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Oscar-Verleihung : Indiens Armut bietet nur die Kulisse

Berümt ist hier niemand: Schulkinder auf dem Heimweg in Dharavi Bild: AP

Der Film „Slumdog Millionaire“ hat acht Oscars abgeräumt. Bombays Slum Dharavi, wo er seinen Lauf nimmt, nutzt der plötzliche Ruhm wenig. Seine Bewohner plagt die Sorge um ihre Zukunft. Bollywood und Hollywood aber reichen sich die Hand, um ein ganz großes Rad zu drehen.

          Das Leben an den Waschbassins der Dhoby Ghats nahm auch am Montag seinen üblichen Lauf. Touristen fotografierten von der Brücke aus, wie die Männer in Dharavi, dem wohl größten Slum Asiens, watend in riesigen Zubern Wäsche in Seifenlaufe einweichen. Berühmt ist hier niemand. Der Slum selber aber, des Bewohner sich hier mühen, steht seit der Nacht zum Montag im Scheinwerferlicht. Denn der Film „Slumdog Millionaire“, das Märchen aus dem Elendsquartier Dharavi im Herzen Bombays (Mumbais), erhielt acht Oscars.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Indiens Armut bietet die Kulisse; wohl auch deshalb war „Slumdog Millionaire“ auf dem Subkontinent bislang kein Kassenschlager. „In unserem Leben ändert sich gar nichts. Aber für ein paar Minuten fühlt es sich besser an“, sagte einer der Slumbewohner am Montag einer indischen Reporterin. Zwar hockten an manchen Ecken Bombays Hunderte vor Fernsehern, die von Generatoren betrieben wurden. An einigen Stellen wurde gefeiert. Denn, wie im stolzen Indien nicht anders zu erwarten, vereinnahmt die Nation den Erfolg des Films schnell. Acht Oscars, das gab es seit dem Erfolg von „Gandhi“ 1983 nie mehr für einen Film, der in Indien spielt - Bollywood hin oder her. Und dennoch stören sich viele der Slumbewohner daran, dass sie im Hollywood-Epos als Hunde bezeichnet werden, ihr Leben - wie schon in den gedruckten Bestsellern „Der weiße Tiger“ und „Maximum City“ - als zu negativ, zu ärmlich, zu gewalttätig dargestellt werde.

          Die untere urbane Mittelschicht

          Denn in weiten Teilen Dharavis lebt inzwischen eine Art unterer urbaner Mittelschicht. Andere könnten nicht einmal die Mieten für Hütten und Verschläge im Slum aufbringen, die irgendwo zwischen 500 Rupien (7,85 Euro) und ein paar tausend im Monat liegen. Die wirklich Armen, die Flüchtlinge aus Bangladesch, hausen entlang der Bahnlinie, auf Müllplätzen und schlafen auf der Straße. Für das Waschen eines Hemdes bekommt Chaturvedi in den Dhoby Ghats 2 Rupien. Auf den Dächern der Wellblechhütten, auf verrotteten Mauern, auf Leinen zwischen den Verschlägen, überall um ihn herum liegen und hängen die Laken und Hemden zum Trocknen. „Die Menschen wollen saubere Kleidung. Wir waschen hier auch für Hotels und Fabriken. Die Arbeit ist sicher“, sagt Chaturvedi. Natürlich schauen er und seine Freunde des Abends die grellen Bollywood-Schinken im Fernsehen. Lieber noch leihen sie sich eine DVD mit den neuesten Kriegsfilmen aus Amerika. Für ein paar Minuten können sie damit aus ihrem Leben flüchten - hinter sich lassen können sie es nicht.

          Sie wollen keine „Hunde” sein

          Dharavi ist eine eigene Millionenstadt mitten in der Wirtschaftsmetropole. Die Verschläge ihrer Einwohner, inzwischen oft zwei- oder dreistöckig, stehen im Zentrum der Stadt. Rund um Dharavi stiegen die Mieten zuletzt um 40 Prozent - im Jahr. Nicht all ihren Einwohnern ist es bewusst, doch gilt die „Shanty Town“ in Bombay als eines der am besten ausgestatteten, am besten organisierten Armenviertel der Erde. Die Mafia verteilt abgezapften Strom und Wasser, das aus angebohrten Fernleitungen rinnt. Einige Slumviertel versorgt sogar die Stadt mit kostenlosem Wasser. Selbst der Müll bietet den Menschen Arbeit. Er wird sortiert, gehäckselt, granuliert. Die Not macht aus Dharavi den größten Umweltzerstörer Bombays. Und den größten Recyclinghof der Stadt. Das Elendsquartier ist Schmelztiegel für Religionen, Ethnien, Kasten. Die Töpfer kommen aus Gujarat, die Gerber sind Tamilen. Aus dem Armenhaus Uttar Pradsh kommen die Näher, die in den Kaarkhanas, den Minifabriken, in Schichtarbeit Jeans zusammensetzen. Auf eine halbe Milliarde Dollar jährlich wird die Wirtschaftsleistung Dharavis geschätzt. Wer nicht arbeitet, der schläft neben der Maschine, die niemals stillsteht. Im Schnitt leben hier 16 Menschen auf hundert Quadratmetern.

          Der Slum ist gefährdet

          Seine Lage zwischen Geschäftsviertel und Flughafen aber gefährdet den Slum. Für mindestens 150 Milliarden Rupien sollen auf einem Teil seiner Fläche Wohnblocks, Einkaufzentren und Vergnügungsstätten entstehen. Die Einwohner müssten dann, so sieht es der Plan aus dem Jahr 2004 vor, umziehen in Wohnungen mit 28 Quadratmeter Fläche. Der Verkauf des frei werdenden Landes soll den Bau der Wohnsilos finanzieren. Die Entwicklungsbehörde Dharavis prüft Angebote von 25 heimischen und internationalen Immobilienkonzernen für das Filetstück Bombays.

          Bollywood, die Filmindustrie Bombays, wird sich den Erfolg von „Slumdog Millionaire“ zu nutze machen. Filmproduzenten wie Warner Brothers schauen sich seit Monaten den indischen Markt genau an. Bollywood-Produzenten pilgern ihrerseits nach Amerika auf der Suche nach Geld und Technik für immer teurere Produktionen. „Hisss“, der im Herbst anläuft, könnte damit viel eher als „Slumdog Millionaire“ den Weg in die Zukunft weisen: Denn den Horrorfilm, der auf dem Mythos einer indischen Schlangengöttin fußt, dreht ein amerikanischer Regisseur, der auf indische Schauspieler und Bollywood-Melodien, aber Hollywood-Spezialeffekte setzt. Autoren wie Paul Schrader („Taxi Driver“) arbeiten schon mit indischen Produzenten zusammen. Und Action-Held Sylvester Stallone spielt in „Kambakkt Ishq“.

          Immer öfter werden indische Geschichten mit amerikanischer Technik und dem Geld beider Welten verfilmt - „crossover“ nennt das die Branche. Das herausragende Beispiel dafür ist die Liaison zwischen der Regie-Ikone Stephen Spielberg und dem indischen Investor Reliance ADA. Mit 500 Millionen Dollar der Inder zimmern sie an einem gemeinschaftliches Produktionsunternehmen.

          Die Armen in Bombay haben wenig davon. „Slumdog Millionaire“ ist ein Märchen, das ein Schlaglicht auf ihr Schicksal wirft - ändern wird der Streifen wenig. In einem jüngst vorgelegten Bericht der Regierung heißt es, die Zahl der Armen Indiens sei in den drei Dekaden bis 2005 von 60 Millionen auf 81 Millionen gestiegen - trotz der zuletzt fast zweistelligen Wachstumsraten der viertgrößten Volkswirtschaft Asiens.

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