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Bewerbung für 2024 : Feuer und Flamme für Olympia

So könnte Olympia in Hamburg aussehen: „Olympic City“ auf dem Kleinen Grasbrook im Hafen Bild: dpa

Olympische Spiele bekommt man nicht umsonst – doch für Deutschland könnten die Sommerspiele 2024 ein kraftvoller Hebel für Veränderungen sein.

          Seit Monaten versuchen die Städte Berlin und Hamburg ihre Bürger für das Milliardenprojekt Olympischer Spiele im Jahr 2024 zu begeistern. Dazu gehört, eine lebhafte Debattenkultur zu befördern, um die Vorzüge dieses kostspieligen Mega-Events besser herausarbeiten zu können und die Bevölkerung auf dem schwierigen Weg zu einer notwendigerweise übergroßen Akzeptanz mitzunehmen.

          Nur so besteht überhaupt eine Chance, aus dem globalen Standortwettbewerb als Sieger hervorzugehen. Derzeit sollen Online-Umfragen, Ideen-Werkstätten, Diskussionsforen den Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie auf ernsthafte Weise in das Jahrhundertvorhaben einbezogen werden. Eine am Dienstag vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) veröffentlichte Forsa-Erhebung ergab 64 Prozent Zustimmung zu Olympia in Hamburg, 55 Prozent in Berlin. Am 21.März will das DOSB-Präsidium seine Präferenz nennen, die Vollversammlung entscheidet am 21. März über den deutschen Bewerber.

          Die Kernfrage, die hierbei als Maßstab über allem stehen müsste, wurde bisher nicht beantwortet: Welche finanziellen Belastungen würden durch eine Kandidatur und die Ausrichtung der Sommerspiele auf die öffentlichen Haushalte zukommen? Bevor in diesem Herbst bei einer Bürgerbefragung in der ausgewählten Metropole die endgültige Entscheidung fällt, ob eine deutsche Stadt beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als Bewerber gemeldet wird, müssen die Steuerzahler erfahren, was sie die Spiele kosten werden. Erfahrungsgemäß geht die Zustimmung der Menschen zurück, wenn der staatliche Anteil am Budget zur unüberschaubaren Größe wird und die Vorteile fürs Gemeinwohl nicht erkennbar werden.

          Bevölkerung lehnt undurchsichtige Procedere ab

          Die Skepsis ist verständlich und auch richtig. Allein die Bewerbungskampagne wird mehr als 50 Millionen Euro kosten, unabhängig vom Erfolg einer Kandidatur. Die IOC-Entscheidung für 2024 fällt 2017. Neben Boston und Rom könnten sich Paris, Istanbul, Doha und Baku beteiligen. Die Sommerspiele in Deutschland würden nach bisherigen Rechnungen zwischen vier und sechs Milliarden Euro verschlingen.

          Da stellt sich die Frage der Opportunitätskosten, also ob nicht andere, bessere Investitionen alternativ vorgenommen werden könnten. Für Intransparenz, ein planloses Konzept und ihre ignorante Überheblichkeit haben hierzulande Sportfunktionäre und Politiker zuletzt schon mal eine Quittung erhalten. Betroffene Bürger in Bayern lehnten eine Bewerbung für Münchner Winterspiele 2022 mehrheitlich ab. Die schlechte Reputation der großen Sportorganisationen, die trotz ihrer Verfehlungen weiterhin als große Profiteure Milliardengewinne scheffeln, befördert noch die negative Grundstimmung in der Bevölkerung.

          Private Investoren wären die Lösung

          Da lohnt sich der Blick in die Vereinigten Staaten. Olympia in Los Angeles (1984) und Atlanta (1996) wurden fast komplett privat finanziert. Boston hat als aktueller Bewerber für 2024 schon jetzt versprochen, die Organisation der Sommerspiele und den Bau der Sportstätten ohne Einsatz von Steuerzahlergeld zu ermöglichen. Private Investoren, Unternehmen, Sponsoren, Mäzene, Bürgerinitiativen und ehrenamtliches Engagement sorgen hier für die Entlastung der Staatskasse.

          Aber nicht nur das: Die Begeisterung und Akzeptanz für die Veranstaltung sowie der ideelle Wert des Projektes in der öffentlichen Wahrnehmung dürften durch diesen Einsatz weit mehr steigen. Zwar sind Null-Euro-Spiele in Deutschland reines Wunschdenken und am Ende aufgrund der gesellschaftspolitischen Prägung illusorisch. Trotzdem müssten privatwirtschaftliche Lösungen zur Bedingung für eine Kandidatur gemacht werden.

          Auch London 2012 hat vorgeführt, wie ein solcher Weg beschritten werden kann. Unter dem Strich wiesen die Organisatoren einen zweistelligen Millionengewinn aus. Auch mit Hilfe privater Investoren wurde der arme Osten der Stadt entwickelt, Industriebrachen saniert und neue Wohnqualität auch für sozial schwächer gestellte Menschen geschaffen.

          Olympia wäre auch ein Segen für Deutschland

          Schenkt man den vielen Studien Glauben, gab es in London einige positive Effekte: Olympia wirkte als Katalysator für die beschleunigte Umsetzung infrastruktureller Konzepte, für Standortmarketing, für die globale Positionierung, um hochqualifizierte Menschen sowie Investoren in die Stadt zu ziehen, für die Förderung gesellschaftlichen Engagements der Bürger. Diese Chancen hätten auch Berlin oder Hamburg als wachsende Metropolen. Es muss nicht alles so enden wie in Athen: Die Sportstätten der Spiele 2004 stehen dort nur noch als Ruinen – ein Symbol für Misswirtschaft und gesellschaftliche Verwahrlosung.

          Für Deutschland könnte Olympia ein kraftvoller Hebel für Veränderungen sein. In einer alternden, mehr und mehr auf Sicherheit ausgelegten Gesellschaft wäre die Bewerbung ein Signal des Aufbruchs, der Bewegung sowie Weltoffenheit und zudem ein Bekenntnis zum Wettbewerb. Olympia könnte etwas wegführen von der platten Diskussion um Euroherrschaft, Egoismus, angebliche deutsche Dominanzgelüste. Zu alldem gibt es ja für den Organisationsweltmeister noch etwas gerade zu rücken: Nicht nur der Berliner Pannenflughafen hat für Gespött in der ganzen Welt gesorgt. Auch andere Großprojekte wie die Elbphilharmonie oder Stuttgart 21 fabrizierten ein schräges Bild vom hiesigen Wirtschaftsstandort.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

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