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Panama Papers : Hier liegen die Offshore-Gelder auf der Welt

Bild: F.A.Z.

Die Begriffe „Offshore“ und „Steueroasen“ sind in aller Munde. Wie groß ist dieses Geschäft, und wo sitzen die großen Profiteure? Ein Überblick.

          3 Min.

          Die Panama-Papiere werfen ein grelles Licht auf eine Branche, deren Geschäftsgrundlage die Diskretion ist: Seit dem Datenleck bei der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca interessiert sich die Welt plötzlich brennend für die Geschäfte der sogenannten Offshore-Finanzbranche. Der Vorwurf: Dienstleister wie Mossack Fonseca, aber auch Banken sollen aus Profitstreben gewerbsmäßige Beihilfe für Steuerhinterzieher, korrupte Politiker und andere Kriminelle leisten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber wie groß ist die Schattenwelt der Offshore-Finanzen eigentlich? Und wo liegen die wichtigen Knotenpunkte dieses weltumspannenden Geschäfts? Eindeutige Antworten auf solche Fragen sind schwierig. Schon deshalb, weil es an klaren Definitionen fehlt. Häufig werden Wirtschaftsstandorte als Offshore-Finanzzentren angesehen, weil sie einen relativ großen Finanzsektor haben, der viele Ausländer als Kunden hat. Manchmal werden Offshore-Zentren auch schlicht als „Steueroasen“ bezeichnet, als Orte also, die Ausländer mit niedriger oder null Besteuerung anlocken. Auch die Gegner der Offshore-Finanzbranche räumen zudem ein: Es gibt legale und legitime Gründe „offshore“ zu gehen.

          Die intransparente Offshore-Welt zu vermessen, ist ebenfalls schwierig. Die Schätzungen gehen weit auseinander: Der französische Ökonom Gabriel Zucman, der an der Universität im amerikanischen Berkeley lehrt, kommt zum Ergebnis, dass global 7,6 Billionen Dollar „offshore“ in Steueroasen gehalten werden – rund 8 Prozent des privaten Finanzvermögens auf der Welt. Den Regierungen in den Heimatländern der Offshore-Investoren entgingen dadurch Steuereinnahmen von jährlich 190 Milliarden Dollar, glaubt Zucman. Der amerikanische Ökonom und Offshore-Experte James Henry beziffert die Größe des Offshore-Markts sogar mit bis zu 32 Billionen Dollar. All diese Schätzungen sind aber umstritten.

          Panama als „weitgehend konform“ eingestuft

          Noch heikler wird es bei der Frage, was die Zentren der Offshore-Branche sind – wo also die Profiteure dieses Geschäfts sitzen. So bringen die Enthüllungen um die Kanzlei Mossack Fonseca aus Panama auch den Industriestaatenverbund OECD in Verlegenheit. Deren Experten arbeiten seit Jahren daran, Steueroasen zu finden und auf schwarzen Listen anzuprangern. Das funktioniere, beteuert Pascal Saint-Amans, Leiter der OECD-Steuerabteilung, und verweist auf den automatischen Informationsaustausch, zu dem sich fast 100 Staaten vom kommenden Jahr an verpflichtet hätten. „Panama ist das einzige Land, das die OECD-Standards verweigert hat. Alle anderen haben sich bewegt“, sagt er. Dennoch aber wird das mittelamerikanische Land von der OECD bisher als „weitgehend konform“ eingestuft. Panama erfülle also im Großen und Ganzen internationale Regeln.

          Hinter vorgehaltener Hand wird in der von 34 Industriestaaten getragenen OECD eingeräumt, dass diplomatische Erwägungen die Urteile mitprägen. Bei den Vereinigten Staaten – dem größten OECD-Beitragszahler – heißt es etwa, dass das Land ebenfalls „weitgehend konform“ mit den Regeln sei, doch bei der Transparenz von Eigentümerstrukturen bestimmter Finanzvehikel sowie bei der Buchführung gäbe es Schwächen. Amerikanische Bundesstaaten wie Delaware, Wyoming und Nevada gelten wegen ihrer laxen Prüfungen als Eldorado für dubiose Briefkastengesellschaften. Auch in Deutschland findet die OECD beim Thema Eigentümertransparenz Lücken und bemängelt unter anderem die Langsamkeit bei Anfragen zum Informationsaustausch. Deutschland hat deshalb ebenfalls nur das Rating „weitgehend konform“, während viele andere Länder als „vollständig konform“ gelten.

          Beide Augen zugedrückt auf den Jungferninseln

          Am Beispiel der Britischen Jungferninseln offenbaren sich besonders die Grenzen des OECD-Drucks. Anders als Panama zeigen sich die Jungferninseln, die zum britischen Einflussbereich zählen und eine große Rolle bei den Panama-Enthüllungen spielen, seit Jahren vordergründig kooperationsbereit und stellen sogar eigene Steuerexperten für OECD-Kontrollmissionen in anderen Ländern zur Verfügung. Doch in Wahrheit hätten die Jungferninseln bei dunklen Geschäften im eigenen Land die Augen zugedrückt, wie bei der OECD eingeräumt wird.

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          Die Steueroasen-Liste der OECD ist deshalb umstritten. „Die Standards, die dort angewendet werden, sind viel zu schwach“, sagt der Offshore-Experte Markus Meinzer von der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network (TJN). Das sei auch kein Wunder: „Es gibt einen offenkundigen Interessenkonflikt, weil zu den großen Profiteuren der Offshore-Geldströme Finanzzentren wie London, New York und Frankfurt zählen, die sich allesamt in OECD-Staaten befinden“, sagt er. Denn dort werde das Offshore-Geld von Banken angelegt und verwaltet.

          Anders als bei der OECD stehen beim „Schattenfinanzindex“ des TJN Industrieländer wie die Schweiz und die Vereinigten Staaten weit oben auf der Liste der schwarzen Schafe. Deutschland wird auf einem unrühmlichen achten Platz geführt – und damit deutlich schlechter eingestuft als Panama oder die Jungferninseln. Aus zwei Gründen, sagt Meinzer: „Einerseits ist der Marktanteil Deutschlands an internationalen Finanzgeschäften viel größer als etwa derjenige der Jungferninseln.“ Das TJN nutzt für seine Berechnungen Daten des Internationalen Währungsfonds über Finanzdienstleistungsexporte. Außerdem zähle auch Deutschland zu den Ländern, „die es Ausländern leichtmachen, die Regeln in ihrem Heimatland zu umgehen“, sagt Meinzer. Als Beispiel dafür nennt er unzureichende Geldwäschegesetze hierzulande.

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