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Otmar Issing : Der Weg in die Knechtschaft

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Dieser neue Welt-Gesellschaftsvertrag muss zwei wichtige neue Akteure in Rechnung stellen, „die selbstorganisierte Zivilgesellschaft und die wissenschaftliche Expertengemeinschaft“. Dies als Weiterentwicklung des Kantschen Kosmopolitismus auszugeben zeugt vom Bemühen der Verfasser um eine Symbiose zwischen individualistisch begründeter demokratischer Legitimierung und von keinem Zweifel geplagtem Expertenwissen. Der ganze Tenor belegt jedoch den unbestreitbaren Primat des von der Wissenschaft vorgegebenen Zieles auf der einen Seite und den reinen Alibicharakter der gesellschaftlichen Begleitprozesse auf der anderen. Der neue Gesellschaftsvertrag sieht so aus: „Man stimmt Innovationserwartungen zu, die normativ an das Nachhaltigkeitspostulat gebunden sind, und gibt für die daraus zu erwartenden Vorteile und für entsprechende Mitwirkungsrechte spontane Beharrungswünsche auf.“ Die Expertokratie verlangt folgerichtig nicht weniger als eine totale Unterwerfung der Gesellschaft und des Staates - institutionell wird nichts weniger als ein „klimapolitisches Mainstreaming“" - zu Deutsch Gleichschaltung - „der Staatsorganisation“" gefordert - unter das von der Wissenschaft vorgegebene Ziel.

Wer käme schon auf die Idee, sich für diesen neuen Gesellschaftsvertrag auf Kant zu berufen? Läge nicht folgender Bezug näher? „Wir waren die Ersten, die erklärt haben, dass die Freiheit des Individuums umso mehr beschränkt werden muss, je komplizierter die Zivilisation wird.“ Diesen Satz von Mussolini stellt Hayek dem vierten Kapitel seines Buches „Der Weg zur Knechtschaft“ voran. Den Gefahren, die von der Anmaßung von Wissen und einem konstruktivistischen Ansatz ausgehen, hat Hayek einen wichtigen Teil seines späteren Werkes gewidmet.

Das erwähnte Gutachten verdiente hier nicht nähere Betrachtung, stellte es nicht einen exemplarischen Fall solcher Anmaßung dar. In einer Welt zunehmender Komplexität und Interdependenz ist mit einer Folge derartiger Programme zu rechnen. Eine wichtige Aufgabe der Wissenschaft wird es sein, die überzeugende Kritik Hayeks an freiheitsbedrohenden Konzeptionen um positive Beiträge für die Ausrichtung der Politik zu ergänzen.

Kann man sich etwa einen Politiker vorstellen, der sich heute in der Öffentlichkeit - etwa gar im Fernsehen - zu folgendem fundamentalen Satz Hayeks bekennte: „Denn im besonderen Fall wird es immer möglich sein, konkrete und greifbare Vorteile als Ergebnis der Beschneidung der Freiheit zu versprechen, während die zu opfernden Vorteile ihrer Natur nach immer unbekannt und unsicher sein werden.“" Und wie verhält es sich mit diesem Prinzip: „Freiheit, die nur gewährt wird, wenn im Voraus bekannt ist, dass ihre Folgen günstig sein werden, ist nicht Freiheit. Wenn wir wüssten, wie Freiheit gebraucht werden wird, würde sie in weitem Maße ihre Rechtfertigung verlieren. Wir werden die Vorteile der Freiheit nie genießen, nie jene unvorhersehbaren neuen Entwicklungen erreichen, für die sie Gelegenheit bietet, wenn sie nicht auch dort gewährt ist, wo der Gebrauch, den manche von ihr machen, nicht wünschenswert erscheint. Es ist daher kein Argument gegen individuelle Freiheit, dass sie oft missbraucht wird.“

Um den Kreis zu schließen: Der mit dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs ausgerufene „Sieg“ hat Hayek alles andere als zu einem Denker der Vergangenheit gemacht. Die Auseinandersetzung um die Zukunft mag subtiler geworden sein, weniger dringend ist sie sicher nicht.

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