: „So wie ich das verstehe, sollten gerade Länder, denen es wirtschaftlich nicht gutgeht, am Weltmarkt teilnehmen.“ Sein Rat an seine Kollegen, damit auch der letzte die Vorzüge des Freihandels begreift: „Jeder Politiker sollte eine ökonomische Grundbildung haben.“

          „Deutsche, kauft deutsche Zitronen!“

          Eine Geschichte aus dem Grundlagenkurs sei ihm besonders in Erinnerung geblieben, erzählte Altmaier noch. Sie stammt von Kurt Tucholsky: Im Europa der dreißiger Jahre seien überall nationale Kaufempfehlung zu hören gewesen: „Buy British“, hieß es in England, „kauft deutsch“ in Deutschland. Und die Franzosen riefen zu „acheter français“ auf. Tucholsky verstand nicht: „Kauft deutsche Zitronen; das sind die besten der Welt?“

          Nationale Kaufempfehlungen ergeben wenig Sinn, verstand auch der arme Jurist. Aber deutsche Autos? „Die sollen Sie ruhig kaufen.“ Das kann sich Altmaier doch nicht verkneifen.

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