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Pandemie und die Folgen : Wie Corona das Gesundheitswesen stärkt

Eine Coronavirus-Station in der Asklepios Klinik in Langen Bild: Frank Röth

Minister Spahns Verzicht auf den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur war vielleicht voreilig: Die Pandemie könnte sich als Turbo für Reformen herausstellen – und seine Sympathiewerte noch steigern.

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          Dem deutschen Gesundheitswesen fällt das Hochfahren fast schwerer als das Herunterfahren. Seit Ausbruch der Epidemie steckt es in einer Zwickmühle. Zum einen ist es so gefordert wie nie, Krankenhäuser und Praxen haben sich voll auf Prävention, Testung, Behandlung konzentriert und dafür riesige Corona-Kontingente freigehalten. Das war richtig, die Kombination aus ambulanten Anlaufstellen – dem „ersten Schutzwall“ – und der stationären Versorgung hat dazu beigetragen, dass Deutschland recht glimpflich davongekommen ist.

          Dafür aber mussten Tausende andere Patienten abgewiesen werden, oder sie kamen freiwillig nicht. Viele Wartezimmer sind seitdem verwaist, es stehen deutlich mehr Intensivbetten leer als geplant. Offenbar scheuen sogar Patienten mit Schlaganfällen oder Herzinfarkten den Weg zum Arzt. Die verschobenen Hüft-, Knie- oder Krebsoperationen laufen nur stockend wieder an, auch hier weiß niemand, welche Folgen die Verzögerungen nach sich ziehen.

          Die leergefegten Einrichtungen haben auch ihr Gutes, nicht nur für die Mitarbeiter, von denen viele überarbeitet waren. Die Lage könnte darauf hindeuten, dass die Deutschen vor der Pandemie zu leichtfertig zum Arzt gegangen sind – mit hohen Kosten für die Allgemeinheit. Augenfällig zeigt sich das in den Notaufnahmen, die früher gern als Schnellambulanzen genutzt wurden, um sich jederzeit und ohne Termin kleine Zipperlein behandeln zu lassen. Bestenfalls hat die erste Corona-Welle ohne „Notfall“-Patienten mit Schnupfen dafür gesorgt, dass die Reform zur Entlastung der Rettungsstellen jetzt schneller vorankommt.

          Das Grauen von Covid-19 in Italien vor Augen

          Die Lehren aus und die Erfahrungen mit der Infektion zeitigen möglicherweise weitere positive Effekte. Organisatorisch könnte sich der durch die Corona-Gesetzgebung vergrößerte Einfluss des Bundes auf die Länder und Kommunen auszahlen, um bei künftigen Seuchen schneller reagieren zu können. Gleiches gilt für die Stärkung der Gesundheitsämter, für den Ausbau und die zentrale Meldung der Intensivkapazitäten, für die Herstellung und Lagerung von Schutzausrüstung.

          Während „Corona“ wurden Abrechnungen zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern erleichtert, die Kontrollen des Medizinischen Dienstes reduziert, jedenfalls in der Theorie. Es gibt wenig Gründe, diese Entbürokratisierung zurückzudrehen. Zudem hat die Infektion für eine Beschleunigung der Digitalisierung gesorgt, um das Abstandhalten zu unterstützen. Das dürfte den Ausbau der Telemedizin sowie die Einführung papierloser Rezepte und der elektronischen Patientenakte erleichtern.

          Vielleicht wägen Skeptiker ihre Datenschutzbedenken neu ab, wenn sie in der Epidemie die Vorteile der schnellen und kontaktlosen Kommunikation zu schätzen gelernt haben. Auch Zweifel an Schutzimpfungen könnten sich zerstreuen. Militante Impfgegner werden zwar nicht zur Vernunft gelangen, aber vielleicht solche Unentschlossenen, die das Grauen von Covid-19 in Italien vor Augen haben und sich und ihren Familien solche Risiken ersparen wollen. Die nächste Grippesaison wird zeigen, ob der Weckruf gehört wurde.

          Corona treibt Spahns Lieblingsvorhaben voran

          Recht nebulös bleibt vorerst, was die Corona-Zeit für die Finanzierung des Gesundheitswesens bedeutet. Klar ist, dass in der Rezession weniger Beiträge fließen. Die Krankenkassen rechnen außerdem mit erheblichen Zusatzausgaben. Ob die aber wirklich kommen, ist offen. Dazu müssten zwei Fragen geklärt sein: Wie hoch ist die Nettobelastung, wenn man die ausgebliebenen medizinischen Leistungen den Corona-Kosten gegenüberstellt? Und: Welcher Aufwand bleibt an der Krankenversicherung hängen, welchen übernimmt der Staat?

          Es wird für die Kassen nicht leicht, mit Verweis auf Corona die Beiträge anzuheben. Zum einen hat Berlin zugesagt, dass die Sozialabgaben auf nicht mehr als 40 Prozent steigen werden. Hinzu kommt, dass im Gesundheitsfonds und in den einzelnen Kassen Reserven von 30 Milliarden Euro schlummern. Der zuständige Minister Jens Spahn (CDU) wünscht seit längerem, dass vor allfälligen Beitragsanhebungen erst einmal die Rücklagen sinken sollen. Sie tun das jetzt schneller als erwartet.

          Und so treiben die Corona-Folgen gleich mehrere Lieblingsvorhaben des Ministers voran: Digitalisierung, Zentralisierung, Umbau der Notfallversorgung, Abschmelzen der GKV-Polster. Nicht nur das Gesundheitssystem könnte aus der Krise gestärkt hervorgehen, auch der ambitionierte Politiker. Als Krisenmanager genießt er hohe Bekanntheits- und Sympathiewerte in der Wählerschaft. Möglicherweise ärgert sich Jens Spahn heute, dass er vor seiner großen Zeit als Corona-Bekämpfer etwas voreilig auf den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur verzichtet hat.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

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