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Paul Achleitner : Der Aufseher

Paul Achleitner gehört zum inneren Zirkel, der die Kanzlerin in der Finanzkrise berät Bild: dapd

Paul Achleitner soll den Aufsichtsrat der Deutschen Bank führen. Der Finanzchef der Allianz hat alles, was man dafür braucht. Sogar Demut.

          6 Min.

          Am 31. Mai des nächsten Jahres wird der Finanzchef der Allianz-Gruppe, Paul Achleitner, in der Frankfurter Festhalle zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank gekürt: ein Österreicher, der Frieden bringt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die überraschende Personalie beendet einen Machtkampf zwischen dem dann scheidenden Vorstandschef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, und dem aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden, Clemens Börsig.

          Der Neue spricht nicht. Aber für den Neuen spricht so viel, dass man eigentlich schon früher auf die Idee hätte kommen können, ihn zu holen. Zuallererst: Achleitner ist ein Mann des Ausgleichs, der trotz beeindruckender Karriere nur wenige Feinde am Wegesrand zurückgelassen hat. Zu allen Akteuren an der Spitze der Deutschen Bank pflegt er Beziehungen. Mit Josef Ackermann duzt er sich seit vielen Jahren, beide haben in St. Gallen studiert. Keiner der Deutsch-Banker gehört allerdings zur Gruppe der engen Freunde, mit denen man intime Sorgen teilt und private Geburtstage feiert. Das Metier des Banking ist Achleitner ohnehin bestens vertraut: Er hat lange Jahre die Investmentbank Goldman Sachs in Deutschland geführt und dabei dem damaligen Quasi-Monopolisten Deutsche Bank lukrative Dax-Kunden abgejagt.

          Bestens verdrahtet in Wirtschaft und Politik

          Als Finanzchef hat er schließlich geholfen, die weltgrößte Versicherung Allianz in einem zähen Prozess zu einem schlagkräftigen Konzern umzubauen (mit dem die Aktionäre freilich immer noch wenig Spaß haben). Zudem ist Paul Achleitner so gut vernetzt in der deutschen Industrie, in der internationalen Bankenwelt und in der Politik wie kaum einer. Der Österreicher gehört zum inneren Zirkel von Managern, die das Bundeskanzleramt seit der ersten Finanzkrise 2008 regelmäßig um Rat angeht. Die Versicherungslösung, wie man die Mittel des Europäischen Rettungsschirms hebeln kann, stammt aus seiner Feder.

          Das Wertvollste aber könnte sein, dass der Manager den Abgrund gesehen hat. Damals im September 2008, als die amerikanische Investmentbank Lehman zusammenbrach und die weltgrößte Versicherung AIG kurz vor dem Absturz stand, unterbrach er seinen Mallorca-Urlaub und verhandelte in Manhattan über den Kauf von Anteilen an der taumelnden Versicherung. Er sah auch die Herablassung, mit der das verzweifelnd kämpfende Management der AIG von Investoren behandelt wurde. Das hat ihm nicht geschmeckt.

          Die Versicherung wurde schließlich vom amerikanischen Steuerzahler herausgehauen. Sie hatte 180 Milliarden Dollar Schulden, unter anderem neun Milliarden Euro bei der Deutschen Bank. Die Deutsche Bank, die so gerne darauf verweist, ohne Staatshilfen durch die Krisen gekommen zu sein, verdankt der amerikanischen Regierung, dass sie diese gewaltige Summe nicht abschreiben musste. Auch diese Erkenntnis hat Achleitner verinnerlicht. Ein bisschen Demut schadet nie.

          Die Frage ist, warum der 55-Jährige diesen neuen großen Wechsel wagt: Aufsichtsrats-Chef der Deutschen Bank, das wird kein Job für einen Frühstücksdirektor. So viel steht fest. Es gilt, Frieden zu stiften, die Gewinnaussichten zu verbessern, die Politik von geschäftsschädigender Regulierung abzuhalten und die deutsche Gesellschaft mit ihrer größten Bank und mit dem Finanzkapitalismus als solchen zu versöhnen. Es werden ja schließlich die Finanzkapitalisten sein müssen, die für eine vergreisende Gesellschaft die Renten erwirtschaften müssen. Daran erinnert Achleitner gelegentlich.

          Verlockung nach einer steilen Karriere

          Der Führungswechsel der Deutschen Bank findet zudem in einer Zeit statt, in der die schlimmste Finanzkrise seit den zwanziger Jahren nicht überwunden ist und viele Volkswirtschaften in die Phase des Deleveraging eintreten: Banken, Unternehmen und Privatleute versuchen ihre Risiken zu minimieren und ihre Schulden zu drücken mit all den damit verbundenen Konsequenzen für Wachstum und Stimmung. Die Bankenwelt braucht ein neues Geschäftsmodell. Wenn das keine Herausforderung ist. Damit ist dann auch schon eine Begründung für seinen Wechsel geliefert.

          Paul Achleitner weiß seit drei Wochen davon, dass man ihn als Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank haben will. Da hat Clemens Börsig, der aktuelle Aufsichtsratschef angerufen. Achleitner hat ja gesagt. Es gibt Verlockungen, denen kann einer wie er nicht widerstehen.

          Der Österreicher ist 55 Jahre alt, hat eine steile Karriere hinter sich, und sein Vorstandsposten als Finanzchef der Allianz, für die er ein Investitionsportfolio von 450 Milliarden Euro verantwortet, endet vertragsgemäß 2014. Eine Verlängerung wäre auch nicht ausgeschlossen gewesen.

          Das alles gibt er auf für den heißen Stuhl in Frankfurt. "Es ist ein Verlust für die Allianz, aber ein Gewinn für die deutsche Finanzwelt und den guten Ruf deutscher Unternehmen", schreibt der karge Allianz-Chef Michael Diekmann zum Abschied. Das wird im Umfeld als emotionaler Ausbruch des westfälischen Allianz-Chefs und Beleg großen professionellen Respekts für den Österreicher gedeutet.

          Ein Wechselmotiv darf man ausschließen: Geld. Für die Ausbildung seiner drei Söhne muss er längst nicht mehr arbeiten. Er war einer der 221 Goldman-Sachs-Partner, als die Investmentbank 1999 an die Börse ging und 3,6 Milliarden Dollar einnahm.

          Manche Goldmänner blieben damals, manche haben sich zur Ruhe gesetzt, eine Yacht, was Schickes an der Fifth Avenue oder eine ganze Pferdezucht gekauft. Einige zog es in die Politik. Andere haben Hedgefonds gegründet (und auch in den Sand gesetzt) und Paul Achleitner, der langjährige Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank, wechselte 2000 zur Allianz, "um einen schlafenden Riesen wachzuküssen". So hat das der Headhunter formuliert, der ihn damals zur Versicherung brachte.

          Achleitner hat die Fähigkeit, da wo er ist, zufrieden zu sein. Er hat seine Arbeit für die Allianz gern, er liebt es, komplizierte Deals durchzusetzen in langen Nachtstunden. Er bleibt dann immer noch ruhig, wenn es hektisch und laut wird. Weggefährten schätzen an ihm die Fähigkeit, mit einer lockeren Bemerkung schwierige Verhandlungsatmosphären zu entgiften. Er hat sich eine gewisse Lausbubenhaftigkeit bewahrt, sagt ein langjähriger Begleiter. Vor allem ruht er in sich, sagt jemand, der es wissen muss.

          Es wurde nicht alles zu Gold unter seiner Führung: Der Allianz-Vorstand hatte einmütig beschlossen, die Dresdner Bank zu kaufen. Sie sollte zur Plattform für den Verkauf von Finanzprodukten werden. Banken galten zum Zeitpunkt des Kaufes 2002 noch als gutes Geschäft, hatten sie doch in den Jahren davor bestens verdient. Doch der Erfolg blieb aus, die Integration gelang nie so wie gewünscht. 2008 ging das Institut an die Commerzbank.

          Rückschläge runden den Lebenslauf ab. Und Paul Achleitner ist einfach gerne da, wo es spannend zu werden verspricht und wo er etwas bewegen kann. Dass er sich die Bewältigung schwierigster Aufgaben zutraut, ist offensichtlich.

          Der Banker kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Angestellter einer Regionalbank, der Oberbank, im österreichischen Linz. Er starb früh mit 48, Paul Achleitner fehlt in gewisser Weise das Rollenmodell des berufstätigen Vaters, der sein Arbeitsleben ausklingen lässt bis zur Pensionsgrenze. Vielleicht hat ihn der frühe Tod des Vaters lebenshungrig gemacht. Jeder neue Tag wird zum Gewinn. Für das süße Leben auf langen Yachten bringt er allerdings kein Interesse auf. Den Lebenshunger muss der Beruf stillen.

          Er war gerade 21 Jahre und studierte in St. Gallen, als der Vater starb. Die Familie sagte, er solle weiter studieren in der teuren Schweiz. Das war nicht selbstverständlich. Er kam mit Stipendien und Studentenkrediten durch. Schaffte es nach Harvard und nach einer Zwischenstation in der Unternehmensberatung Bain in Boston wechselte er zur Investmentbank Goldman Sachs, die sein Berufsleben prägen sollte. Er schätzt an jener Bank, dass sie Aufsteigern aus kleinen Verhältnissen eine Chance gab. In ihr schaffte es ein Mann bis an die Spitze, dessen erster Job es war, die Spucknäpfe zu entleeren. Und der aktuelle Chef Lloyd Blankfein wuchs in einem sozialen Wohnprojekt in Brooklyn auf. Zugleich war in der Bank, so wie sie früher war, Personenkult verpönt. Auch das findet Achleitner gut.

          Einen Leitspruch dürfen sich seine künftigen Kollegen in der Deutschen Bank über ihre Schreibtische hängen: „Es ist erstaunlich, was du alles erreichen kannst, wenn es dir egal ist, wer die Anerkennung dafür erntet.“ Manchmal sagt er es auch anders: Der Welt ging es besser, wenn die Leute ihr Ego besser im Griff hätten. Dann kann auch ein Führungsduo funktionieren, wie es die Deutsche Bank mit Jürgen Fitschen und Anshu Jain installiert. Er kennt das aus Goldman-Zeiten, wo Duos erfolgreich die Geschicke bestimmten.

          Die Deutschland AG zuhause

          Mit seiner Frau, der Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner, führt er ein unprätentiöses zurückgezogenes Privatleben. Beruflich allerdings sind sie ein Powercouple, das zusammen in sechs deutschen Dax-Aufsichtsräten sitzt (von Juni 2012 an): er in vier, sie in zwei. Darin steckt Humor. Denn zu Achleitners Aufgaben in der Allianz gehörte es, den Versicherungskonzern aus dem Geflecht Deutschland AG herauszulösen. Jetzt haben sie die Deutschland AG privat, aber eine familiäre Machtstrategie muss man dahinter nicht vermuten.

          Sie blieben gerne unerkannt. Und sie wollen um Himmels willen nicht in die bunten Blätter. In der Münchner Schickeria tauchen sie nicht auf, bei gesellschaftlichen Anlässen machen sie sich so rar, wie es die Höflichkeit erlaubt. Gelegentlich ziehen ihn die fußballverrückten Söhne in die Allianz-Arena zu den Heimspielen des FC Bayern. Dann aber sitzt er unerkannt tief in der Südkurve statt in der Business-Lounge.

          Der Mensch und das Unternehmen

          Der 55 Jahre alte Versicherungsvorstand Paul Achleitner stammt aus Österreich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Bankangestellter einer Regionalbank, seine Mutter Hausfrau. Er studierte Ökonomie in St. Gallen. Dort lernte er auch seine Ehefrau, die Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner, kennen, mit der er drei Söhne hat. Nach Promotion und Besuch der Harvard Business School arbeitete er zunächst in Boston für die Unternehmensberatung Bain, um danach 1988 zu Goldman Sachs in New York zu wechseln. Nächste Goldman-Stationen waren London und zuletzt Frankfurt, wo er als Geschäftsleiter und Partner der Bank die deutschen Geschäfte führte; zusammen mit Phil Murphy, der heute amerikanischer Botschafter in Berlin ist. Nach dem Börsengang der Bank wechselte er in den Vorstand der Allianz.

          Die Deutsche Bank, deren Aufsichtsratsvorsitz Paul Achleitner im Mai 2012 übernehmen soll, ist die größte deutsche Bank gemessen an der Bilanzsumme und der Zahl der Mitarbeiter. 1900 Milliarden Euro lautet die Bilanzsumme, 102 000 die Zahl der Mitarbeiter. Für dieses Jahr war ursprünglich ein Gewinn von zehn Milliarden Euro angestrebt worden, was nicht mehr zu erreichen ist. Das Institut versteht sich als Universalbank, die Privatkunden, Firmen und reichen Familien nahezu alle Bankdienste angedeihen lassen kann. Den größten Anteil am Gewinn steuert allerdings das Investmentbanking einschließlich der Handelsaktivitäten bei. Die Bank ist einer der größten Devisenhändler der Welt. Im Mai 2012 verlässt Josef Ackermann die Spitze, seine Nachfolge bildet ein Duo: Anshu Jain und Jürgen Fitschen. Paul Achleitner ist so gut vernetzt in der Bankenwelt und in der Politik wie kaum einer. Bei der Allianz wurde nicht alles zu Gold unter seiner Führung: Der Kauf der Dresdner Bank etwa.

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