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Entwicklungsökonom Collier : „Merkels Flüchtlingspolitik ist verwerflich“

  • -Aktualisiert am

Ein Großteil der akademischen Literatur zeigt etwas anderes. Ich kann mir vorstellen, dass in Deutschland die Trennung zwischen Ost und West eine Rolle spielt. Rassismus scheint mir in Ostdeutschland weiter verbreitet zu sein als im Westen, weil sich die Menschen dort nie auf dieselbe Weise damit auseinandersetzen mussten. Aber das ist nur eine Vermutung.

Bei Kritik an den hohen Flüchtlingszahlen ist immer auch Rassismus im Spiel?

Nein, längst nicht immer. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der öffentliche Diskurs in Deutschland so funktioniert: Die heilige Merkel gegen die Rassisten. Ich halte das für diffamierend. Es gibt berechtigte Gründe für Skepsis.

Was sind die wichtigsten?

Der wichtigste ist das Versagen der Mainstream-Parteien, eine Politik zu machen, die zumindest halbwegs sinnvoll erscheint. Das Gefühl, dass die Politik keinen Plan besitzt, hat bei vielen Menschen Panik ausgelöst. Und dann gibt es die Gruppe der weniger Wohlhabenden, die handfeste existentielle Ängste umtreiben.

Was für Ängste sind das?

Es gibt klare Anzeichen dafür, dass die Solidarität in Gesellschaften mit hohem Einwandereranteil rapide abnimmt. Mein Kollege David Rueda hat das erst kürzlich wieder für europäische Länder festgestellt. Die Reichen betrachten die Armen dann als eine Gruppe, mit der sie nichts gemeinsam haben und der sie nicht mehr durch Umverteilung helfen wollen. So wie sich die Deutschen den Griechen nicht nahe genug fühlen, um ihre Schulden zu übernehmen. Das Wunder des Nationalstaats ist, dass er eine gemeinsame Identität schafft, die Solidarität ermöglicht. Zu viel Einwanderung gefährdet dieses Arrangement.

Die Kritiker der Flüchtlingspolitik sehen den Sozialstaat in Gefahr?

Ich sage nur, dass sie rationale Gründe haben, sich Sorgen zu machen, ohne gleich Rassisten zu sein.

Sie halten nicht viel von Deutschlands Haltung in der Flüchtlingskrise, oder?

Überhaupt nichts. Alle Flüchtlinge nach Deutschland einzuladen war ein kolossaler Fehler von Angela Merkel. Zumal sie vorher offensichtlich überhaupt keine Vorbereitungen getroffen hatte, um den daraus resultierenden Ansturm zu bewältigen. Abgesehen davon war ihre Einladung auch moralisch verwerflich.

Verwerflich?

Sie hat die Menschen quasi aufgefordert, nach Europa zu schwimmen. Das ist russisches Roulette: Such dir einen Schlepper, und hoffe, dass dein Boot nicht untergeht. Was gibt es da zu verteidigen?

Die Flüchtlingszahlen sind auch schon vorher gestiegen. Die Leute kamen ohnehin. Sollte man die Bewältigung der Krise den Libanesen und den Jordaniern überlassen?

Natürlich nicht. Europa hat Verantwortung, diesen Ländern zu helfen. Aber Merkels Weg ist der falsche. Wenn sie wirklich will, dass eine große Zahl von Flüchtlingen sich in Deutschland in Sicherheit bringt, dann sollte sie Flüge aus den Lagern in Jordanien und dem Libanon organisieren. Und zwar für diejenigen, die es am nötigsten haben.

Im Moment helfen wir den Falschen?

Klar. Schauen Sie sich doch um: junge Männer, wohlhabend genug, um Tausende von Euro an Schlepper zu zahlen. Da entscheidet nicht humanitärer Anspruch, sondern das Recht des Stärkeren. Wer nicht unterwegs ertrinkt, darf bleiben. Dazu kommt noch, dass diese Leute später beim Wiederaufbau Syriens schmerzlich fehlen werden. Schließlich haben sie alles verkauft, um nach Europa zu kommen.

Trotzdem erscheint es unwahrscheinlich, dass demnächst Hunderttausende bedürftige Syrer nach Deutschland geflogen werden. Was können europäische Staaten sonst noch tun?

Sie dürfen Ländern wie dem Libanon und Jordanien nicht ihre Verantwortung abnehmen, Flüchtlinge aufzunehmen - wie Merkel das tut. Sie müssen dafür sorgen, dass den Ländern kein finanzieller Nachteil entsteht: Geld verteilen, Investitionen tätigen, Arbeitsplätze schaffen und den europäischen Markt für die Produkte dieser Länder öffnen.

Wenn es so einfach ist, warum hat im Moment kaum ein syrischer Flüchtling Arbeit in einem Nachbarland?

Weil nicht genug getan wird. Deutschland hat die Hilfen für Jordanien vor zwei Jahren sogar halbiert. Natürlich haben diese Länder Angst, ihren Bürgern zu schaden. Sie sind ja selbst arm. Die Europäer müssen sie kompensieren.

Warum ist gerade Deutschland so zögerlich?

Den meisten fällt es schwer zu sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Das gilt auch für Angela Merkel.

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