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Oktoberfest : Wiesn-Wirtschaft

Einfach herzig: Die Vorbereitungen fürs Oktoberfest laufen auf Hochtouren Bild: dapd

Auch das 200. Oktoberfest ist vor allem eins: eine Kommerzveranstaltung. Jeder Besucher lässt von kommenden Samstag an im Durchschnitt 54 Euro auf und neben der Theresienwiese.

          3 Min.

          An bayerische Folklore erinnert nichts in der Dachauer Straße nahe dem Münchner Hauptbahnhof. Meist triste Bürogebäude aus den sechziger Jahren beherbergen im Erdgeschoss Schnäppchen-Märkte oder Leihhäuser. Gegenüber stehen zwei Stadtstreicher vor einer Spielhalle, und ein paar Meter weiter lockt dann auch schon das „Boobs“, eine ominöse Table-Dance-Bar. Dazwischen ist ein kleiner Laden vollgestopft mit bayerischer Traditionskleidung. „Outlet Bavarian Stuff“ steht in großen Lettern über dem Eingang, drinnen tönt statt Volksmusik Hip-Hop aus den Lautsprechern, und an den Kleiderständern hängen unter dem grellen Licht von Neonröhren traubenweise Dirndl, Rüschenblusen und Lederhosen - die günstigsten Exemplare schon ab 49 Euro.

          Henning Peitsmeier
          Wirtschaftskorrespondent in München.

          „Wir sind auf den Ansturm vorbereitet“, sagt eine junge, tätowierte Verkäuferin in Jeans und schwarzem T-Shirt, die man sich nicht so recht in Tracht vorstellen kann. Nur noch wenige Tage, dann is o'zapft, und in dem kleinen Outlet in der Dachauer Straße tummeln sich Dutzende von Touristen: Italiener, Chinesen, Amerikaner, alle auf der Suche nach der passenden Kostümierung für das Oktoberfest, das in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiert. „Von Kostümierung würde ich keinesfalls sprechen“, wehrt Axel Munz, der Geschäftsführer von Trachtenmoden Angermaier, ab. Freilich kommt der Trend zur Tracht seinem alteingesessenen Geschäft entgegen. „Sicherlich fördert die Globalisierung eine Rückbesinnung auf Traditionelles, ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Munz.

          6 Millionen Besucher aus aller Welt

          Seit Tagen sind die Regale auch bei den Traditionshäusern Ludwig Beck und Lodenfrey voll mit stilechter Oktoberfestgarderobe. Bei C&A werben dafür sogar Franzi van Almsick und Mehmet Scholl, sie im Dirndl, er in Lederhosen. Und von dem einstigen Berliner Schwimmstar ist dann auch zu erfahren, dass sich bei den „Wiesn-Outfits eindeutig der Trend zum Mini-Dirndl“ abzeichnet. Ein Graus für jeden der beinahe unter Artenschutz lebenden Münchner, die noch Wert auf Tradition und Kontinuität des Oktoberfests legen.

          Auch die Preiserhöhung hat Tradition: In diesem Jahr kostet die Maß 8,80 Euro
          Auch die Preiserhöhung hat Tradition: In diesem Jahr kostet die Maß 8,80 Euro : Bild: AFP

          Dabei ist die Wiesn auch im 200. Jahr ihres Bestehens vor allem eins: eine Kommerzveranstaltung mit durchschnittlich sechs Millionen Besuchern aus aller Welt, deren Wirtschaftswert nach Berechnungen des bayerischen Wirtschaftsministeriums 830 Millionen Euro beträgt. Für Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) besitzt das größte Volksfest der Welt, wie er sagt, „eine starke Strahlkraft für die gesamte bayerische Wirtschaft“. In erster Linie sind es der Einzelhandel, die Hotels und natürlich die Brauereien mit ihren Festzelten, die profitieren. Etwa 324 Millionen Euro werden auf der Theresienwiese in und neben den 14 Festzelten umgesetzt, pro Person also 54 Euro, so die Statistik des Ministeriums.

          Der gediegene Wiesn-Besucher isst Ente bei Käfer oder Steckerlfisch bei der Fischer-Vroni, so mancher schwört auf die Hendl bei Ammer oder geht ausnahmslos in die Ochsenbraterei. Heruntergespült wird alles ausschließlich mit Oktoberfest-Bier, das nur von den sechs Münchner Brauereien gebraut werden darf. Dafür gibt es sogar ein richterliches Urteil. Denn das Landgericht München hat schon vor zwanzig Jahren entschieden, „dass das Oktoberfest das Fest des Münchner Bieres ist“. Tatsächlich sind von den sechs Münchner Biermarken vier gar nicht mehr in Münchner Hand. Löwenbräu und Spaten gehören zum belgisch-amerikanischen Branchenkrösus Anheuser-Busch Inbev, Hacker-Pschorr und Paulaner zum niederländischen Heineken-Konzern. Angesichts der Stammwürze von mindestens 13,5 Prozent und bis zu 7 Prozent Alkohol hat das ein Wiesn-Gänger, sollte er es denn überhaupt gewusst haben, spätestens nach zwei Maß garantiert vergessen.

          „Nach 200 Jahren betreten wir völliges Neuland“

          Sechs Millionen Besucher und etwa ebenso viele Millionen Liter: das sind für die Münchner Brauereien seit vielen Jahren verlässliche Kennzahlen, nicht allein aus Prestigegründen. Bei Preisen zwischen 8,30 und 8,90 Euro für die Maß ist es auch ein einträgliches Geschäft. Jedes Jahr steigende Bierpreise gehören nämlich ebenso zur Tradition der Wiesn. In diesem Jahr gibt es ein „Jubiläums-Bier“ nach alten Rezepten - für 8,80 Euro. Immerhin wird auch ganz offiziell an die Historie erinnert. Wie zur Ur-Wiesn wird es wieder ein Pferderennen geben. Als im Jahre 1810 die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig von Bayern mit Prinzessin Therese Charlotte Luise von Sachsen-Hildburghausen anstand, sollte die Tradition der Scharlachrennen - benannt nach einem Stück Scharlachtuch, das dem Sieger winkte - wieder aufleben: zur „Belustigung der allerhöchsten Herrschaften sowie des gemainen Mannes“, wie das damals hieß und wie es heute noch irgendwo zwischen Massenbesäufnis, DJ Ötzi und einer Handvoll etwas verloren wirkender Schuhplattlergruppen und Trachtenvereinen praktiziert wird.

          Neu ist zum Jubiläum das Rauchverbot. Seit der Volksabstimmung im Sommer darf in Bayerns Kneipen, Restaurants und Festzelten nicht mehr geraucht werden, Ausnahmen kennt die neue Gesetzeslage keine. Zwar empfiehlt Wirtesprecher Toni Roiderer der Kundschaft, „mehr zu essen, dann braucht's nicht zu rauchen“. Aber in der Gastronomie kommen Zweifel auf, ob sie wie früher „ois im Griff“ haben werden. „Es klingt paradox, aber nach 200 Jahren betreten wir völliges Neuland“, sagt Manfred Newrzella, Geschäftsführer des Vereins Münchner Brauereien. Wer ein Festzelt erst einmal verlässt, um vor der Tür eine Zigarette zu rauchen, kommt wegen des großen Andrangs und der reservierten Plätze schwer wieder hinein. Und einem betrunkenen Australier zu erklären, warum im Festzelt nicht mehr geraucht werden darf, das will sich auch Newrzella nicht ausmalen.

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