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Steuervermeidung in Russland : Zum Wohle des Volkes Milliardär werden

Die Luxus-Yacht eines russischen Milliardärs auf der Newa in St. Petersburg Bild: AP

Die Panama-Papiere bringen nun auch Russlands Regierung in Erklärungsnot – sie antwortet mit Märchenstunden der ganz besonderen Art im öffentlichen Fernsehprogramm.

          5 Min.

          Bis vor kurzem war Sergej Roldugin aus Sankt Petersburg nur einigen Musik- und Putin-Liebhabern ein Begriff. Erstere kannten ihn als versierten Cellisten, Letztere als Jugendfreund Putins. So äußerte sich Roldugin etwa zu Beginn von Wladimir Putins erster Präsidentschaft im Jahr 2000 in dem Gesprächsband „Aus erster Hand“ über die enge Freundschaft zu „Wolodja“, die seit 1977 besteht. Vor einer Woche, mit Beginn der Veröffentlichungen über die Panama-Papiere, wurde Roldugin, der Pate von Putins älterer Tochter Marija, auch fachfremden Kreisen bekannt: Demnach bekamen Briefkastenfirmen des Cellisten von russischen Banken hohe Kreditlinien ohne Sicherheiten, erhielten Geld als Entschädigung für angeblich gescheiterte Aktiengeschäfte oder als Beratungshonorar. Zwei Milliarden Dollar, hieß es, seien auf diese Weise durch die Offshore-Konstrukte geflossen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Spätestens seit Sonntagabend kennt nun auch ganz Russland Roldugin: als großen, selbstlosen und staatstreuen Patrioten seines Vaterlandes. Denn so stellte ihn die wichtigste Sendung des Staatsfernsehens vor, die „Nachrichten der Woche“ von Dmitrij Kisseljow, der auf seine Weise längst selbst ein Star ist: Der Moderator, der zugleich die staatliche „Informationsagentur“ namens „Rossija Sewodnja“ leitet, ist bekannt für Hasstiraden gegen Homosexuelle, den Westen und Amerika; die EU hat ihn 2014 auf ihre Sanktionsliste gesetzt, wogegen Kisseljow, der als Liebhaber eines westlichen Lebensstils gilt, in Luxemburg klagt.

          „Das kostet ein wahnsinniges Geld“

          Der etwa zwanzig Minuten lange Bericht der „Nachrichten der Woche“ markiert den vorläufigen Eskalationshöhepunkt um die Panama-Papiere, die nach Darstellung des Kreml eine weitere Schlacht im „Informationskrieg“ des Westens gegen Russland respektive Putin sind. Dessen Sprecher Dmitrij Peskow hatte schon vor den ersten Veröffentlichungen vor einer „Informationsattacke“ gewarnt. Danach gab es zunächst keine Stellungnahme, auch das Staatsfernsehen berichtete nicht. Wohl aber andere russische und sowieso westliche Medien. Daraufhin sprach Peskow von „Putinophobie“ und einem „persönlichen Angriff“ auf den Präsidenten. Auch das, so wurde klar, reichte nicht aus: Ist die Nachricht zu stark, braucht es mehr als Leugnungen und Beschuldigungen, es braucht eine Kreml-Version zum Geschehen, die das heimische Publikum und Putinfreunde im Westen gewogen hält. Eine eigene Geschichte zu Roldugins Offshore-Geld also.

          Putin höchstselbst gab am Donnerstag voriger Woche die Richtung vor. Während eines Forums in Sankt Petersburg sagte er, wohl jeder zweite russische Künstler sei nebenbei geschäftlich tätig, soviel er wisse, auch sein Freund Sergej Pawlowitsch, und zwar als Minderheitsaktionär „eines unserer Unternehmen“, wodurch er etwas Geld, „natürlich keine Milliarden Dollar, das ist Blödsinn“, verdiene und damit Musikinstrumente kaufe, die er dem Staat überschreibe. „Ich bin stolz darauf, dass ich solche Freunde habe“, sagte Putin – und gab damit die Linie für Kisseljows „Nachrichten der Woche“ vor.

          Auch diese stellen Roldugin dann als selbstlosen Gönner vor, der Geld zum Wohl von Volk und Staat verwendet. Der Cellist führt einen Fernsehreporter – übrigens denselben, der vor einem Jahr Putin im Epos „Krim. Weg in die Heimat“ Stichworte im Gespräch über den Hergang der Annexion lieferte – durch einen prächtig restaurierten Petersburger Palast, in dem das „Haus der Musik“ untergebracht ist. Das Gebäude habe er vor dem Verfall „gerettet“, sagt Roldugin. Er habe einst Russlands Milliardäre um Unterstützung „angebettelt“, weil Instrumente und Unterricht teuer seien. „Ich wollte, dass es die besten Instrumente, die besten Professoren, die besten Räume sind. Das Allerbeste für unsere russischen Burschen, für unsere Musiker. Das kostet ein wahnsinniges Geld“, sagt der Cellist. Im Bericht heißt es dazu, dann hätten „Mäzene“ Roldugin „einen kleinen Anteil am Geschäft“ übertragen, auf dass er nicht länger „betteln“ müsse.

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