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Online-Verleihplattformen : Teilen für Fortgeschrittene

Die Idee kam aus Amerika: Online-Verleihplattformen liegen derzeit im Trend Bild: DPA

Im Internet entstehen Plattformen, auf denen Nutzer ihr Eigentum an andere verleihen. Verfechter des Modells glauben an die Zukunft der Tauschökonomie.

          Eier gibt es nicht auf der Internetseite frents.com. Auch Mehl ist auf dem Online-Portal für gemeinschaftlichen Konsum nicht zu bekommen. Und wer Salz braucht, ein Produkt aus der Kategorie „Leihe ich mir schnell vom Nachbarn“, muss bis nach Berlin fahren, um sich eine Prise zu borgen. Zwar mangelt es auf frents.com an den typischen Leihgütern von nebenan. Dafür haben aber etwa 20.000 Mitglieder rund 50.000 andere Gegenstände auf der Plattform eingestellt. Vom Audi A2 über die „Dirty Dancing“-DVD bis zum Zollstock - alles ist gegen Gebühr, manchmal auch umsonst ausleihbar. Ihre Gründer haben die Seite „Netzwerk für Freunde und Sachen“ getauft. Ihr Geschäftsmodell: im Internet eine virtuelle Karte der nutzbaren Dinge einer Gesellschaft abbilden und sie für alle verfügbar machen.

          „Viele Menschen sind bereit, ihre Besitztümer zu teilen“

          Einer der Kartographen ist Philipp Rogge. Wenn er die Idee erklären soll, die hinter der Frents GmbH steht, wird er ein wenig poetisch: „In unserer heutigen Gesellschaft liegt ein großer Schatz hinter dunklen Mauern.“ Doch habe er wegen einer unüberwindbaren Informationsbarriere nicht geborgen werden können. Bis jetzt, glaubt Rogge: „In einer Zeit, in der alle online sind, sind viele Menschen bereit, ihre Besitztümer im Netz zu präsentieren und auch zu teilen.“

          Rogge ist einer von vielen Leuten, die derzeit versuchen, mit Online-Verleihplattformen Geld zu verdienen. Auf nachbarschaftsauto.de treffen sich Menschen, die Autos mieten beziehungsweise vermieten wollen. Genauso wie auf der Seite tamyca.de: Das Kürzel steht für „Take my car“, und die Betreiber versuchen, das Carsharing-Modell vom kommerziellen in den privaten Raum zu verlagern. Die Macher von club-office.com haben sich wiederum darauf spezialisiert, Arbeitsplätze an wechselnde Nutzer zu vermieten. Von Berlin aus vermittelt die Firma sogenannte Coworking-Spaces, also Plätze im Großraumbüro, möblierte Einzelbüros auf Zeit, aber auch eine voll ausgestattete Küche.

          Das Netz als vermittelndes Medium

          Die Idee ist wie so oft aus Amerika nach Deutschland geschwappt. „Collaborative Consumption“ oder „Sharing Economy“ heißen die Schlagworte, die etwa die Autorinnen Rachel Botsman und Lisa Gansky propagieren. Im Zentrum ihrer Konzepte zum gemeinschaftlichen Konsum und zur Tauschwirtschaft steht die Idee, zeitweise brachliegende Ressourcen wie ein Auto, eine Bohrmaschine oder ein ausgelesenes Buch anderen zugänglich zu machen. Das Internet ist dabei das Medium, das Geber und Nehmer zusammenbringt.

          Für Michael Kuhndt setzen sich diese beiden Gruppen derzeit vor allem noch aus Menschen zusammen, die ausgesprochen internetaffin sind. Als Leiter des Wuppertaler Zentrums für Konsum und Produktion erforscht Kuhndt, wie sich unsere Art zu konsumieren in Zukunft ändern wird - und wie wir dabei Ressourcen schonen können. Der gemeinschaftliche Konsum könnte dabei eine stärkere Rolle einnehmen, sagt der Forscher. Soziale Netzwerke wie Facebook sieht er als Schmiermittel, die der Idee in den vergangenen Jahren Auftrieb gegeben habe. „Man beginnt, seinen Besitz mit in die Kommunikation auf diesen Plattformen einzubringen“, erklärt Kuhndt. „Gleichzeitig ist durch die Netzwerke die Barriere kleiner geworden, Dinge an fremde Menschen auszuleihen.“ Mit ein paar Klicks könne man im Internet schnell mehr über die Person erfahren, die sich interessiert zeigt.

          Abnehmender Grenznutzen

          Das ist vor allem für die Nutzer von Stephan Uhrenbachers Portal wichtig. Auf 9flats.com kommen sich Wohnungsbesitzer und Reisende näher. Seit rund einem Jahr bietet 9flats das Konzept „Mitwohnen auf Zeit“ in Deutschland, aber auch global an und sieht sich genauso wie die Wettbewerber Airbnb oder Wimdu als Alternative zum Hotel. Etwa 45.000 Mitglieder können derzeit auf der Internetseite aus 25.000 Wohnungen oder Zimmern in 104 Ländern wählen. Die meisten Nutzer treibe dabei sehr wohl der Gedanke an, Geld zu verdienen, sagt Uhrenbacher. Das mache es auch leichter, anderen Menschen die eigene Wohnung und damit ein Stück Privatsphäre zu öffnen. „Die Vermieter verdienen Geld, die Nutzer sparen es“, erklärt Uhrenbacher. „Doch viele sind gleichzeitig positiv überrascht, dass sie so mit anderen Menschen in Kontakt kommen.“ Das Teilen laufe dann nicht nur nach dem Motto „Geiz ist geil“ ab, sondern schaffe auch mehr Lebensqualität.

          Für den Konsumforscher Kuhndt hat die Überflussgesellschaft dazu beigetragen, dass die Menschen heutzutage eine besondere Bereitschaft zum Teilen zeigen. „Wenn sie sich Studien anschauen, dann ist zum Beispiel der Wert des Autos als Statussymbol in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken“, sagt er. Kuhndt verweist auf das Prinzip vom abnehmenden Grenznutzen: Je mehr man besitze, desto weniger wertvoll werde es, noch mehr zu besitzen. Aber gerade weil jeder schon so viel besitze, hänge man auch weniger an einzelnen Dingen. „Das macht den Kopf überhaupt erst frei, Besitztümer an andere zu verleihen.“

          „Das Teilen ist kein Konsumverzicht“

          Insgesamt seien die Chancen des modernen Teilens im Netz groß, sagt Kuhndt. Risiken gebe es seiner Ansicht nach kaum: „Es kann gut für die Umwelt sein, weil sich der Ressourcenverbrauch verringert. Und für die Wirtschaft birgt es Innovationspotential.“ Zwar kann der Konsum einzelner Produkte sinken, weil künftig nicht mehr so viele Menschen ein bestimmtes Gut kaufen. Doch könnte dadurch Geld frei werden, um andere Dinge und vielleicht auch überlegter zu konsumieren. „Das Teilen an sich ist kein Konsumverzicht, sondern ein Gewinn“, lautet seine Schlussfolgerung.

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