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Otto Wiesheu : Vermittler im Nebenjob

  • -Aktualisiert am

Otto Wiesheu Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In seinen zwölf Jahren als Wirtschaftsminister hatte sich Otto Wiesheu den Ruf eines Feuerwehrmanns erarbeitet, der freilich nicht jeden Brand bei bayerischen Unternehmen löschen konnte. Als Vermittler des Konflikts bei AEG könnte er das wieder auswetzen.

          Bayern nur noch als Bahnfahrer zu erkunden wäre Otto Wiesheu wohl zu langweilig. Gut für den ehemaligen Wirtschaftsminister des Freistaats, daß er auch nach seinem Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bahn im Land der weiß-blauen Rauten gebraucht wird. Im festgefahrenen Streit über die Zukunft der 1750 Mitarbeiter des Hausgerätewerks von AEG in Nürnberg hat die IG Metall Wiesheu als Vermittler gerufen. Der schwedische Konzern Electrolux auf der Arbeitgeberseite war einverstanden.

          So trafen sich am Montag die Parteien zur nächsten Verhandlungsrunde, an der Wiesheu als Moderator erstmals teilnahm. Dem 61 Jahre alten CSU-Mann, der 31 Jahre im Bayerischen Landtag saß, war es schon in der vergangenen Woche von Donnerstag bis Samstag in Sondierungsgesprächen gelungen, daß sich die Streithähne erstmals ein Stück näher gekommen sind. In erster Linie geht es um eine Abfindung für die Beschäftigten, die wegen der bis Ende 2007 geplanten Schließung des Werks ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Ein strittiger Punkt ist auch die Qualifizierungsgesellschaft, die den AEG-Mitarbeitern neue Perspektiven auf dem Stellenmarkt eröffnen soll. Seit dem 20. Januar wird in Nürnberg gestreikt, der Konflikt tobt aber schon viel länger.

          Schnoddriger Schnellsprecher

          Vor Beginn des Arbeitskampfs hatte sich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber selbst als Vermittler angeboten. Doch mit ihrer Ablehnung hat die IG Metall den Landesvater abgewatscht, wie man in Bayern sagt. Wiesheu genießt bei den Gewerkschaften des Freistaats ein weitaus besseres Ansehen als der wegen seiner akribischen Aktenarbeit verschmähte Stoiber. Der in Zolling bei Freising geborene Bauernsohn, der im ersten Eindruck als schnoddriger Schnellsprecher auffällt, versteht die Sprache der IG Metall offenbar viel besser. Schon im vergangenen Herbst hatte der promovierte Jurist in einem ähnlichen Fall wie in Nürnberg einen Kompromiß angebahnt. Auch die Mitarbeiter des Chipwerks von Infineon in München-Perlach hatten aus Protest gegen die beabsichtigte Schließung und für einen Sozialtarifvertrag gestreikt.

          Dort stand allerdings schon nach acht Tagen Arbeitspause ein Ergebnis fest. Den Fall AEG in Nürnberg kennt Wiesheu mindestens genauso gut. Mit dem Werk hatte er sich noch als bayerischer Wirtschaftsminister im vergangenen Jahr beschäftigt. Im Juli war er an der Seite des damaligen Bundeskollegen Wolfgang Clement nach Stockholm gereist. Doch den Vorstandschef von Electrolux, Hans Straberg, konnte er auch drei Monate später mit einem Appell per Brief nicht davon abbringen, die Fabrik für Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler schließen zu wollen. Nun geht es für Wiesheu wie bei Infineon vor allem nur noch darum, die finanziellen Forderungen der IG Metall für die Mitarbeiter und das noch weit darunter liegende Angebot des Arbeitgebers in Einklang zu bringen.

          Glückloser „Feuerwehrmann“

          In seinen zwölf Jahren als Wirtschaftsminister hatte sich Otto Wiesheu den Ruf eines Feuerwehrmanns erarbeitet, der freilich nicht jeden Brand bei bayerischen Unternehmen löschen konnte. Anfang 2005 bemühte er sich vergeblich, die Banken für ein Rettungskonzept des zahlungsunfähigen Walter-Bau-Konzerns zu gewinnen. Nach einigen teuren, aber erfolglosen Erfahrungen wie mit Grundig, der Schmidt-Bank in Hof oder dem Stahlwerk Maxhütte wollte der Minister in den vergangenen Jahren nicht mehr so energisch eingreifen. Vielleicht durfte er wegen der strengen Haushaltsdisziplin auch nicht mehr den Freistaat als Gesellschafter für Sanierungs- und Notfälle einbinden.

          Sein nahtloser Wechsel von der Politik in die Wirtschaft stieß wie so oft bei solchen Karrieren auf Unmut. Kritiker warfen ihm Interessenkonflikte vor. In den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD hatte sich Wiesheu - wie allerdings schon in den Jahren zuvor - für den Schienenverkehr stark gemacht. Kurze Zeit später gab er seinen Wechsel zur Deutschen Bahn bekannt. Dort leitet der Vater von vier Kindern seit Jahresanfang im Vorstand das Ressort Wirtschaft und Politik. Mit seinem Engagement als Vermittler im AEG-Konflikt könnte er einen Teil der verlorenen Sympathie wiedergewinnen.

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