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Online-Gaming : Der alte Zauber der Videospiele ist bedroht

Der Innovationsmotor tritt kürzer: Shigeru Miyamoto will künftig nur noch kleinere Projekte betreuen Bild: dapd

Die Spielebranche steht vor einem Wachwechsel. Smartphones, soziale Netzwerke und der wachsende chinesische Markt steuern Umsatzrekorde an. Für die Hersteller bedeutet das: Die Karten werden neu gemischt.

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          Shigeru Miyamoto sehnt sich nach Ruhe. Nach Jahren voller Trubel und Turbulenzen, voller Erfolge und hoher Gewinne hat der Chefentwickler von Nintendo angekündigt, im multimilliardenschweren, schnell wachsenden und sich rasch verändernden Videospielmarkt kürzer treten zu wollen. Daher lege er sein Amt nieder und wolle nur noch an kleineren Projekten arbeiten - solche, die er für wichtig hält und die ihn interessieren. Miyamoto meint es ernst.

          Wachwechsel bei Nintendo

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seine Fans schreckten auf, die Konkurrenten atmeten durch, die Anleger waren alarmiert. Der Kurs der Aktie des japanischen Videospieleherstellers verlor in Tagesfrist 3 Prozent an Wert. Seitdem ging er noch ein wenig tiefer. Miyamoto, der einst Spielfiguren wie Supermario erfand, wird im September 60 Jahre alt. Nun will er einer neuen Generation von Programmierern im eigenen Haus Platz machen. Wachwechsel.

          Im Zeitalter von internetfähigen Mobiltelefonen (Smartphones) und millionengroßer Spielergemeinschaften in sozialen Netzwerken verblasst der alte spielerische Zauber der Japaner, die seit den achtziger Jahren die Branche mit Firmen wie Sony, Nintendo oder Sega erst gegründet und dann auch dominiert hatten. Ihre Lehrlinge haben nun ausgelernt, sie greifen nach dem Zauberstab.

          „Die Kunden spielen heute online“

          So stieg China hinter Amerika gerade zum zweitgrößten Videospielmarkt der Welt auf und verwies Nippon auf Platz drei. "Chinas Videospielmarkt wächst schneller als die chinesische Wirtschaft", berichtet Lisa Hanson von Niko Partners, einem Marktforschungsunternehmen. Darüber hinaus haben sich neben den drei internationalen Branchengrößen Microsoft, Sony und Nintendo rund um das Internet und den Handymarkt kleinere, aber rasch an Popularität gewinnende Firmen wie Zynga oder Dena gesellt.

          Boombranche Videospiele: Umsatzprognosen weltweit, Beliebtheitsgrad von Spiele- Apps

          "Die Kunden spielen heute online", sagt Haruhiro Tsumjimoto, Chef des Videospielentwicklers Capcom. Während das klassische Spielesoftware-Geschäft um ein Drittel zurückging, verdoppelte sich die Nachfrage nach seinen Online-Spielen. Im Jahr werden zwar noch immer Videospiel-Konsolen samt der dazugehörigen Softwarespiele im Wert von 30 Milliarden Dollar verkauft. Doch die Marktanalysten des Beratungsunternehmens Gartner sehen den Umsatz in diesem Marktsegment während der kommenden Jahre bestenfalls "leicht steigen".

          Smartphones und Tabletcomputer auf dem Vormarsch

          Gespielt wird immer mehr und immer öfter auf Smartphones von Apple, Samsung oder HTC, auf Personal-, Laptop- und auf Tabletcomputern. Darauf stellen sich herkömmliche Spielanbieter wie Konami, Square Enix und Electronic Arts ein. Neben technischen Hochleistungsspielen bieten sie immer mehr relativ einfache Spiele für Handys an. Und auch das Triumvirat der Branche reagiert. Allen voran forciert Microsoft seine Aktivitäten im weltweiten Datennetz und breitet sich in sozialen Netzwerken aus. Die japanischen Konkurrenten Nintendo und Sony setzen darüber hinaus auf eine neue Generation von Spielkonsolen.

          So brachten sie im vergangenen Jahr mit Geräten wie "3-D" und der "Playstation Vita" neue, tragbare und leicht handhabbare Hardware heraus. Nach dem ersten Verkaufsboom von einer Viertelmillion verkaufter Geräte am Tag ebbte die Nachfragewelle rasch ab. Das ließ Nintendo an der Preisschraube drehen, Sony hält sich damit noch zurück. Man müsse sich schon fragen, ob das die letzte Generation von spezialisierten Videospielkonsolen ist, sagt David Gibson von Macquarie Securities. "Ich denke schon."

          Prognosen sehen gewaltigen Umsatzanstieg

          Wachstum ist anderswo. Der derzeit 60 Milliarden Dollar schweren Branche wird für die kommenden drei Jahre unbenommen aller Rezessionsängste in der Weltwirtschaft einer der größten Gewinnsprünge ihrer Geschichte vorausgesagt. Die Marktanalysten von PWC rechnen damit, dass die Videospielindustrie 2015 rund 82 Milliarden Dollar erlöst - mehr als die Musik-, Zeitungs- und Zeitschriftenbranche zusammen. Gartner geht noch weiter. Die Marktanalysten rechnen in drei Jahren mit einem Branchenumsatz von 112 Milliarden Dollar.

          Dabei werde die größte Nachfrage nicht im Konsolen- oder Software-Geschäft für klassische "Daddelgeräte" zu finden sein, sondern in sozialen Netzwerken, auf Smartphones und Tabletcomputern. So haben sich Unternehmen wie das kalifornische Zynga einen Namen gemacht, die auf eine Spielergemeinschaft in sozialen Netzwerken wie Facebook setzen. Ihnen dient das Internet als Plattform. Rund 40 Prozent der beliebtesten Applikationen auf Facebook sind Videospiele. Tendenz steigend.

          Konkurrenz oder Ergänzung?

          Das sogenannte Mobile-Gaming ist nach einem Bericht von Gartner-Analyst Tuong Nguyen "der Wachstumstreiber schlechthin". Nach Angaben der Investmentbank Digi-Capital entfällt mehr als die Hälfte der beliebtesten hundert Anwenderprogramme (Apps) für das internetfähige Mobiltelefon der Marke iPhone von Apple und knapp die Hälfte der nachgefragten Apps auf der Microsoft-Plattform allein auf Spiele. So könnte in drei Jahren dieses Marktsegment von heute 8 auf 35 Milliarden Dollar Jahresumsatz gewachsen sein und das klassische Konsolen-Geschäft überholt haben.

          Shigeru Miyamoto, der große alte Mann von Nintendo, sagt: Es könne schon sein, dass durch Smartphones die Marktanteile in der Branche neu verteilt würden. Aber um wirkliche Qualität ins Spiel zu bringen, dafür reiche die Technik der kleinen Kommunikationswunder mit Internetanschluss nicht aus. "Ich glaube nicht, dass wir direkt mit diesen Geräten konkurrieren." Miyamoto wird künftig viel Zeit haben, das zu studieren.

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