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Pandemie-Vorbereitungen : Kampf gegen die Vogelgrippe

Wann trifft es die deutschen Küken? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Mit Sorge blicken Landwirte auf die Vogelgrippe im Ural. Zugvögel könnten den Erreger übertragen. Unterdessen verzehnfacht der Pharmakonzern Roche die Produktionskapazität für sein Grippemittel.

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          Noch ist in Niedersachsen die Welt in Ordnung. Noch ist das gefährliche Vogelgrippe-Virus hinter dem Ural, weit weg vom größten Geflügel-aufzuchtgebiet Deutschlands. In der Ödnis des niedersächsischen Flachlandes sorgen sattgrüne Wiesen und schmucke reetgedeckte Häuser für pittoreske Pracht. Doch Landwirt Wilfried Kathmann ist besorgt. Mit einem mulmigen Gefühl beobachtet er in diesen Tagen den Ausbruch der Vogelpest in Rußland und Kasachstan. „Angst davor, mich selbst zu infizieren, habe ich nicht“, sagt Kathmann. Ihm geht es um seine Tiere, die sich bei Zugvögeln anstecken könnten.

          Carsten Knop
          Herausgeber.
          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Im Dorf Lerchenhausen im Landkreis Diepholz züchtet er 18.000 Weidehähnchen in Auslaufhaltung. Schutzmaßnahmen hat Kathmann schon ergriffen. „Vor jedem Stall stehen Desinfektionswannen.“ Er achtet auch darauf, daß die Futtermittelfahrzeuge ihre Reifen desinfizieren. Und den Zufahrtsweg zu den Ställen hat er sowieso abgesperrt, damit keine Fremden versehentlich auf das Gelände kommen. „Aber hundertprozentiger Schutz vor Zugvögeln ist eigentlich ausgeschlossen.“ Der Landwirt ist einer von fast tausend Geflügelhaltern. Nirgendwo gibt es so viel Federvieh wie in den Landkreisen Diepholz, Vechta und Cloppenburg. Von der Hähnchen- und Schweinemast leben rund 50.000 Menschen in dieser Region.

          Künast: „Wir sind auf alles vorbereitet“

          Die Europäische Union hat auf die Pestgefahr reagiert, hat ein Importverbot für lebendes Geflügel und Federn aus Rußland und Kasachstan verhängt. Importe von Geflügel und Geflügelfleisch aus asiatischen Ländern sind ebenfalls verboten. Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Grüne) sieht Deutschland für die näherrückende Vogelgrippe gerüstet. „Wir sind auf alles vorbereitet“, sagt Künast. Die Ministerin, die in ihrer „Agrarwende“ die Biobewegung mit Freilaufhennen zum Leitbild der zukünftigen Landwirtschaft ausrief, plant nun ein Verbot der Freilandhaltung für Geflügel und eine Registrierung aller Vogelhalterbetriebe.

          Das Verbot, Hühner ins Freie zu lassen, soll in Kraft treten, bevor die ersten Zugvögel Mitte September in Deutschland eintreffen. Alles andere sei Panikmache: „Wir haben noch gar keine Vogelgrippe.“ Auch der Naturschutzbund Nabu warnt vor Panik gegenüber Wildvögeln. Thomas Dosch, Vorsitzender von Bioland Deutschland, fürchtet jedoch, daß Lobbyisten der konventionellen Bodenhaltung jetzt Stimmung machen gegen die Auslaufhaltung. „Seuchenzüge machen auch vor Ställen nicht halt“, sagt Dosch, dessen Verband 4500 Biolandwirte vertritt. „Für jeden Betrieb, der vom Virus befallen wird, ist es in wirtschaftlicher Sicht eine Katastrophe. Egal, ob Ökolandwirt oder konventioneller.“

          Zu wenige Medikamente vorrätig

          Noch schlimmer wird es, wenn sich das Virus so weiterentwickelt, daß es von Menschen auf Menschen übertragen werden kann. Wenn die Grippepandemie nach Deutschland kommt, gibt es bisher nur für rund 10 Prozent der Deutschen Medikamente. Mehr haben die dafür zuständigen Bundesländer im Durchschnitt nicht bestellt. Es geht dabei auch nicht um Bestellungen für einen Grippeimpfstoff, der erst entwickelt werden kann, wenn das Virus sich mit einem menschlichen vermischt hat. Die Aufträge im Volumen von 100 Millionen Euro betreffen nur die allgemein zur Behandlung von Grippesymptomen einzusetzenden antiviralen Grippemedikamente Relenza des britischen Pharmakonzerns Glaxo Smith Kline (GSK) und Tamiflu, das von der Schweizer Roche hergestellt wird.

          In Nordrhein-Westfalen und Bayern werden überdurchschnittlich viele dieser Präparate verfügbar sein, in Hamburg hingegen nur sehr wenig. Sobald eine von Mensch zu Mensch übertragbare Grippe um sich greift, soll die Arznei vorbeugend an das Gesundheitspersonal in den betroffenen Gebieten abgegeben werden. Außerdem würden alle Infizierten und ihre Angehörigen behandelt werden. Tamiflu und Relenza sollen die Zeit überbrücken, bis ein Grippeimpfstoff zur Verfügung steht. Die Bundesländer hoffen, daß dies den entsprechenden Unternehmen schnell gelingt. „Und wir haben dafür auch schon entsprechende Vorbereitungen getroffen“, heißt es bei Glaxo Smith Kline, das soeben damit begonnen hat, die Kapazität seines Grippeimpfstoffwerks in Dresden zu verdoppeln (F.A.Z. vom 16. August).

          „Wir haben die Produktion verdoppelt“

          In Dresden hatte GSK auch mitgeteilt, daß es rund 1,7 Millionen Packungen Relenza zu Sonderkonditionen an die Bundesländer liefern werde. Roche hat in seinem Halbjahresbericht schon eine Verdreifachung des Tamiflu-Umsatzes auf 580 Millionen Franken ausgewiesen. Aber davon stammten allein 236 Millionen Franken aus Japan, wo eine „normale“ Grippe wütete. Allerdings hat Roche angekündigt, seine Tamiflu-Produktion in den Jahren bis 2006 - bezogen auf den Wert des Jahres 2003 - verzehnfachen zu wollen: „Wir haben die Produktion im vergangenen Jahr verdoppelt und werden es auch im laufenden Jahr wieder tun“, sagt ein Sprecherin des Unternehmens. Bei GSK reichen die bisherigen Relenza-Produktionskapazitäten des Werks in Frankreich nach Angaben eines Sprechers aus.

          Tamiflu wurde 1999 von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA zur Behandlung von Grippe zugelassen und ursprünglich vom amerikanischen Unternehmen Gilead Sciences, Foster City (Kalifornien), entwickelt. Herkömmliche Grippeimpfungen können vorbeugend gegen die üblicherweise auftretenden Grippeviren helfen, sie sind jedoch etwa gegen die lebensgefährliche Vogelgrippe H5N1 nicht wirksam. Fachleute weisen aber darauf hin, daß durchaus schon heute in Verbesserungen der bestehenden Impfstoffproduktion investiert werden könnte. Denn noch immer werden Influenza-Impfmittel in Hühnereiern hergestellt. Im Pandemiefall könnte es schwierig sein, kurzfristig viele Millionen der speziellen Eier zu beschaffen, wird befürchtet. Allerdings arbeitet GSK an einem Verfahren, mit dem aus einem Ei künftig mehr Impfstoffe als bisher erzeugt werden können.

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