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Paul Achleitner : Der Aufseher

Paul Achleitner gehört zum inneren Zirkel, der die Kanzlerin in der Finanzkrise berät Bild: dapd

Paul Achleitner soll den Aufsichtsrat der Deutschen Bank führen. Der Finanzchef der Allianz hat alles, was man dafür braucht. Sogar Demut.

          Am 31. Mai des nächsten Jahres wird der Finanzchef der Allianz-Gruppe, Paul Achleitner, in der Frankfurter Festhalle zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank gekürt: ein Österreicher, der Frieden bringt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die überraschende Personalie beendet einen Machtkampf zwischen dem dann scheidenden Vorstandschef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, und dem aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden, Clemens Börsig.

          Der Neue spricht nicht. Aber für den Neuen spricht so viel, dass man eigentlich schon früher auf die Idee hätte kommen können, ihn zu holen. Zuallererst: Achleitner ist ein Mann des Ausgleichs, der trotz beeindruckender Karriere nur wenige Feinde am Wegesrand zurückgelassen hat. Zu allen Akteuren an der Spitze der Deutschen Bank pflegt er Beziehungen. Mit Josef Ackermann duzt er sich seit vielen Jahren, beide haben in St. Gallen studiert. Keiner der Deutsch-Banker gehört allerdings zur Gruppe der engen Freunde, mit denen man intime Sorgen teilt und private Geburtstage feiert. Das Metier des Banking ist Achleitner ohnehin bestens vertraut: Er hat lange Jahre die Investmentbank Goldman Sachs in Deutschland geführt und dabei dem damaligen Quasi-Monopolisten Deutsche Bank lukrative Dax-Kunden abgejagt.

          Bestens verdrahtet in Wirtschaft und Politik

          Als Finanzchef hat er schließlich geholfen, die weltgrößte Versicherung Allianz in einem zähen Prozess zu einem schlagkräftigen Konzern umzubauen (mit dem die Aktionäre freilich immer noch wenig Spaß haben). Zudem ist Paul Achleitner so gut vernetzt in der deutschen Industrie, in der internationalen Bankenwelt und in der Politik wie kaum einer. Der Österreicher gehört zum inneren Zirkel von Managern, die das Bundeskanzleramt seit der ersten Finanzkrise 2008 regelmäßig um Rat angeht. Die Versicherungslösung, wie man die Mittel des Europäischen Rettungsschirms hebeln kann, stammt aus seiner Feder.

          Das Wertvollste aber könnte sein, dass der Manager den Abgrund gesehen hat. Damals im September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehman zusammenbrach und die weltgrößte Versicherung AIG kurz vor dem Absturz stand, unterbrach er seinen Mallorca-Urlaub und verhandelte in Manhattan über den Kauf von Anteilen an der taumelnden Versicherung. Er sah auch die Herablassung, mit der das verzweifelnd kämpfende Management der AIG von Investoren behandelt wurde. Das hat ihm nicht geschmeckt.

          Die Versicherung wurde schließlich vom amerikanischen Steuerzahler herausgehauen. Sie hatte 180 Milliarden Dollar Schulden, unter anderem neun Milliarden Euro bei der Deutschen Bank. Die Deutsche Bank, die so gerne darauf verweist, ohne Staatshilfen durch die Krisen gekommen zu sein, verdankt der amerikanischen Regierung, dass sie diese gewaltige Summe nicht abschreiben musste. Auch diese Erkenntnis hat Achleitner verinnerlicht. Ein bisschen Demut schadet nie.

          Die Frage ist, warum der 55-Jährige diesen neuen großen Wechsel wagt: Aufsichtsrats-Chef der Deutschen Bank, das wird kein Job für einen Frühstücksdirektor. So viel steht fest. Es gilt, Frieden zu stiften, die Gewinnaussichten zu verbessern, die Politik von geschäftsschädigender Regulierung abzuhalten und die deutsche Gesellschaft mit ihrer größten Bank und mit dem Finanzkapitalismus als solchen zu versöhnen. Es werden ja schließlich die Finanzkapitalisten sein müssen, die für eine vergreisende Gesellschaft die Renten erwirtschaften müssen. Daran erinnert Achleitner gelegentlich.

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