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„Overtourism“ : Wenn Urlauber lästig werden

Urlauber sonnen sich am Ostseestrand. Bild: dpa

Für ein authentisches Urlaubserlebnis wünschen sich 70 Prozent der Reisenden mehr Kontakt zu Einheimischen. Die sind allerdings wenig begeistert. Ein Kommentar.

          Das Schöne am Verreisen ist für die meisten Urlauber wohl das Gefühl von Freiheit. Das freilich stößt zunehmend an Grenzen. Bei mehr als 20 Millionen Tages- und Übernachtungsgästen, die beispielsweise jährlich nach Venedig mit seinen gerade mal 55.000 Einwohnern strömen, bleibt die Freiheit auf der Strecke – für die Einwohner und für die Urlauber. Die lange Wachstumsgeschichte des Reisens hat Urlauber ins Gedränge geführt. Sie hat Gäste aus Sicht von Einheimischen zu lästigen Dieben der Behaglichkeit gemacht. Die Branche hat das nahende Unheil lange ignoriert, jetzt muss sie sich einer Debatte über die Überlastung von Reisezielen stellen. „Overtourism“ ist das Schlagwort, das die Diskussionen auf der Berliner Reisemesse ITB prägt.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Zahl der Urlauber ist immer größer geworden, die der beliebtesten Sehenswürdigkeiten ist es nicht. Und so quetschen sich an Spitzentagen 12.000 Kreuzfahrtpassagiere auf Landgang durch die malerischen Gassen von Dubrovnik, zusätzlich zu den Kroatien-Urlaubern. Auf Mallorca müssen Einheimische in die Inselhauptstadt pendeln. Sie können sich in Palma keine Wohnung mehr leisten, weil Apartments in Urlauberunterkünfte verwandelt werden. Auf dem Weg stehen die Spanier im Stau zwischen den Mietwagen der Gäste. Amsterdam erlaubt in der Innenstadt keine neuen Eisdielen, weil Anwohner außer süßen Touristensnacks kaum noch Lebensmittel kaufen können. Auch an der deutschen Ostseeküste wird es Einheimischen lästig, dass Urlauber Tag für Tag durch Wohngegenden zu untervermieteten Souterrain-Unterkünften schlendern.

          Bisher nur Verlegenheitslösungen

          Mehr Urlauber für ihre Angebote zu begeistern, haben die Touristiker gekonnt hinbekommen. Den traditionellen Pauschalreisegestaltern und Hoteliers ist das ebenso geglückt wie neuen Online-Anbietern und Plattformen wie Airbnb. Die Neulinge im Digitalzeitalter wirken als Wachstumsbeschleuniger. Auf die Kollateralschäden des Massentourismus hat die Branche hingegen keine überzeugenden Antworten gesucht, geschweige denn gefunden.

          Mal rät sie Urlaubern, lieber im November nach Kreta zu fliegen, weil dann das Meerwasser noch warm ist. Doch müssen sich Familien an den Schulferien ausrichten, die im Juli und August liegen. Mal sollen Kreuzfahrtschiffe mehr Häfen ansteuern. Doch die immer größeren Dampfer passen nicht an die Anleger jedes Küstenörtchens. Mal sollen nicht nur Louvre und Eiffelturm in Paris besichtigt werden, da es in Frankreich auch im Loire-Tal schön sei. Tourismusprofis ersinnen Stückwerk und Verlegenheitslösungen. Die Nebenkosten des Wachstums, zu denen auch Investitionen in eine leistungsfähigere touristische Infrastruktur zählen, haben sie hingegen vertagt.

          Den Einheimischen wird es zu viel

          Der Zorn der Einheimischen schwelt seit langem. Mittlerweile wollen auch immer mehr Gäste nicht mehr die stockende Massenabfertigung ertragen. Dem Reisekonzern Thomas Cook – benannt nach dem Erfinder der Pauschalreise – verrieten in einer Kundenbefragung 70 Prozent der Urlauber, dass sie mehr Kontakt mit Einheimischen wünschen, ihnen auf Ausflügen begegnen möchten. Die Einheimischen fragte der Konzern nicht. Vielerorts hätten sie bestimmt nicht eingewilligt. Denn die Suche der Urlauber nach besonderen Erlebnissen führt dazu, dass immer mehr Orten dieses Besondere genommen wird. Der Zorn darüber prasselt vor allem auf die Wohnraum-Plattform Airbnb. Deren Errungenschaft war es, dass Reisende online nicht nur in Urlaubervierteln Quartiere finden, sondern überall in einer Stadt.

          Dazu passt, dass die Reisebranche mantrahaft bekundet, das Erkunden ferner Länder und fremder Städte diene der Völkerverständigung. Doch mit dem gewachsenen Ansturm der Erkunder wurde es Einwohnern zu viel der vermeintlichen Verständigung. Ohnehin hatten sie das Gefühl, diese Verständigung funktioniere nur in eine Richtung: Die Urlauber kommen, nehmen die Ruhe und die Wohnungen, im Gegenzug bringen sie etwas Geld mit. Für einen nachhaltigen, ressourcenschonenden Urlaub mehr zu bezahlen liegt den meisten allerdings fern. Fast die Hälfte erwartet sogar, dass sie auf solchen Reisen nicht mehr ausgeben müssen, sondern weniger. Schließlich werde dann ja nicht jeden Tag im Hotel das Handtuch gewechselt und gewaschen.

          Es ist höchste Zeit, über die Auswüchse des Massentourismus zu diskutieren. Einheimische begehren schon auf. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auch die Urlauber lange Warteschlangen und die garstigen Gesichter genervter Anwohner leid sind. Der nächste große Wachstumsschub für den Tourismus zeichnet sich schon ab. Menschen aus Schwellenländern – allen voran aus China – haben begonnen, in großem Maße die Welt zu erkunden. Entweder schafft es die Reisebranche, mit Investitionen in leistungsfähige Infrastruktur ein für alle Beteiligten erträgliches Urlaubsgeschäft zu gestalten. Oder die Urlauber lösen das „Overtourism“-Problem auf ihre Weise. Ferienorte, die für sie nicht mehr angenehm und attraktiv sind, meiden sie. Dann fielen dort Einnahmen aus dem Tourismus weg. Es blieben nur Verlierer.

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