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Olaf Scholz am Golf : Mehr als eine Einkaufstour

Olaf Scholz mit Kronprinz Muhammad bin Salman Bild: dpa

Der Kanzler ist auf der Suche nach den Energielieferanten, die notwendig sind, um die deutsche Industrie am Laufen zu halten. Entsprechend hochkarätig ist auch die Wirtschaftsdelegation, die ihn begleitet.

          3 Min.

          Der Tag kommt, Olaf Scholz fliegt fort – den Bundeskanzler zieht es um 6 Uhr in den Nahen Osten. Drei Länder, zwei Tage, ein Ziel: die Widerstandskräfte stärken nach Moskaus Überfall auf die Ukraine. Natürlich geht es dabei um Ersatz für die wegfallenden Lieferungen aus Russland, aber auch um Verständnis für die Position des Westens in einer wichtigen Weltregion. Erste Station des Deutschen ist Saudi-Arabien, genauer gesagt Dschiddah, die „Perle am Roten Meer“. Erster Termin: das Gespräch mit dem saudischen Thronfolger Muhammad bin Salman, der es nach dem brutalen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi zu zweifelhafter globaler Berühmtheit geschafft hat. Er gilt als Drahtzieher hinter dem Verbrechen, bei dem die Leiche im saudischen Konsulat in Istanbul zerstückelt wurde. Das Treffen mit dem Prinzen fand hinter verschlossenen Türen statt. Es gab auch anschließend keinen gemeinsamen Auftritt. Dafür stellte sich Scholz später kritischen Fragen.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Angesprochen darauf, ob er bei dem Treffen mit bin Salman auch den Mord an Khashoggi thematisiert habe habe, hieß es von Scholz, es seien alle Fragen besprochen worden, die Bürger- und Menschenrechten beträfen. „Sie können davon ausgehen, dass nichts unbesprochen geblieben ist, was zu sagen ist“, so Scholz.

          Schon der erste Tag der Reise ist somit harte Realpolitik. Es darf bezweifelt werden, dass Scholz den Kontakt mit dem Thronfolger gesucht hätte, wenn Russland das Völkerrecht nicht so massiv verletzt hätte und die Probleme so groß wären. Um so wichtiger ist es für den Bundeskanzler, hier auch andere, um nicht zu sagen: weichere, Zeichen zu setzen. Dazu gehört ein Gespräch mit jungen Unternehmerinnen in Saudi-Arabien.

          Auf Verantwortung an Mord angesprochjen

          Qatar ist besonders umworben

          Wenige Tage vor dem Abflug des Kanzlers hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Erwartungen hochgeschraubt. Es wurde über Vertragsabschlüsse am Wochenende im Bereich Wasserstoff und Flüssiggas (LNG) spekuliert, nachdem der Grünen-Politiker mit Blick auf die Vereinigten Arabischen Emirate, der zweiten Station der Scholz-Reise, raunte: „Die dauerhafte Bemühung führt zu Erfolgen.“ Das war kaum kaschiertes Eigenlob, schließlich war Habeck schon im März am Golf, um den Boden für Lieferungen zu bereiten, die den Druck von dem Gasmärkten nehmen könnten.

          Vor allem ist Qatar, die dritte Station auf dem strapaziösen Wochenendausflug des Kanzlers, derzeit besonders umworben, ist das Land doch zweitgrößter Exporteur von Flüssiggas. Nachdem der Zufluss aus Russland ausgetrocknet ist, sind die anderen Möglichkeiten, über Leitungen Gas zu beziehen, begrenzt. Deswegen werden derzeit in Deutschland in selten gesehener Geschwindigkeit Terminals errichtet, an denen Tanker die begehrte Fracht ins Netz einspeisen können. Doch auch das Emirat Qatar wird noch längere Zeit nicht als großer Ersatzlieferant einspringen können, da die Kapazitäten weitgehend gebunden sind. Erst 2026 oder 2027 kann es deutlich mehr Gas verschiffen. Doch Qatars Potential bleibt begrenzt.

          Ähnlich urteilte das Energiewirtschaftliche Instituts an der Universität Köln in einer Studie für den Branchenverband Zukunft Gas. Auch andere potentielle Lieferanten wie Australien oder Kanada, dort waren Habeck und Scholz kürzlich in der Hoffnung auf neue Verträge, könnten ihre Exporte „nicht signifikant“ steigern. Sie hätten sich wie Qatar stark an Asien gebunden. Die Wissenschaftler erwarten, dass vor allem die Vereinigten Staaten im Laufe des Jahrzehnts die Lücken füllen werden, die Russlands Ausfall reißt.

          Schlüsselrolle für Wasserstoff

          Deswegen wurde im Umfeld von Scholz früh versucht, die Erwartung zu dämpfen: Das sei keine Einkaufstour, die der Kanzler mache, hieß es. Ergänzend wurde darauf verwiesen, dass die Bundesregierung selbst keine Lieferverträge abschließen werde, das sei in einer Marktwirtschaft immer noch Aufgabe der Unternehmen. Am Wochenende wird Scholz von einer Wirtschaftsdelegation begleitet. Unter anderem sind Christian Bruch (Vorstandsvorsitzender der Siemens Energy AG), Guillaume Faury (Chief Executive Officer von Airbus SE), Christian Klein (CEO von SAP SE) und Stefan Wintels (Chef der staatlichen Förderbank KfW) mit von der Partie. Sie können im Gefolge des Kanzlers diskret Geschäfte anbahnen oder ausbauen.

          Erst im Mai war Qatars Emir Tamim bin Hamad Al-Thani in Berlin bei Scholz gewesen. Man unterzeichnete eine Energiepartnerschaft mit dem Versprechen, künftig verstärkt auf diesem Feld zusammenarbeiten zu wollen. Scholz bezeichnete Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität. Wasserstoff werde für die deutsche Wirtschaft eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft spielen.

          Hier hat nicht nur Qatar ein beneidenswertes Potential für erneuerbare Energien und zur Produktion von Wasserstoff. Die Voraussetzungen seien am Golf so günstig, dass man mit Sonne und Wind Strom schon für 1 Cent die Kilowattstunde produzieren könne, hat man in Berlin registriert – das sind beste Standortbedingungen für die Produktion von „grünen“ Wasserstoff zu einem wettbewerbsfähigen Preis. So hofft man im Kanzleramt auf langfristige Verträge mit dem Stoff, der die deutsche Industrie am Laufen halten soll, wenn das Zeitalter für Gas, Öl, Kohle endgültig endet, um das Klima zu schützen. Und so mancher Anbieter aus Deutschland spekuliert auf gute Geschäft beim Aufbau der neuen Produktion in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar.

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