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Opel und Peugeot : Französische Limousinen aus Rüsselsheim

  • -Aktualisiert am

Rüsselsheim: Hier könnten bald auch Peugeot-Autos vom Band laufen Bild: dapd

Die Absatzkrise zwingt Opel und Peugeot zu einer engeren Zusammenarbeit. Aus Kreisen hochrangiger Gewerkschafter ist zu hören: Künftig könnten Opelmitarbeiter in Rüsselsheim auch Peugeot-Mittelklassewagen zusammenschrauben.

          cru. FRANKFURT, 26. Juni. Die Allianz von Opel mit dem französischen Autokonzern PSA Peugeot Citroën soll noch deutlich umfassender ausfallen als bisher erwartet. Die Absatzkrise auf dem europäischen Markt zwingt die beiden Hersteller, denen dieses Jahr Milliardenverluste bevorstehen, schneller und enger zusammen als zu Beginn ihrer Zusammenarbeit beabsichtigt. Über die schon avisierte Kooperation im Einkauf, der Entwicklung neuer Modelle und der Logistik hinaus sollen bald auch bedeutende Teile der Produktion zusammengelegt werden. So ist geplant, die beiden Mittelklasselimousinen des französischen PSA-Konzerns - den Peugeot 508 und den Citroën C5 - künftig im Opel-Stammwerk in Rüsselsheim vom Band laufen zu lassen.

          Dieser Plan war vor der Opel-Aufsichtsratssitzung am Donnerstag aus Kreisen hochrangiger Gewerkschafter zu hören, die mit den Vorhaben vertraut sind. Das Unternehmen selbst wollte die Pläne auf Anfrage nicht kommentieren. „Es gibt ein solches Szenario, über das derzeit ernsthaft mit den Franzosen verhandelt wird“, sagte dagegen Armin Schild, der Vorsitzende des IG-Metall-Bezirks Mitte und Mitglied im SPD-Bundesvorstand, dieser Zeitung.

          Die Produktion der französischen Limousinen bei Opel wäre schon von 2016 an möglich, berichten Gewerkschafter. Bis dahin könnten die drei Fahrzeuge auf der Basis eines gemeinsamen Grundgerüsts (“Plattform“) entwickelt werden. Das zusätzliche Produktionsvolumen für Rüsselsheim, das bei 130 000 Einheiten läge, würde dort den allgemein für die Opel-Werke angestrebten Dreischichtbetrieb ermöglichen. Diesen Handel bietet Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke dem Betriebsrat als Ausgleich für den Abzug der Produktion des wichtigen Kompaktwagenmodells Astra aus Rüsselsheim an. In Rüsselsheim läuft derzeit schon die Mittelklasselimousine Opel Insignia als wichtigstes Modell vom Band.

          Die beiden französischen Modelle werden bisher im PSA-Werk in der bretonischen Stadt Rennes hergestellt, das im Fall der Verlagerung zu Opel vermutlich geschlossen werden müsste. Im Gegenzug soll PSA die Entwicklung und Produktion des Familienwagens Opel Zafira übertragen bekommen, die bisher im Bochumer Werk angesiedelt sind, dessen Schließung Ende 2016 vorgesehen ist. Das letzte Wort darüber hat jedoch nicht Opel-Chef Stracke allein. Eine endgültige Entscheidung, der auch PSA-Chef Philippe Varin zustimmen müsste, wird erst für Oktober erwartet.

          In den Verhandlungen zur Sanierung von Opel steht nach Auffassung der IG Metall die Zukunft des gesamten Unternehmens auf dem Spiel. So ist laut Gewerkschaftern abermals ein Programm zum Abbau von mehreren tausend der 39 000 verbliebenen Stellen in Europa geplant. Dabei sollen dem Vernehmen nach etwa 1500 Arbeitsplätze in Rüsselsheim in verschiedenen Bereichen wegfallen sowie 1500 Stellen in der größten Auslandsfabrik im spanischen Saragossa. Es geht nicht um betriebsbedingte Kündigungen, sondern um Abfindungen, mit denen die Beschäftigten zum freiwilligen Verlassen des Unternehmens bewegt werden sollen. IG-Metall-Bezirkschef Schild wollte keine konkreten Zahlen nennen, bestätigte aber grundsätzlich, dass es solche Abbaupläne gebe.

          Ein Opel-Sprecher dementierte das kolportierte Ausmaß des Stellenabbaus. Opel biete den Beschäftigten in Rüsselsheim in zwei Unternehmensbereichen - in der Verwaltung und der Fahrzeugentwicklung - derzeit nur vereinzelt an, das Unternehmen vorzeitig zu verlassen. Insgesamt gehe es dabei nur um eine zweistellige Zahl - bei insgesamt 20 800 Beschäftigten in Deutschland.

          Auch im PSA-Konzern, an dem sich der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) im März mit 7 Prozent beteiligt hat, hinterlässt der immer schneller schrumpfende Absatz deutliche Bremsspuren. Um die sich leerende Konzernkasse wieder aufzufüllen, sind die Franzosen gerade dabei, ihren erfolgreich arbeitenden Autozulieferkonzern Faurecia zum Verkauf zu stellen. Das wird aus Kreisen der Zulieferbranche berichtet. An diesem Donnerstag muss Opel-Vorstandschef Stracke im Aufsichtsrat den Vertretern des amerikanischen Mutterkonzerns GM, allen voran dem stellvertretenden Verwaltungsratschef Stephen Girsky, zeigen, wie er Opel wieder auf Erfolgskurs bringen will. Sein erstes Konzept war kläglich gescheitert. Auch dieses Mal erwarten mit der Sache vertraute Personen nur einen halbherzigen Sanierungsplan. Zu zahlreich seien die Unwägbarkeiten der nächsten Monate, als dass ein detaillierter Plan veröffentlicht werden könnte.

          Wie tief die Branchenkrise der europäischen Massenhersteller ist, zeigt eine aktuelle Studie der unter anderem auch für Opel tätigen Sanierungsberatung Alix Partners. Demnach wird 2012 der westeuropäische Automarkt abermals um eine Million auf dann 13,5 Millionen Neuwagen zurückgehen. Damit fehlen der Branche 3,3 Millionen Autoverkäufe gegenüber 2007; davor lag der Absatz meist bei 17 Millionen Fahrzeugen im Jahr. Verschärft wird die Situation in Europa laut Alix Partners durch anhaltende Überkapazitäten. Während die Krise 2008/2009 in Amerika zur Konsolidierung der Branche genutzt worden sei, habe die europäische Politik fast alle Werke am Leben gehalten. 18 amerikanische Werke schlossen seit 2008, dagegen wurden im selben Zeitraum nur drei Autofabriken in Westeuropa geschlossen. „Es wird keinen Big Bang geben wie in Amerika, aber die Überkapazitäten werden auch in Europa schrittweise abgebaut werden“, prognostiziert Elmar Kades von Alix Partners.

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