https://www.faz.net/-gqe-8oj1j

Personalwechsel : Air Berlin ersetzt Chef durch Lufthansa-Manager

Stefan Pichler wird zum 31. Januar seinen Rücktritt erklären. Seine Nachfolge soll Thomas Winkelmann (Bild) von der Deutschen Lufthansa antreten. Bild: dpa

Er wollte sanieren und seinen Ruf aufpolieren. Beides ist ihm nicht gelungen: Nun tritt Stefan Pichler ab. Für die Nachfolge an der Air-Berlin-Spitze hilft der Rivale aus – nicht ohne Eigennutz.

          Die Zerschlagung von Air Berlin ist auf den Weg gebracht, nun kappt der Großaktionär Etihad aus Abu Dhabi die Bande zum bisherigen Berliner Vorstandsvorsitzenden Stefan Pichler. Er tritt zum 31. Januar zurück, Nachfolger wird Thomas Winkelmann von der Deutschen Lufthansa, wie Air Berlin nach einer Telefonkonferenz des Air-Berlin-Verwaltungsrats am Sonntag mitteilte.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Abu Dhabi am Sitz von Etihad scheint man eine Vorliebe für mediale Paukenschläge kurz vor Weihnachten zu haben. Am 19. Dezember 2011 teilte Etihad mit, die Air-Berlin-Beteiligung auf mehr als 29Prozent zu erhöhen, wodurch die Berliner einen Finanzier bekamen, der die Gesellschaft immer wieder päppelte. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, meldete Etihad den Kauf der Mehrheit am Air-Berlin-Vielfliegerprogramm Topbonus zum astronomischen Preis von 184 Millionen Euro. Das führte für Air Berlin zum einzigen positiven Jahresabschluss der vergangenen Jahre. Nun naht wieder Weihnachten – und der Chefwechsel ist besiegelt.

          Offiziell geht Pichler erst im neuen Jahr und auf eigenen Wunsch. Formal bekommt er somit einen freundlichen Abschied spendiert, nachdem die Dreiteilung von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft besiegelt ist. Pichler war für eine Restrukturierung geholt worden. Neben einer „neuen Air Berlin“ mit eingeschränktem Streckennetz entsteht nun aus der Tochtergesellschaft Niki zusammen mit TUI fly ein neuer Ferienflieger, 38 Air-Berlin-Jets samt Personal least Lufthansa für ihre Marken Eurowings und Austrian Airlines. Doch an diesen Vereinbarungen war Pichler nur noch am Rande beteiligt. Stärker involviert soll der frühere Air-Berlin-Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer gewesen sein, der 2015 in die Berliner Etihad-Europa-Zentrale gewechselt war. Das Verhältnis Pichlers zum Großaktionär Etihad und dessen Vorstandsvorsitzenden James Hogan galt schon länger als unterkühlt. Die Option einer späteren Trennung, die den Eindruck eines Abschieds im Guten hätte stärken können, wurde nicht weiter verfolgt.

          Mit dem Wechsel von Pichler zu Winkelmann ändert sich auch das Verhältnis des Air-Berlin-Rivalen und langjährigen Etihad-Kritikers Lufthansa zu der Gesellschaft aus Abu Dhabi. Der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr sagte am Freitag nach dem Abschluss des Leasingvertrags: „Wir können uns vorstellen, unsere Zusammenarbeit in der Zukunft auf andere Bereiche auszuweiten.“ Da hatte Etihad-Vorstandschef Hogan nach Informationen aus Branchenkreisen Spohr schon wegen der Nachfolgersuche um Rat gefragt. Auf dem freien Markt ließ sich demnach kein Kandidat für Air Berlin mehr finden, der die nötige Expertise mitgebracht hätte und den Posten übernehmen wollte. Winkelmann, der vor seinem aktuellen Posten als Standortverantwortlicher der Lufthansa in München die Tochtergesellschaft Germanwings führte, erklärte sich bereit. Spohr willigte ein, Etihad kam das gelegen. Auch in der neuen Ferienflugallianz aus Niki und TUI fly überlässt man dem deutschen Minderheitspartner die Führung. Dort soll TUI-Manager Roland Keppler den Chefposten übernehmen.

          Winkelmann tritt mit einer Verpflichtung für mehrere Jahre an, bekommt aber ein Rückkehrrecht zur Lufthansa zugesprochen. Ihm fällt eine doppelte Rolle zu. Er muss Optionen für ein engeres Zusammenrücken von Lufthansa und Air Berlin ausloten, wovon Eurowings profitieren soll. Und er wird Warnposten, damit der Konzern mit dem Kranich-Logo für den Ernstfall bei Air Berlin gewappnet ist. Billiganbieter wie Ryanair oder Easyjet befinden sich in Lauerposition, um in Lücken zu springen, die Air Berlin hinterließe. Vor einer Übernahme der Rest-Air-Berlin stünde jedoch neben kartellrechtlichen Bedenken auch die ungeklärte Frage, wer für deren Nettoverschuldung von zuletzt 1,1 Milliarden Euro aufkäme.

          Pichler hinterlässt Rekordverluste. Air Berlin flog 2016 erstmals im Sommerquartal defizitär. Zuvor war die Ferienzeit stets ein Lichtblick im düsteren Gesamtjahr. Das von Pichler entwickelte Sanierungskonzept hatte Etihad schon 2015 abgelehnt. Er wollte die Flotte verkleinern und sich aus bestehenden Leasingverträgen herauskaufen. Das war Etihad zu teuer. Der selbstbewusste Pichler blieb dennoch, die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Abu Dhabi glich aber zunehmend einem Hin und Her wie beim Tauziehen. Insgeheim verstand Pichler seinen Posten auch als Rehabilitierungschance in Deutschland, nachdem er 2003 mit seinem Abgang beim Reisekonzern Thomas Cook und dessen Fluggesellschaft Condor einen Karriereknick hinnehmen musste. Danach arbeitete er für Fluggesellschaften in Australien, Kuweit und auf den Fidschi-Inseln. Dass in Ozeanien zu seinem Wechsel nach Berlin fälschlicherweise kursierte, er folge einem Ruf der deutschen Regierung, nahm er bereitwillig hin.

          Mit Winkelmann tritt der vierte neue Vorstandschef in Berlin innerhalb von fünf Jahren an. Daher rückt auch in den Fokus, welche Rolle der Verwaltungsrat unter Leitung des früheren Metro-Chefs Hans-Joachim Körber in den Jahren des Siechtums von Air Berlin spielte.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.