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Ost und West : Rentenleid, Rentenfreud

  • -Aktualisiert am

Die Rentner im Osten dürfen sich über einen Aufschlag von 3,29 Prozent freuen - im Westen fällt die Erhöhung dagegen mickrig aus. Der Osten hat Nachholbedarf, eine volle Angleichung aber wäre teuer.

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          Nun ist das Renten-Ärgernis im Westen amtlich. Die Erhöhung fällt für die 16 Millionen Rentner in den alten Ländern mit einem Plus von 0,25 Prozent so mickrig aus, dass die Renten nach Abzug der Preissteigerungsrate schrumpfen. Im Osten hingegen können sich vier Millionen Rentner über einen Aufschlag von 3,29 Prozent freuen. Auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland rentenrechtlich geteilt, selten allerdings rückt diese Teilung so ins Bewusstsein wie in diesem Jahr. Sie ist gleichwohl noch gut begründet. Eine volle Angleichung käme die Rentenkasse und damit die Beitrags- und Steuerzahler teuer zu stehen, denn der Osten hat Nachholbedarf, auch wenn die tatsächlich gezahlten Renten und die aktuelle Anpassung anderes nahelegen. Ein im Osten erarbeiteter Rentenpunkt ist erst knapp 92 Prozent des westlichen wert.

          Weil Ost und West getrennt berechnet werden, kommt es zu unterschiedlichen Steigerungsraten. Die Bruttolohnentwicklung, der die Renten im Grunde folgen, taugt kaum als Anhaltspunkt. In der Rentenformel werden nämlich auch noch die unterschiedlichen Beitragsbemessungsgrenzen berücksichtigt. Sie legen fest, wie viel von der Lohnerhöhung überhaupt in der Rentenkasse ankommt. Ferner dämpft unter anderem der „Riesterfaktor“ den möglichen Anstieg der Altersbezüge. Auf der Beitragsseite dient er der Entlastung der Jüngeren, die ja seit einigen Jahren politisch aufgefordert sind, zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat für das Alter vorzusorgen, etwa durch Riester-Verträge.

          Das deutsche Rentenrecht steht dem Steuerrecht in seiner Komplexität also nicht nach. Die Undurchsichtigkeit scheint politisch auch hier ganz willkommen. Zu wessen Gunsten oder Lasten der Balanceakt der Alterssicherung sich tatsächlich auswirkt, ist schwer zu erkennen. Belastbare Vergleiche mit den bessergestellten Pensionären sind ebenfalls kaum möglich. Am Ende gilt es, sich der Erkenntnis zu beugen, die der Rentenfachmann Bert Rürup kürzlich treffend formuliert hat: „Die Kosten der Alterung der Bevölkerung kann man nicht wegreformieren, sondern nur umverteilen.“ Nach diesem Motto haben alle Parteien mehr oder weniger teure neue Rentenversprechen im Programm. Der Bürger sollte ihnen misstrauen - jedenfalls solange sich keine Partei daran wagt, das Rentenrecht auf eine ihm verständliche Basis zu stellen.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

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