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Kampf gegen Pandemie : Was spricht gegen Corona-Tests für alle?

An den Flughäfen in Düsseldorf, Köln/Bonn und Dortmund werden kostenlose Corona-Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten angeboten. Bild: dpa

Ökonomen und Unternehmer verlangen viel mehr Tests auf das Virus. Mediziner und Gesundheitspolitiker sind dagegen gleich aus mehreren Gründen skeptisch.

          4 Min.

          Stellen wir uns vor, an einem einzigen Tag würde jeder Mensch auf der Welt einen Corona-Test machen. Alle positiv Getesteten würden sofort konsequent isoliert, bis auch sie wieder gesund sind. Corona wäre besiegt, oder? Eine Utopie? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Initiative der Ökonomen-Geschwister Corinna, Ernst und Gerhard Fehr sowie weiterer Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer ist überzeugt, dass nur ein flächendeckendes Testen unser gewohntes Leben wiederbringen kann. „testtheworld.org“ nennen sie sich. Auch Paul Romer ist dieser Überzeugung, immerhin Wirtschafts-Nobelpreisträger und passenderweise auch noch ausgezeichnet für die Integration von Innovation in die langfristige makroökonomische Analyse.

          Denn an Innovation muss man bei dieser Idee schon glauben. Jedem ist sofort klar, dass nicht 82 Millionen Einwohner in Deutschland gleichzeitig zum Arzt gehen können, um einen Corona-Test zu machen. Und dass in Laboren die 82 Millionen Tests nicht alsbald ausgewertet wären. Dafür brauchte es eine durchgreifende Neuerung, so etwas wie einen Schwangerschafts-Schnelltest für zu Hause – nur eben für Corona. Mit zuverlässigem Sofortergebnis.

          Ausgeschlossen ist das nicht. Doch selbst Test-Optimisten sagen, in den nächsten Monaten wird das nichts. Vielleicht klappt es Anfang 2021, vielleicht erst in einem Jahr. Käme es dazu, wäre das prima. Aber bis dahin kann man nicht warten.

          Testen nun kostenlos möglich: Warteschlange am Kölner Flughafen.

          Also wird mit den Möglichkeiten gearbeitet, die es bisher schon gibt. Das sind die CRP-Nasen- oder Rachentests. Gut 500.000 davon werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts Woche für Woche in Laboren ausgewertet. Das liegt weit unter der Einwohnerzahl der Bundesrepublik. Die Testkapazitäten werden mit knapp 1,2 Millionen je Woche angegeben, voll ausgelastet waren sie noch nie.

          „Perfektes Feldexperiment“

          Ein Unding, wie Gerhard Fehr findet, Verhaltensökonom und Vorstand von Fehr Advice & Partners: „Die deutsche Fußball-Bundesliga hat als perfektes Feldexperiment gezeigt, wie mit regelmäßigen Tests die Pandemie kontrollierbar wird und einen gesunden, normalen Spielbetrieb ermöglicht.“ Er ist enttäuscht über die „flache Lernkurve“ der Politik. „Ein Tag Lockdown kostet uns mehr als ein Jahr lang regelmäßiges Testen der Bevölkerung.“

          Auch in der Wirtschaft steigt die Unruhe. Die Aussicht auf weitere Monate Arbeiten im Corona-Modus wird für immer mehr Unternehmen zum Problem. „Großflächige Tests sind der Schlüssel, um Infektionsketten schnell zu unterbrechen und eine zweite Corona-Welle zu verhindern“, sagt Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Es muss darum gehen, Covid-19-Testkapazitäten effizienter zu nutzen und auch dezentral in Betrieben weiter auszubauen.“ Sie fordert Bund, Länder und Kommunen dazu auf, zügig die rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen für flächendeckende Tests zu schaffen, auch mit Hilfe mobiler Teststationen in Unternehmen.

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          Prominentester Anbieter ist Centogene. Das Rostocker Unternehmen für Labordiagnostik ist Partner des Frankfurter Flughafens und hat dort mit seiner mobilen Teststation in den ersten drei Juliwochen bei 25.000 Tests immerhin 70 Corona-Fälle entdeckt. Von der Erzählung, die Testkapazitäten seien auf ihrem jetzigen Niveau limitiert und müssten Menschen mit eindeutigen Krankheitssymptomen vorbehalten bleiben, hält Unternehmensgründer Arndt Rolfs gar nichts: „Wir werten bei uns 45.000 Tests am Tag aus, dafür brauchen wir 40 bis 45 Mitarbeiter im Labor. Das ist nicht so kompliziert. Das könnten große Laborketten auch leisten.“ Rolfs plädiert für mehr Tests, wo immer das möglich ist. „Wir müssen die Ansteckungsketten unterbrechen, und das geht nur mit Tests. Wenn wir warten, bis jemand Symptome zeigt, hat der schon drei bis sieben Leute angesteckt.“

          Seine Haltung trägt er der Politik regelmäßig vor. Mit mäßigem Erfolg. Nur Bayern zahlt seiner Bevölkerung anlasslose Tests. Am Freitag haben sich die Gesundheitsminister der Länder nach längerem Ringen immerhin auf eine einheitliche Linie zur Testung von Urlaubsrückkehrern an Flughäfen verständigt: Kommen sie aus einem der 130 Risikoländer wie der Türkei oder den Vereinigten Staaten, können sie sich freiwillig und kostenlos am Flughafen testen lassen, um 14 Tage Quarantäne zu vermeiden. Reisende aus Nichtrisikogebieten sollen fortan binnen drei Tagen Anspruch auf einen kostenlosen Test zum Beispiel in einer Arztpraxis haben.

          Negativer Test bietet keine Sicherheit

          Dem SPD-Gesundheitsexperten und promovierten Epidemiologen Karl Lauterbach ist das zu wenig. „Wir brauchen dringend eine nationale Teststrategie. Dazu zählt das konsequente Erfassen aller Infektionscluster und zweimal pro Woche die konsequente Testung aller Pflegekräfte, Lehrer und anderer mit viel Publikumsverkehr“, sagt er. Japan biete hier gutes Anschauungsmaterial. „80 Prozent der Infizierten stecken keinen an, 20 Prozent dafür viele. Die Japaner haben es besser geschafft, diese Personen zu finden und zu isolieren.“ Lauterbach gehört seit Beginn der Krise zu den Warnern und Mahnern: „Die Sorglosigkeit nimmt zu, ist zu ausgeprägt – auch durch den Irrglauben, wir hätten bald einen wirksamen Impfstoff. Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Welle steigt derzeit deutlich.“

          Das Bundesgesundheitsministerium hält sich bedeckt. Bisher verlässt es sich auf die Einschätzung des Robert-Koch-Instituts, wonach Testen ohne Anlass zu einem falschen Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung führe. Ein negativer Test sei nur eine Momentaufnahme.

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          Eva Grill, Epidemiologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, teilt die Bedenken. „Testen gibt keine Normalität nach dem Motto: Jetzt brauchen wir keine Masken und keinen Abstand mehr und können uns in einer Halle zum Konzert versammeln, als gäbe es die Pandemie nicht“, sagt Grill. „In einer Pandemiesituation darf es keine Rest-Unsicherheit geben. Wir werden weiterhin die Atemmasken, Hygiene- und Abstandsmaßnahmen brauchen und sehr aufmerksam sein müssen.“ Gleichwohl plädiert sie für viel mehr Tests. „Es ist der richtige Weg zu sagen, wir müssen sehr viel mehr und strategisch testen, vor allem Lehrer, Schüler und in Kitas. Hier brauchen wir ein schlüssiges Konzept.“

          Kann die Maske dann weg?

          Und bis dahin? Der Rostocker Unternehmer Rolfs prescht abermals vor. Er bietet jetzt bei Amazon Testkits für zu Hause an. 79 Euro kostet ein einzelner Test, 199 Euro die Familienpackung mit vier Tests. Rolfs hält die Tests für sicher genug, um anschließend auch ohne Maske zwei, drei Tage arbeiten zu gehen. Er hält vorherige Tests der Besucher auch für eine gute Option, um Fußballspiele vor Publikum, Konzerte und andere Veranstaltungen wieder stattfinden zu lassen.

          Die Gesundheitsämter sind skeptischer. In Offenbach durfte eine Tanzveranstaltung „Back to live“ nicht stattfinden, obwohl vorher alle Besucher getestet werden sollten. Der Veranstalter wollte zwar wesentlich weniger Teilnehmer als üblich zulassen, aber ohne Mindestabstand und Maske. Der Weg zur Normalität bleibt weit.

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