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Italienischer Ökonom sagt : „Lage der Wirtschaft wie in Kriegszeiten“

Eine Frau in Turin Bild: AP

Tito Boeri lehrt Wirtschaft an der Mailänder Eliteuniversität Bocconi. Er verlangt eine stärkere Reaktion von der EZB – und warnt davor, die internationalen Wertschöpfungsketten zu zerstören.

          2 Min.

          Professor Boeri, wie ist derzeit die Lage der italienischen Wirtschaft?

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es gibt im Moment eigentlich keinen Unterschied zur Lage der Wirtschaft in Kriegszeiten. Die Aktivitäten liegen still.

          Die Regierung hat die Italiener aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Arbeiten denn viele zu Hause?

          Italien hat keine Wirtschaft, die sich für das „smart-working“ von zu Hause aus eignet. Es gibt einen wichtigen Anteil der Industrie. Doch selbst in den Vereinigten Staaten wird der Anteil der Heimarbeit nur auf 30 Prozent geschätzt. Italien liegt deutlich unter diesem Prozentsatz.

          In den Zeiten des Stillstands der Dienstleister ist es doch von Vorteil, wenn die Industrie weiterarbeiten kann?

          Das gilt bis zu einem bestimmten Grad. In vielen Betrieben haben wir gerade eine Rebellion der Mitarbeiter erlebt, die Angst hatten vor Ansteckung. In Israel können auch heute die Fabriken von zu Hause aus ferngesteuert werden, aber wir sind in Italien noch nicht so weit.

          Tito Boeri ist auch der Organisator des italienischen „Festival dell’Economia“
          Tito Boeri ist auch der Organisator des italienischen „Festival dell’Economia“ : Bild: Festival dell Economia / privat

          Wie schätzen Sie die Perspektiven für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2020 ein, in dem die Dienstleistungen in der zweiten Hälfte schrittweise zum Erliegen gekommen sind?

          Alles hängt davon ab, wie lange die Epidemie noch anhält. Doch selbst wenn im ersten Quartal 2020 das Bruttoinlandsprodukt 30 oder 40 Prozent schrumpfen sollte, könnten wir in den folgenden Monaten viel aufholen.

          Was sollte die Regierung tun?

          Kurzfristig muss den Leuten zugesichert werden, dass sie nicht alleine bleiben. Das betrifft nicht nur die Beschäftigten, sondern die vielen Selbstständigen mit kleinen Dienstleistungsverträgen oder die kleinen Geschäftsbesitzer, die nun keine Arbeit haben und kein Recht auf Kurzarbeitergeld. Denen muss man Liquidität sichern, indem Zahlungstermine für Steuern verschoben werden. Für die abhängig Beschäftigten gibt es auch in Italien Kurzarbeitergeld, bis maximal 1200 Euro. Allerdings war das bisher nur auf die großen Industriebetriebe beschränkt, nun muss der Kreis der Berechtigten auf die Dienstleister und Kleinbetriebe ausgedehnt werden.

          Was sollte langfristig passieren?

          Die dramatische Lage könnte auch positive Seiten haben. Zum Beispiel könnte die Einführung des „Smart Working“ zu Hause die Digitalisierung der Unternehmen beschleunigen. Wenn wir mehr Roboter hätten, würden die Fabriken in diesen Zeiten von alleine laufen.

          Was könnte an Reformen eingeführt werden?

          Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliche Schritte. Man könnte die Einführung der Frührente wieder zurücknehmen, die hier als „Quota 100“ bekannt ist, weil 62 Lebensjahre und 38 Beitragsjahre den Wert 100 ergeben müssen. Gerade jetzt fehlen uns die Krankenpfleger, weil viele gerade in Frührente gegangen sind. Die Krankenhäuser wollten sie wieder einstellen, doch das geht nicht wegen der Regeln der Frührente, die den Leuten die Rückkehr an den Arbeitsplatz verbieten.

          Sind Sie zufrieden mit dem, was die EZB nun als Reaktion auf die Viruskrise verkündet hat?

          Das ist viel zu wenig, man müsste viel mehr tun.

          In den Zeiten der Viruskrise rufen nun in Italien gerade die Populisten nach Europa. Sie wollen Geld von Europa und Eurobonds. Doch im gleichen Atemzug sagen sie auch, das sie frühere Versprechen wie Stabilitätspakt und Fiskalpakt nicht einhalten wollen. Wie kann ein nordeuropäischer Politiker überzeugen, dass weitere gemeinsamen Instrumente mit den Italienern geschaffen werden sollten?

          Das ist nicht einfach. Aber in dieser extremen Situation kann es die Notwendigkeit von Mitgefühl und Solidarität geben. Das ist eine Krise, für die man der Regierung keine Schuld geben kann, obwohl sie andererseits ihre Hausaufgaben nicht machen wollte. Gerade in diesen Zeiten haben die Populisten immer weniger zu sagen, sie sind still geworden. Die Populisten haben die falschen Rezepte für diesen Moment. Man darf nicht mit Grenzschließungen die internationalen Wertschöpfungsketten zerstören. Selbst wenn es darum geht, dass sich Unternehmen umorientieren oder diversifizieren, ist das viel einfacher, wenn die Grenzen für die Güterströme offen bleiben.

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