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Diplome : Pakistanischer Konzern wegen Handels mit falschen Titeln im Visier

Razzia in Axact-Büros in Karachi am Dienstag. Bild: AFP

Das Unternehmen Axact steht im Verdacht, mit gefälschten Hochschulzeugnissen zu handeln. Der Gründer des Unternehmens gehört zu den schillerndsten Unternehmern seines Landes. Jetzt wehrt er sich gegen die Vorwürfe.

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          Kleine Brötchen backt Shoaib Ahmed Shaikh nicht: Mit seinem Unternehmen Axact gibt er an, das „führende Internet-Unternehmen der Welt“ zu sein und das „weltweit führende Produkt zur Sicherheit von Internet-Firmen“ anzubieten. Die Zukunft seines Heimatlandes Pakistan will er auch retten. Das aber wehrt sich nun gegen die Umarmung: In dieser Woche durchsuchten Polizisten die Niederlassungen von Axact, packten Computer ein, vernahmen Mitarbeiter. Dahinter steht der Kampf gegen ein Unternehmen, das nach Medienberichten den Handel mit gefälschten Hochschulzeugnissen zum Geschäftsmodell erhoben hat.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Ausgangspunkt war ein Bericht der „New York Times“ über das weit verzweigte und undurchsichtige Unternehmen mit Sitz in Karachi. Der Autor erklärt, Axacts „Hauptgeschäft ist der jahrhundertealte Betrug, gefälschte akademische Zeugnisse zu produzieren, und in ein Schema für das Internet-Zeitalter zu verwandeln“. Dazu zählten 370 Internetseiten, ein Umsatz von Dutzenden Millionen von Dollar sowie viele Tausend Kunden rund um die Erde, die sich dann mit den gefälschten Zertifikaten schmückten. Sie stammen dem Bericht zufolge von scheinbar illustren Adressen, wie der „Belford High School“ und können in Fächern wie Psychologie, Informatik, Jura oder Sozialwissenschaften erworben werden – ohne auch nur eine Prüfung bestehen zu müssen. Ein Teil der Empfänger mache gemeinsame Sache mit den Tätern und wolle sich auf einfache Weise ein gefälschtes Diplom erschleichen. Ein anderer Teil glaube zunächst wirklich, für 2000 oder 3000 Dollar beispielsweise einen Kurs zu buchen, der einen Wirtschaftstitel bringe. Lehrmaterial aber gebe es nicht, nur am Ende ein später oft wertloses Zeugnis. Die Internetseite von Belford existiert noch immer. Inzwischen aber gibt es keine Möglichkeit mehr, sich einzuschreiben. Die Kurse werden entweder als ausgebucht dargestellt, oder es laufe eine „planmäßige Wartung der Webseite“, die den Zugang verhindert, heißt es.

          Die Zeitungsgeschichte aus New York stieß auf der ganzen Welt auf ein großes Echo, woraufhin sich Pakistans Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan zum Eingreifen gezwungen sah: „Sollte das Unternehmen in solch illegale Arbeit verwickelt sein, könnte dies den guten Ruf unseres Landes in der Welt beschädigen.“ Axact wehrt sich nun mit aller Kraft. Die Geschichte sei „ohne Grundlagen, bleibt hinter journalistischen Standards zurück, ist verleumdend, ehrenrührig, basierend auf falschen Anschuldigungen“, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens.

          Shoaib Ahmed Shaikh will reicher als Bill Gates werden

          Axact stellt die Integrität sowohl des Autors als auch der „New York Times“ in Frage. Als Indiz dafür zog das Unternehmen dabei die zwölf Jahre alte Affäre um gefälschte Geschichten von Jayson Blair heran, einem früheren Mitarbeiter der Zeitung. Axact beklagt auch, erst in allerletzter Sekunde zu den Vorwürfen befragt worden zu sein. Allerdings hat Axact auch keine Stellung zu Fragen der Nachrichtenagentur Agence France Presse bezogen. Eine Sprecherin der „New York Times“ sagte auf Anfrage, die Zeitung stehe hinter dem Bericht und sehe in der Reaktion von Axact nichts, das eine Korrektur notwendig machen würde. Zu seiner Verteidigung wies Axact auch darauf hin, dass die amerikanische Zeitschrift „Forbes“ eine zunächst publizierte Geschichte, die den Bericht der „New York Times“ aufgriff, wieder zurückgezogen habe. Von „Forbes“ war dazu zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

          Jenseits all dieser Vorwürfe ist der Gründer von Axact ein schillernder Typ. Shoaib Ahmed Shaikh will nicht nur reicher als Bill Gates werden, sondern mindestens ähnlich viel Gutes tun: 65 Prozent des Umsatzes von Axact sollen in wohltätige Zwecke fließen. Und bis 2019 will der Unternehmenschef mehr als zehn Millionen pakistanischen Kindern eine Schulausbildung ermöglichen. In der „Axact Vision 2019“ heißt es unter anderem, innerhalb von vier Jahren jedem Pakistaner „Essen und ein Dach über dem Kopf“ zur Verfügung stellen zu wollen. Mit solchen Ankündigungen kann im Land enorme Sympathie erzeugt werden – denn dem Staat trauen die Menschen nichts zu. Windig erscheinen auch die Werbemethoden für Mitarbeiter: Da wird berichtet, dass im vergangenen Jahr zwei Mercedes-Benz und 19 Honda Civic für sie gekauft worden seien. Denn die erfolgreichsten 113 Mitarbeiter hätten ein dreistelliges Wachstum erzeugt. „Unglaubliche 21 Axactians wurden auf die Präsidenten-Ebene befördert“, heißt es weiter.

          Aufsehen erregt Shaikhs Vordringen in den Mediensektor: Für sein Unternehmen BoL verpflichtet er gut bezahlte Journalisten. Immer wieder taucht der Vorwurf auf, sein Vorhaben werden vom pakistanischen Militär unterstützt oder auch von der Mafia gefördert – was Shaikh vehement dementiert. 1997 hatte er seine Firma „aus einem Büroraum heraus“ gegründet. Inzwischen habe Axact eine „Dominanz im Markt erreicht, wie man sie sonst nur von Technologie-Giganten wie Apple oder Samsung kennt“, heißt es allen Ernstes auf der Internetseite. Vieles erinnert an das Vorgehen indischer Familienkonzerne, die massiv wachsen, enorme Sozialleistungen erbringen, und am Ende dann – wie Sahara oder Satyam – ins Trudeln geraten. „Ich bin überzeugt davon, dass Pakistan 2019 Informationstechnik-Dienstleistungen im Wert von bis zu 50 Milliarden Dollar exportieren wird und ein großer Beiträger dazu Axact sein wird“, sagt Shaikh. Dies wäre mehr als die Hälfte dessen, was der große Nachbar Indien mit seinen erfahrenden Softwareunternehmen wie Wipro, Tata Consultancy oder Infosys ausführt.

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