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Preisverfall am Ölmarkt : Opec-Kartell tief gespalten

Bild: F.A.Z.

Die Südamerikaner sehen derzeit ein Krisenszenario wie 2008 - und wollen deshalb das Öl-Angebot verknappen. Die mächtigen Golfstaaten sind dagegen. Den Verbraucher freut der Streit, denn der Benzinpreis könnte weiter sinken.

          Die Ölförderorganisation Opec warnt vor gravierenden Folgen für die Wirtschaft, falls der Ölpreis weiter fällt. „Sollte diese Entwicklung andauern, gerät die langfristige Sicherheit für den Kapazitätsausbau sowie für weitere  Investitionen in Gefahr“, sagte der Präsident der Organisation Erdölexportierender Länder (Opec), der stellvertretende libysche Ministerpräsident Abdourhman Ataher Al-Ahirish, am Donnerstag in Wien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Er eröffnete die Ministerkonferenz der Opec, der derzeit besondere Bedeutung zukommt. Denn das Kartell ist gespalten, ob und wie es auf den Preisverfall reagieren soll. Seit Mitte Juni sei das Fass Rohöl zu 159 Liter um fast 30 Prozent oder 30 Dollar billiger geworden, klagte Al-Ahirish.

          Am Donnerstag fiel der Referenzwert der Opec weiter um 58 Cent auf 73,70 Dollar je Fass. Die Preise am Terminmarkt für Zukunftsgeschäfte sanken auf ein Vierjahrestief, womit Händler signalisierten, dass sie wenig Vertrauen in die Opec haben, die Tarife anzuheben. Dem Opec-Treffen gehe es um „Stabilität“ am Ölmarkt, sagte Al-Ahirish. „Das ist es, was dem Wachstum der Weltwirtschaft am meisten hilft und was allen Beteiligten am meisten bedeutet, den Herstellern ebenso wie den Verbrauchern.“ Die Konsumenten erfreut freilich, wenn der Preis für Benzin und andere Ölprodukte weiter fällt. Falls sich die Opec nicht einigt, ist das zu erwarten.

          Umringt von Journalisten auf der Opec-Konferenz in Wien: Saudi Arabiens Ölminister Ali al-Naimi

          Erste Ergebnisse des Treffens werden nicht vor dem späten Nachmittag erwartet. Länder wie Venezuela, das die Ausfälle der Öl-Einnahmen im Staatshaushalt nicht kompensieren kann, wollen die Förderung drosseln, um die Tarife hochzutreiben. Dem widersetzt sich das wichtigste Opec-Mitglied Saudi-Arabien. Sein Ölminister Ali Naimi hatte schon vor Beginn der Sitzung klargemacht,  dass sich der Markt „von allein“ beruhigen werde, also ohne größere Förderbegrenzung.

          Venezuela will mit Nicht-Mitgliedern Russland und Mexiko sprechen

          Venezuelas Außenminister Rafael Ramirez bestand demgegenüber am Mittwoch in Wien auf einer abgestimmten Drosselung. Derzeit gebe es ein Überangebot von 2 Millionen Fass am Tag. Eine ähnliche Förderbegrenzung sei nötig, wie sie während der Finanzkrise 2008 im algerischen Oran verabredet worden sei. Damals senkte die Opec ihr Förderziel um fast 2,5 Millionen Fass am Tag. Venezuela hat nach Ramirez‘ Angaben die Unterstützung Ecuadors, man werde der Opec einen gemeinsamen Vorschlag unterbreiten. Die Drosselung müsse aber auch Nicht-Opec-Länder umfassen.

          Venezuelas Außenminister Rafael Ramirez will die Ölförderung drosseln, um den Preis zu erhöhen.

          „Das nächste Quartal wird ein besonders schwieriges“, warnte Ramirez. Deshalb habe man sich zu Vierergesprächen mit Saudi-Arabien und den Nichtmitgliedern Russland und Mexiko getroffen, eine weitere Sitzung sei in drei Monaten geplant. Die vier Länder fördern ein Drittel des Öls auf der Welt. „Wir haben eine Mechanismus verabredet, um zusammenzuarbeiten“, sagte Ramirez, ohne konkret zu werden.

          Amerika hat sich von seiner Importabhängigkeit gelöst

          Kuweit, das eher aufseiten Saudi-Arabiens steht,  wies darauf hin, dass angesichts des wachsenden Einflusses von Förderländern außerhalb der Organisation die Preisfindung nicht allein bei der Opec liege. „Die anderen sollten auch zeigen, dass sie der Preisverfall beunruhigt“, sagte Ölminister Ali Saleh Al-Omair. Der Hinweis richtet sich auch gegen die Vereinigten Staaten. Mit neuen Techniken zur Ausbeute von Schieferöl und -gas hat sich das Land von seiner Importabhängigkeit gelöst und die Weltmarktpreise für Rohstoffe stark unter Druck gesetzt.

          Das Kalkül der Golfstaaten ist dem Vernehmen nach, die Preise so weit fallen zu lassen, dass sich die aufwendige Schieferölförderung nicht mehr lohnt. Al-Omair sagte, eine möglicherweise geringe Drosselung der Ölförderung durch die Opec werde die Schwierigkeiten im Markt nicht lösen. „Denn das gegenwärtige Überangebot kommt nicht allein von der Opec.“

          Der Ölpreis ist nicht nur wegen der hohen Produktion und neuer Fördertechniken gefallen, sondern auch wegen der Nachfrageschwäche. Die europäische Wirtschaft strauchelt, Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Der vergleichsweise hohe Dollar-Kurs schreckt Käufer ebenfalls ab. Opec-Präsident Al-Ahirish sprach zudem von „spekulativen Aktivitäten“, welche den Preis beeinflussten.

          Der Libyer zeigte sich am Mittwoch zuversichtlich, dass das globale BIP 2015 um 3,6 Prozent zulegen werde, stärker als das Plus von 3,2 Prozent im laufenden Jahr. Die Ölnachfrage dürfte um rund 1,1 Millionen Fass am Tag auf einen Verbrauch von dann 92,3 Millionen Fass steigen. Der Zuwachs stamme vor allem aus den Schwellen- und Entwicklungsländern. Schon die Nicht-Opec-Länder könnten diesen Nachfragezuwachs decken. Ihr Angebot werde um 1,4 Millionen Fass am Tag auf 57,3 Millionen steigen. Die Lieferungen stammten vor allem aus Nord- und Südamerika.

          Die einzige Frau unter den zwölf Ministern, die nigerianische Ressortchefin Diezani Alison-Madueke, wies auf die Dringlichkeit hin, sich innerhalb der Opec noch am Donnerstag zu einigen. „Wir haben keine andere Wahl“, sagte sie zu Konferenzbeginn. Es wäre „beunruhigend“, falls es keine Drosselung gebe.

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