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Ostsee-Pipeline : Sicher versorgt - auf einem unsicheren Markt

  • -Aktualisiert am

Viele Rohre für mehr Versorgungssicherheit Bild: dpa

Östlich der schwedischen Insel Gotland wird kommende Woche das erste Rohr der 1224 Kilometer langen neuen Ostseepipeline ins Meerwasser versenkt. Vielleicht wird diese Leitung unter der Ostsee das vorerst letzte große Gas-Pipeline-Projekt Europas sein - aus mehreren Gründen.

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          In diesen Tagen fällt der Startschuss für eines der größten europäischen Infrastrukturprojekte. Östlich der schwedischen Insel Gotland wird das erste Rohr einer neuen 1224 Kilometer langen Gaspipeline ins Ostseewasser versenkt. Am Freitag beginnen die Bauarbeiten an der russischen Küste. Dazu kommt auch Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin; Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schickt eine Videobotschaft, der Bundeswirtschaftsminister seinen Staatssekretär. An der deutschen Küste starten die Arbeiten wegen der Laichzeit des Herings etwas später – ohne politische Begleitung.

          Das ist der Bundesregierung sehr recht. Denn sie stellt das Milliardenprojekt gerne als Angelegenheit der beteiligten Unternehmen dar, mit der die Politik nichts zu schaffen habe. Sie tut das auch, weil es ihr peinlich ist, dass der frühere Kanzler Gerhard Schröder (SPD), einer der Wegbereiter des Projektes, kaum dass er aus dem Amt war, auf die Gehaltsliste des russischen Staatskonzerns Gasprom wechselte. Gasprom ist neben Eon und BASF nicht nur der größte Anteilseigner und wichtigste Bauherr der Leitung, Gasprom wird sie mit Gas für Westeuropa füllen. Unpolitisch ist das natürlich alles nicht.

          Gasgeschäfte zwischen Ost und West waren immer hochpolitisch. Das erste Erdgas-Röhren-Geschäft 1970 – Kredite von der Deutschen Bank für Röhren von Mannesmann gegen das (nie gebrochene) Versprechen sowjetischer Gaslieferungen – flankierte die Entspannungspolitik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. Den Amerikanern hat so viel Nähe nie gefallen. Sie haben seit den sechziger Jahren versucht, die energiepolitische Annäherung und Abhängigkeiten an der Bruchlinie der Blöcke zu verhindern.

          Die Nähe zu Russland gefällt nicht

          Das hat sich bis heute nicht geändert. Die amerikanische Administration hat mehrfach klargestellt, dass sie kein Freund der neuen Röhre ist. Denn die neue Leitung stärkt die Position Russlands, es schiebt seinen Einflussbereich weiter nach Westen. Balten und Polen dürfen nicht nur über den Bau nicht mitentscheiden. Sie erzielen auch keine Transiterlöse, weil die Röhre an ihrem direkten Einflussbereich vorbeigelegt wird. Das erklärt – neben der Angst vor russischer Erpressbarkeit bei den übrigen Energiebezügen – ihre Proteste gegen die Streckenführung über den Ostseegrund.

          Auch die Ukraine wird die Folgen der neuen Trasse bald in Form sinkender Transiteinnahmen spüren. Wenn von 2012 an Gas in wachsenden Mengen über die Nordstrecke fließt, dürfte das Transportvolumen über die bisherige Hauptschlagader zur Versorgung Mittel- und Westeuropas zunächst zurückgehen. Nach den Erfahrungen diverser russisch-ukrainischer Gaskrisen werden die europäischen Konsumenten den Zugewinn an Versorgungssicherheit zu schätzen wissen.

          Skeptiker wenden dagegen ein, das von der Bundesregierung mit umfangreichen Bürgschaften abgesicherte Milliardenprojekt vergrößere nur die Abhängigkeit von russischem Gas, Europas Erpressbarkeit wachse. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert. Die Röhre bindet den Lieferanten mindestens so sehr wie die Abnehmer. Die verfügen über immer mehr Optionen, sich Gas zu beschaffen. Denn der Weltgasmarkt wandelt sich rapide.

          Die Märkte machen das Projekt fast unkalkulierbar

          Zum einen nimmt die Zahl der Anbieter von verflüssigtem Gas (LNG) weltweit zu. Damit entstehen Märkte auch da, wo bisher langfristige Lieferverträge für Pipelinegas den Handel verhinderten. Neue Fördertechniken machen es möglich, Gas wirtschaftlich zu produzieren, wo das bisher als unmöglich galt. In Amerika ist die Nachfrage nach verflüssigtem Importgas deshalb eingebrochen. Gasprom hat auf die Marktentwicklung reagiert und den Bau eines LNG-Terminals im Nordmeer verschoben.

          Der Druck auf die Preise durch das höhere Angebot wird durch den krisenbedingten Einbruch der Nachfrage verschärft. Das wiederum hat den Veränderungsdruck auf langfristig an den Ölpreis gebundene Gaskontrakte erhöht. Ob Nachfrager in Zukunft bereit sein werden, für Gas, das sie nicht an den Endverbraucher bringen können, zu zahlen – „take or pay“ –, gilt in der Branche als spannende Frage.

          Darüber hinaus weiß niemand sicher vorauszusagen, wie sich die Nachfrage – etwa in Europa – bei wohl sinkender heimischer Produktion entwickeln wird. Die Klimaschutzpolitik der EU und der Nationalstaaten dürfte wegen effizienterer Nutzung und besserer Dämmung zu einem sinkenden Gasverbrauch führen. Andererseits könnte gerade die Klimapolitik dazu führen, dass Gas in erheblich größerem Umfang als heute zur Stromerzeugung eingesetzt wird, denn dabei fällt nur die Hälfte des Kohlendioxids an, das bei der Verfeuerung von Kohle freigesetzt wird. Gaskraftwerke sind im Bau preiswert, hochflexibel einsetzbar und damit eine praktikable Ergänzung „grüner“ Stromerzeuger wie Wind- und Photovoltaikanlagen.

          Die neue Unübersichtlichkeit auf den Gasmärkten und die unkalkulierbaren Eingriffe der Politik machen es den Investoren nicht leichter, auf Jahrzehnte angelegte Milliarden-Investments wie den Bau neuer Gaspipelines zu kalkulieren. Nicht auszuschließen, dass die Ostseeleitung auch deshalb das vorerst letzte große Gas-Pipeline-Projekt in Europa bleibt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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