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Parsen in Indien : Im Lesesaal Zarathustras

Vorsprung durch Bildung: Parsen im Lesesaal der 1856 gegründeten Bibliothek Jamshetjee Nesserwanjee Petit Instuitute in Bombay Bild: LAIF

Die Parsen Bombays treten schlicht auf, steuern aber weite Teile der indischen Unternehmenslandschaft. Ihr Glaube an die Lehren des Propheten Zarathustra (“Gute Gedanken - gute Worte - gute Taten“) hilft ihnen dabei.

          Sarfaraz kann sich in der indischen Gesellschaft bewegen, kennt ihre ungeschriebenen Gesetze. Er steht kurz davor, das Milchgeschäft der Familie zu übernehmen, das sein Urgroßvater in Bombay (Mumbai) gegründet hatte. Sein Glaube aber macht Sarfaraz Irani zum Mitglied einer Randgruppe: Denn seine Familie sind Parsen, die den Lehren des Propheten Zarathustra folgen. Ehrlichkeit gehört dazu: "Die Inder erwarten von uns Parsen einfach kein Bestechungsgeld. Uns geben sie sogar das Wechselgeld zurück", sagt Irani.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Da die Zoroastrier die "bei weitem" unbestechlichste Gruppe in der Stadt seien, müssen sie leiden - denn das meiste in Indien gibt es nur gegen Aufschlag. "Es ist immer schwer, wenn man nicht mitspielt", sagt Irani.

          Dirigent Zubin Mehta

          Unter dem Strich spielen immer weniger nicht mit. Denn die Parsen gehören einer aussterbenden Religionsgemeinschaft an. Oder sind sie eine Volksgruppe, wie die Konservativen unter ihnen behaupten? Selbst immer mehr Inder stellen die Frage "Parsi Kya Cheez Hai?" - "Was ist ein Parse?"

          Dabei ist sie längst beantwortet - von Zubin Mehta, dem großen indischen Dirigenten, bis 2006 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und selber aus einer Parsenfamilie Bombays. "Die Parsen kommen aus einer uralten religiösen Gemeinschaft, deren Gründer Zarathustra war, und lebten nördlich des heutigen Iran, seit rund 1200 Jahre vor Christus. Nachdem die Muslime Persien im siebten Jahrhundert eroberten, emigrierten viele nach Indien, nördlich des heutigen Bombay. Parsen wurden sie genannt, weil sie aus der Region Persien kamen."

          Auch Queen-Sänger Freddie Mercury wurde in einer parsischen Familie geboren

          Mehta ist nicht der einzige große Musiker der Parsen: Auch Freddie Mercury, der spätere Rockstar und Queen-Sänger, wurde in einer parsischen Familie als Farrokh Bulsara geboren. Da niemand zum Parsen konvertieren kann, Parsen nur untereinander heiraten dürfen -, auch wenn heute Ausnahmen genehmigt werden - stirbt die Parsengemeinschaft aber allmählich aus.

          Sicher, mancher erinnert sich an den Religionsstifter Zarathustra, weil Nietzsche seinen Namen nutzte. Vielreisende mögen die Dakhmas kennen, die Türme der Stille in Bombay. Hier legen die Parsen, uralten Riten folgend, ihre Toten den Geiern zum Fraß vor - doch die Geier bleiben heute aus. Viel ist selbst im quirligen Bombay nicht mehr von den Zarathustra-Anhängern zu sehen - die knapp 50 Feuertempel, die Religionsfremden verschlossen bleiben, die eigenen Schulen, ein paar Geschäfte. Dabei geht - Legenden zu Folge - selbst die Gründung der indischen Wirtschaftskapitale auf Parsen zurück: 1736 soll die Ost-Indien-Kompanie den Schiffszimmermann Lowji Nusserwanji Wadia für 40 Rupien im Monat angeheuert haben, dort Fregatten zu bauen. Sie waren so gut, dass die halbe Welt sie wollte - und Bombay dank seiner Docks und Werften zu dem heranwuchs, was es heute ist.

          Wahr an der Geschichte ist ganz sicher, dass auffällig viele Zoroastrier am Zufluchtsort ihrer Vorfahren Karriere machten. Gut hunderttausend Parsen gibt es weltweit, 70.000 von ihnen leben in Indien. Die winzige Glaubensgemeinschaft wäre im riesigen Subkontinent mit seiner mehr als einer Milliarde Menschen längst untergegangen, hätten sich die Nachfahren der Flüchtlinge nicht dank ihrer Bereitschaft zur Anpassung, ihrer Ehrlichkeit und ihrer Beharrlichkeit enormen wirtschaftlichen Einfluss erarbeitet. "Wir sind wie ein Goldring im Milchbecher: Man bemerkt uns nicht, aber wir heben seinen Wert", sagt Sarfaraz. Mindestens vier der größten 20 indischen Unternehmen liegen in Händen von Parsenfamilien - die Tata-Gruppe ist das bekannteste von ihnen.

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