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Offshore-Park : Vor Rügen steigt die Windstromparty

  • -Aktualisiert am

Vor Sassnitz drehen sich schon länger einige Wind-Räder. Bild: dpa

Heute wird der Windpark Arkona offiziell in Betrieb genommen. Ein Heimspiel für Angela Merkel und ein angenehmer Termin, denn Strom von hoher See wird für die Energiewende immer wichtiger.

          Für eine Eröffnungsparty ist es schon ein bisschen spät. Immerhin drehen sich die 60 Rotoren im Windpark Arkona 35 Kilometer vor der Ostküste der Ostseeinsel Rügen seit einem halben Jahr im Wind und produzieren Strom. Aber die Verzögerung fällt kaum ins Gewicht, wenn Politprominenz dem Projekt frischen Glanz verschafft. Das gilt umso mehr, wenn die örtliche Bundestagsabgeordnete auch die Bundeskanzlerin ist. So soll an diesem Dienstag Angela Merkel (CDU) mit Ministern aus Frankreich und Norwegen, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern und Managern aus Deutschland, Norwegen und Belgien im Fährhafen Sassnitz „eine Standortbestimmung zum Thema Klimaschutz vornehmen“.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das jedenfalls erwartet der Energiekonzern Eon, der den Windpark gebaut hat und betreibt. Mit dem norwegischen Öl- und Gaskonzern Equinor, vormals Statoil, hat Eon gut eine Milliarde Euro investiert. Mit einigem Stolz heißt es von dem Unternehmen, es komme auch nicht alle Tage vor, dass so ein Projekt „unter Budget und vor Zeitplan fertiggestellt“ werde. Den Netzanschluss besorgte der für Ostdeutschland verantwortliche Netzbetreiber 50Hertz, ein Tochterunternehmen des belgischen Elia-Konzerns. Die Umspannstation auf See stammt aus Frankreich – so fällt es den Hausherren nicht schwer, den Park als ein europäisches Energieprojekt zu loben und einen Kontrapunkt zur oft geäußerten Kritik zu setzen, die deutsche Energiewende sei ein mit den Nachbarn nicht abgestimmter Alleingang.

          380 Megawatt Leistung hat der Park. Das ist gut ein Drittel der in der Ostsee installierten deutschen Windstromkapazitäten, die sich Ende vorigen Jahres nach Branchenangaben auf 1076 Megawatt beliefen. Das entspricht einem Drittel der Kapazität des größten ostdeutschen Braunkohlekraftwerks Jänschwalde. Weitaus mehr Windkraftkapazitäten sind in der Deutschen Bucht in der Nordsee installiert. Zehn Jahre nach dem Bau des ersten Testfelds Alpha Ventus erzeugen dort mehr als 1100 Windkraftanlagen Strom. Ende vergangenen Jahres kamen sie laut Deutscher Windguard auf 5306 Megawatt Leistung. Allein das ist etwa die Hälfte der im Rheinischen Braunkohlerevier installierten Kapazität von 10.000 Megawatt.

          Offshore-Strom wird für die Energiewende immer wichtiger

          Ein Nachteil der Windparks auch auf See ist allerdings, dass sie nur an der Hälfte der Stunden eines Jahres ein Maximum an Strom liefern. Dafür emittieren sie keine Klimagase. Allein der Betrieb des Parks Arkona vermeidet laut Eon jedes Jahr den Ausstoß von 1,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid an anderer Stelle.

          Offshore-Strom wird für die Energiewende immer wichtiger, zumal an Land der Bau von vier von fünf Windparks inzwischen beklagt wird. Jedoch trifft der schleppende Ausbau der Stromnetze die Windparkbetreiber auf dem Wasser wie jene an Land. Eine Konsequenz war, dass die Regierung im Jahr 2014 per Gesetz die ambitionierten Offshore-Ausbaupläne zusammengestrichen hat. Das Ausbauziel für das Jahr 2030 wurde von bis zu 25.000 auf 15.000 Megawatt gekürzt. Die Regierung wollte keine Investitionsruinen auf dem Meer fördern mit teuren Kraftwerken, deren Strom niemand abnimmt. Inzwischen gibt es neue Ideen: Etwa die, dass Ökostrom aus dem Windpark in Wasserstoff umgewandelt, per Tanker abtransportiert und als Treibstoff für die Bahn oder in der Industrie eingesetzt wird.

          Offshore-Strom habe seinen festen Platz im deutschen Energiemix, sagt Sebastian Boie von der Stiftung Offshore Windenergie. Sein Anteil an den Erneuerbaren belaufe sich inzwischen auf knapp 10 Prozent. In den vergangenen sechs Jahren seien rund 15 Milliarden Euro von der Offshore-Industrie investiert und 27.000 Arbeitsplätze geschaffen worden. Bezahlt wird das von den Stromkunden, und zwar über Umlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Noch gibt es für die Offshore-Kraftwerke eine großzügig bemessene Förderung von bis zu knapp 19 Cent je Kilowattstunde über acht Jahre. So viel kassieren auch Eon und Equinor bis Ende des Jahres 2026 für die Windstromausbeute vor Rügen.

          Branche will deutlich mehr bauen

          Inzwischen sind Betreiber aber auch mit weniger Geld zufrieden. Neue Parks, die vom Jahr 2022 an gebaut werden, bekamen in Ausschreibungen schon den Zuschlag, weil ihre Eigner mit 6 Cent oder gar null Cent Förderung zufrieden waren. Fallende Kosten für Installation und Wartung, immer größere Turbinen auf höheren Masten und andere Innovationen spielen eine Rolle. Der Energiekonzern Eon etwa berichtet gern über einen neuartigen Korrosionsschutz für die 35 Meter unter und 100 Meter aus der Ostsee ragenden Stahlmasten. Das spare Geld und belaste die Umwelt weniger.

          Milliardenbeträge könnten zudem eingespart werden, wenn, wie in Großbritannien, der Netzanschluss im Wettbewerb ausgeschrieben und von den Parkbetreibern gelegt werden müsste und nicht, wie in Deutschland, von den regional zuständigen Netzbetreibern. Zu dem Schluss kam zumindest dieser Tage eine im Auftrag des staatlichen dänischen Energiekonzerns Ørsted erstellte Studie.

          Die Branche treibt etwas anderes um. Sie würde gern schnell mehr neue Parks bauen. Denn mit 6400 Megawatt ist das für das Jahr 2020 definierte Ausbauziel von 7500 Megawatt schon fast erreicht. Es sei wichtig, die Potentiale „noch stärker im Heimatmarkt zu nutzen und den Ausbau auch hier schnell zu forcieren“, sagt Boie.

          Seine Hoffnung ist der Koalitionsvertrag. Darin steht ein nichtspezifizierter „Offshore-Windenergiebeitrag“, der zusätzlich gebaut werden soll, versehen mit der Einschränkung: „Voraussetzung ist die Aufnahmefähigkeit der entsprechenden Netze.“ Der Offshorebranche schwebt ein kurzfristiger zusätzlicher Ausbau von 1500 Megawatt vor sowie die teilweise Rückabwicklung der im Jahr 2014 beschlossenen Kürzungen, also eine Erhöhung der Ausbauziele 2030 „auf mindestens 20.000 Megawatt“. Dass Merkel das am Dienstag auf dem Deck des Installationsschiffs „Resolution“ in Sassnitz ankündigen wird, glaubt allerdings niemand.

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