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Parallelwährungen : Wege aus der Eurofalle

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Schrittweise Rückführung der Währungsunion

Im Prinzip könnten solche Parallelwährungen auf Dauer bestehen bleiben. Die Bürger der Überschussländer hätten dann mit ihrem nationalen Hart-Euro eine wertstabile Geldanlage und mit dem normalen Euro dennoch ein gemeinsames, wenngleich weniger wertstabiles Zahlungsmittel. Allerdings dürfte auf Dauer wohl der Wunsch nach einem einheitlichen Geld im jeweiligen Land überwiegen. Früher oder später wird man daher in den Überschussländern dazu übergehen, den Hart-Euro auch als Bargeld einzuführen. Schon bald dürfte er dann den Euro in diesen Ländern ganz verdrängen. Dem Hart-Euro-Block würden neben Deutschland wohl auch die Niederlande, Österreich und Finnland angehören. Nicht auszuschließen ist, dass vielleicht auch andere skandinavische Länder und einige frühere Ostblockstaaten wie etwa Estland dazu stoßen werden.

Die südlichen Länder behielten dagegen mit dem normalen Euro eine schwächere Währung. Die heikle Frage in ähnlichen Reformmodellen, wohin Frankreich dabei gehören würde, würde sich hier kaum stellen. Denn auch Frankreich könnte selbst entscheiden, ob es eine nationale Hartwährung einführen will oder nicht. Eine gemeinsame Zentralbank der Hartwährungsländer ähnlich der EZB würde es nicht geben, ebenso wenig eine Ein- oder Austrittsproblematik. Vielmehr funktioniert der Wechselkursmechanismus in einem System inflationsindexierter Währungen automatisch, ähnlich wie im früheren Goldstandard. Die EZB wiederum verlöre allmählich ihren Einfluss auf die Hartwährungsländer, während diese untereinander als Währungsblock in einer Art EWS 2.0 kooperierten.

Die Parallelwährung ist in diesem Szenario also nur eine Übergangslösung. Sie würde die schrittweise Rückführung der Währungsunion in ein flexibleres Gebilde ermöglichen, ähnlich wie ja auch der Euro selbst schrittweise (und zunächst ebenfalls nur als Buchgeld) eingeführt worden ist. Die Hart-Euro-Einführung würde sogar noch eleganter vonstattengehen, da sie hier nicht zwangsweise, sondern rein evolutorisch erfolgt. Diese Konstruktion würde sowohl ein Überschießen des Wechselkurses als auch eine Panikreaktion der Finanzmärkte weniger wahrscheinlich machen. Sie hätte deswegen wohl mehr politische Akzeptanz als mancher andere Vorschlag, ließe sich aber notfalls auch gegen den Willen der Defizitländer durchsetzen. Denn für die Einführung einer inflationsgeschützten Geldanlage etwa durch die Bundesbank braucht diese nicht die Zustimmung der EZB oder der europäischen Finanzminister, ja nicht einmal der Bundesregierung. Mehr aber würde die Einführung eines Hart-Euro zunächst einmal nicht erfordern. Er wäre damit die ökonomisch und politisch niedrigschwelligste Möglichkeit, dem Euroraum die dringend benötigte Flexibilität wiederzugeben, die er durch die Einheitswährung verloren hat.

Der Autor

Ulrich van Suntum ist Direktor des Centrums für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster. Der in Münster und Bochum ausgebildete Volkswirt, der an diesem Montag seinen 60. Geburtstag feiert, hat ein Talent, ökonomische Zusammenhänge sehr anschaulich zu erläutern. Das nutzt er, wo immer sich Gelegenheit bietet, um für die Prinzipien der Marktwirtschaft zu streiten und zu werben – unter anderem auch als Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die von den Arbeitgebern der Metallindustrie finanziert wird.

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