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Outsourcing : "Bis ich mit der Gewerkschaft klar bin, hat die Konkurrenz schon geliefert"

Ifo-Präsident Sinn kritisiert die „Basar-Ökonomie” der Unternehmen Bild: dpa

Neue Märkte, niedrige Arbeitskosten, hohe Flexibilität: Deutsche Unternehmen zieht es in das Ausland. China, Indien und Osteuropa stehen bei den Zielen ganz oben.

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          Siemens tut es, der Nähmaschinenhersteller Pfaff will es tun, und der Glasspezialist Schott hat es schon getan. Drei Beispiele aus der jüngeren Zeit von Tausenden großen Konzernen und mittelgroßen Firmen, die zumindest Teile ihrer Produktion ins Ausland verlegen - und zu teure deutsche Arbeitsplätze gleich dazu.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
          Carsten Knop
          Herausgeber.

          50 000 Stellen würden auf die Art Jahr für Jahr im Ausland und nicht mehr hierzulande entstehen, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor einem Jahr auf Basis einer Befragung ausgerechnet. Beschäftigten deutsche Unternehmen 2002 nach der DIHK-Erhebung 2,4 Millionen Menschen im Ausland, dürften es seither mindestens 100 000 mehr geworden sein. Genaue Zahlen gibt es nicht. Eine Statistik über Arbeitsplatzabwanderung wird nicht geführt, weder beim Statistischen Bundesamt, auch nicht bei der Bundesagentur für Arbeit.

          Verlagerung seit zehn Jahren in Gang

          Dennoch ist die Verlagerung seit mehr als zehn Jahren faktisch im Gang. Nicht nur Betriebsräte kennen die Diskussionen. Vor allem die Öffnung der Grenzen zu den mittel- und osteuropäischen Ländern, aber auch der Wirtschaftsboom in China veranlaßt viele auch mittlere und kleine Unternehmen, ihre hiesige Produktion, zumindest aber Standorte für neue Investitionen auf den Prüfstand zu stellen.

          Audi produziert die Motoren in Ungarn
          Audi produziert die Motoren in Ungarn : Bild: Audi

          Zwei Gründe stächen hervor, sagt Klaus-Heiner Röhl vom Deutschen Institut für Wirtschaft: das Erschließen neuer Märkte mit einer Produktionsbasis am Ort sowie das Ausnutzen von Kostenvorteilen in Ländern mit niedrigeren Arbeitskosten. Röhl warnt vor der Schlußfolgerung, daß Arbeitsplatzverlagerungen und Auslandsinvestments an sich schlecht seien. Sie könnten sogar zu Wohlfahrtsgewinnen auf beiden Seiten führen. Das liest er aus der Handelsstatistik ab: Die Ausfuhren in wie auch die Einfuhren aus den mittel- und osteuropäischen Staaten seien gestiegen.

          Beispiel Siemens

          Der Siemens-Konzern ist ein prominentes Beispiel. Vorstandsvorsitzender Heinrich von Pierer hatte aus seiner Kritik an den starren Arbeitszeiten und kostentreibenden Tarifrunden in Deutschland nie ein Geheimnis gemacht. So haben die jüngsten Meldungen über die Verlagerung Tausender Stellen viel Aufmerksamkeit gefunden. Entscheidungen seien nicht gefallen, wird in München beteuert.

          Doch befürchtet die IG Metall, daß in der Automobiltechnik bei Siemens VDO Automotive 4000 der 20 000 deutschen Arbeitsplätze gefährdet sind. Die würden in Niedriglohnländer wie China oder die Tschechische Republik verlagert. Schon heute sei jeder fünfte der 45000 Siemens-VDO-Jobs in einem Niedriglohnland.

          Die Gewerkschaft befürchtet sogar, daß der Vorstand plant, diesen Anteil auf rund 50 Prozent zu erhöhen. Eine Bestätigung dieser Zahl gibt es nicht. Weiter sind aber offenbar die Überlegungen zur Verlagerung von Arbeitsplätzen in der Mobilfunksparte ICM gediehen. Die Fertigung in den deutschen Werken in Kamp-Lintfort und Bocholt, in denen insgesamt 4500 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist nach Auffassung des Unternehmens nicht wettbewerbsfähig. Der Wirtschaftsausschuß des Konzerns soll sich Ende März treffen, um nach Lösungen zu suchen, möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.

          Osteuropäische Länder mit 30 Prozent niedrigeren Kosten

          Die Arbeitnehmerseite bezweifelt unterdessen, Kostennachteile von bis zu 30 Prozent im Vergleich mit osteuropäischen Ländern wettmachen zu können. "Richtig ist, daß unter den derzeit gegebenen Bedingungen 2000 Arbeitsplätze in der Massenfertigung verlagert werden müßten, damit Produkte von ICM zu international konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden können", heißt es auch in einem Schreiben der Betriebsleitungen der zwei Standorte in Nordrhein-Westfalen.

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