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Paypal-Chef im Gespräch : Beschleunigt die Krise den Niedergang des Bargelds?

Kontrast zum Shareholder-Value

Schulman ist überzeugt, dass die Corona-Krise dauerhafte Veränderungen anstößt, die auch dann Bestand haben, wenn sich der Gesundheitsnotstand einmal entspannt. In Restaurants werde nicht mehr mit Bargeld bezahlt und nur dann mit Kreditkarte, wenn es kontaktlos geschehe. Für viele Händler werde das Geschäft in physischen Läden „sekundär“ werden, und das gelte sogar für große Ketten wie Walmart. Die Menschen fühlten sich nicht mehr wohl in überfüllten Geschäften. Daher seien die Händler stärker auf Online-Kanäle angewiesen.

In der Zeit, die noch vergeht, bis ein Impfstoff gegen das Virus gefunden ist, wird sich laut Schulman ein neues Denken festsetzen: Etwa dass sich Lebensmittel, eine bislang vom Online-Handel erst wenig erschlossene Produktkategorie, einwandfrei über das Internet bestellen lassen. „Die Leute sehen, dass die Tomaten und der Salat, den sie geliefert bekommen, ziemlich gut sind, und dass jemand sie ausgewählt hat, der etwas davon versteht.“ Schulman führt die Entwicklung in Deutschland als Indiz für einen grundsätzlichen Wandel an. Obwohl hier Geschäfte wieder geöffnet wurden, halte sich das über Paypal abgewickelte Zahlungsvolumen auf gesteigertem Niveau und sei bis zu drei Mal so hoch wie vor der Corona-Krise. „Selbst die Deutschen, die überwiegend bargeldorientiert waren, bewegen sich zum digitalen Bezahlen hin.“ Der Paypal-Chef macht jenseits des Tagesgeschäfts auch oft mit seiner Auffassung von Unternehmensführung von sich reden. Er selbst nennt sie „Reverse Friedmanism“, also eine Art Kontrastprogramm zum Ökonomen Milton Friedman und dessen „Shareholder Value“-Denken, wonach es das oberste Ziel des Managements sein müsse, den Wert für die eigenen Aktionäre zu steigern.

Die Paypal-Aktionäre können sich zwar wahrlich nicht beklagen, aber Schulman versteht sie nicht als seine wichtigste Interessengruppe. Für ihn sind das die Mitarbeiter. Er hält es für seine Pflicht, sich um deren finanzielle Verfassung zu sorgen. Das Unternehmen hat jüngst die Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung für niedrig bezahlte Mitarbeiter deutlich reduziert. „Wir müssen ein Unternehmen mit moralischer Verantwortung sein“, erklärt er sein Vorgehen.

Der Paypal-Chef distanziert sich mit seiner Philosophie noch weiter vom „Shareholder Value“-Ansatz, als es im vergangenen Jahr der „Business Roundtable“ getan hat, eine Lobby-Vereinigung mit prominenten amerikanischen Managern. Die Gruppe gab sich neue Prinzipien, wonach Unternehmen nicht mehr zuallererst im Dienst ihrer Aktionäre stehen, sondern sich einer breiteren Palette von Interessengruppen verpflichtet fühlen sollten, also etwa Mitarbeitern, Lieferanten und der Umwelt. Schulman sagt, er sehe mittlerweile tatsächlich einige „progressive Unternehmen“, die solche Versprechungen in die Tat umsetzten, aber das sei nicht genug. „Ich denke, es müssen noch viel mehr Unternehmen klar demonstrieren, dass ihr Sinn nicht nur darin besteht, Geld zu verdienen.“

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