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Parketthandel : Ohne menschliches Antlitz

Das Parkett wird immer unbedeutender Bild: REUTERS

Der Börsenhandel alter Prägung hat ausgedient. Nicht schlimm, sagen die Wertpapierhändler. Sie sind froh, dass sie überhaupt noch gebraucht werden. Und zwar nicht nur als Statisten für Fernsehaufnahmen.

          Geschrei, Beschimpfungen, Unverschämtheiten, Schieben und Stoßen. So wird der erste Aktienhandel der Welt Anfang des 17. Jahrhunderts in der „Beurs“ von Amsterdam beschrieben. Daran änderte sich über Jahrhunderte nicht viel. In hektischen Börsensituationen hatte stets die besten Karten, wer auf dem Parkett am lautesten brüllte und sich so beim amtlich bestellten Kursmakler Gehör verschaffte. Der Makler war der Herr über das Geschäft mit Aktien. Er bestimmte den Preis und wickelte die Geschäfte ab.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Diese Zeiten sind längst vergangen. Wer heute das Frankfurter Parkett betrachtet, bekommt sieben weißlich leuchtende Rondelle zu sehen, in denen hinter Dutzenden Bildschirmen einige Damen und Herren sitzen. Herumgelaufen wird nicht, geschrien erst recht nicht und Menschenaufläufe gibt es auch keine mehr. „Es hat zwar etwas Sympathisches, wenn Leute da ruhig sitzen und ab und zu mal ein Brot essen“, findet Frank Lehmann, der 17 Jahre lang fürs Fernsehen vom Frankfurter Parkett berichtet hat. „Aber das menschliche Antlitz der Börse fehlt mittlerweile.“ Früher, da seien noch die Leute aus den Bäuchen der Banken aufs Parkett gekommen, Analysten, Strategen, erfahrene Händler, Leute, die etwas zu erzählen hatten. „Jetzt sitzen da junge Leute und führen Aufträge aus.“

          Der Computer errechnet neutral und transparent

          Ihre Tätigkeit ist nicht unbedeutend. Sie stellen die Kurse für den Großteil der rund 10.000 Aktien, die in Frankfurt gehandelt werden können. Doch die bedeutenden Geschäfte laufen an ihnen vorbei. 93 Prozent des Aktienhandels in Deutschland findet auf dem elektronischen Handelssystem Xetra statt. Die meisten Geschäfte ohne jegliches Zutun einer menschlichen Hand. Der Computer stellt Angebot und Nachfrage nach Wertpapieren gegenüber und errechnet daraus einen Kurs, bei vielen Werten sekündlich.

          Was Computer in Millisekunden errechnen, kann der Mensch einfach nicht mehr leisten

          Dass die Händler überhaupt noch gebraucht werden, liegt an der geringen Bedeutung der meisten Aktien. Das Interesse der Anleger fokussiert sich auf die 30 Dax-Werte und allenfalls 100 Nebenwerte. Die werden dann meist über Xetra gehandelt. Nur die vielen anderen Titel, bei denen es oft über Wochen und Monate überhaupt keinen Handel gibt, sind Sache der Menschen auf dem Parkett. Hier ist der Computer überfordert. Ein Handel käme hier ohne Menschen gar nicht oder nur zu absurden Kursen zustande.

          Doch die Deutsche Börse will auch diese Aktien sobald als möglich komplett auf ihr elektronisches Handelssystem holen. Der Mensch stellt dann keine Kurse mehr. „Das ist eine andere Philosophie“, sagt Rainer Riess, Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse und bei der Deutschen Börse zuständig für Xetra. „Im bisherigen Modell ist der Mensch derjenige, der etwas veranlasst, künftig ist es der Computer, der neutral und transparent einen Preis errechnet, und der Mensch kann bei Bedarf eingreifen.“

          Eine Philosophie, die die Deutsche Börse schon bei anderen Wertpapiergattungen wie Zertifikaten und Fonds verfolgt. Von Dezember an soll sie auch sukzessive im Rentenhandel umgesetzt werden, dann fehlt nur noch das Herzstück, der letzte Mosaikstein, die Aktien.

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