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Offener Brief : Das SOEP muss gestärkt werden

  • Aktualisiert am

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) muss aufgestockt und als eigenständige, forschungsbasierte Dateninfrastruktur gestärkt werden. Ein offener Brief.

          5 Min.

          Eine der Hauptlehren, die bereits jetzt aus der Covid-19 Pandemie gezogen werden kann, ist, dass politische Entscheidungsträger für die Bestandaufnahme und Bewältigung plötzlich auftretender krisenhafter Herausforderungen und deren gesellschaftlichen und sozialen Folgen auf aktuelle und empirisch fundierte Forschungsdaten angewiesen sind. Zudem hat die Pandemie einmal mehr die Frage nach der Qualität von Forschungsdaten auf die Tagesordnung gerufen. Daten sind nicht gleich Daten. Die Wissenschaft hat in der Pandemie rasant reagiert und Corona-Forschungsprojekte schossen wie Pilze aus dem Boden. Als Datenbasis dienten dabei mitunter „Convenience Samples“. Das heißt, anstelle von repräsentativ ausgewählten Stichproben wurden Personen befragt, die gerade „verfügbar“ waren. Das mehr oder minder unkoordinierte Sammeln von Daten als Reaktion auf eine Krise kann den Wettbewerb der Ideen durchaus beflügeln und neue Hypothesen generieren. Es stellt aber keinen Ersatz für langfristige und prospektiv angelegte Verlaufsstudien an großen und repräsentativ erhobenen Stichproben dar. Viele wichtige Forschungsfragen können nur auf der Grundlage solcher Verlaufsstudien, die hohen wissenschaftlichen Qualitätsstandards verpflichtet sind, beantwortet werden – und dies nicht nur in der Krise, sondern auch laufend. Andere Länder haben dies erkannt, beispielsweise Großbritannien, wo in dem Projekt „Understanding Society“ jährlich 40.000 Haushalte und 100.000 Personen befragt werden. Qualitativ hochwertige und groß angelegte Befragungsdaten sind das Kernstück international konkurrenzfähiger Forschung und Rückgrat verlässlicher und solider Politikberatung.

          In Deutschland ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) der wichtigste sozialwissenschaftliche Datensatz, der über Disziplinen hinweg genutzt wird. Er unterliegt strengen Qualitätskriterien in der Datenproduktion und ‑sicherung. Ein international besetzter wissenschaftlicher Beirat mit exzellenten Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen stellt dies u.a. sicher. Als längsschnittlich angelegte Befragung stellt das SOEP zudem seit 37 Jahren Informationen bereit, die es erlauben, Veränderungen über die Zeit, inklusive der individuellen Reaktionen auf aktuelle Krisen, zu erfassen. Das SOEP ist am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) als eigenständige Forschungseinheit angesiedelt. Es ist eine forschungsbasierte Dateninfrastruktur, d.h. die ‚SOEP-Gruppe‘ produziert nicht nur Daten, sondern analysiert sie und treibt gleichzeitig die Methodenentwicklung voran. Als zentrale Dateninfrastruktur wird es zum größten Teil durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie durch die Bundesländer im Rahmen der Leibniz-Förderung finanziert. Die auf Dauer angelegte Bund-Länder-Forschungsfinanzierung, verbunden mit harten Evaluationen, hat sich international gesehen als effektiv und im Grundsatz vorbildlich erwiesen. Der vorgegebene Finanzrahmen ist derzeit allerdings alles andere als ausreichend. Er reicht derzeit nur dafür aus, um 13.000 Haushalte zu befragen. Bereits 2009 hat der Wissenschaftsrat eine Zielgröße von 20.000 regelmäßig befragten Haushalten empfohlen. Nicht zuletzt aufgrund der Kostenentwicklungen kann diese Zielgröße nicht erreicht werden. Die Pandemie hat die Notwendigkeit einer Erhöhung der Fallzahlen besonders deutlich vor Augen geführt: Obwohl das SOEP zahlreiche und solide Befunde zu verschiedenen Facetten der sozialen Folgen der Pandemie und anderen vorhergehenden Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen geliefert hat, zeigt sich jetzt, dass wir stärker regional und nach Alter gegliederte Ergebnisse brauchen – und dies ist mit der aktuell finanzierten Stichprobengröße des SOEP nicht realisierbar. Die Pandemie hat zudem erneut veranschaulicht, dass gesellschaftliche Herausforderungen systemischer Natur sind. Sie sind nicht auf ein gesellschaftliches Teilsystem (z.B. die Wirtschaft, das Gesundheits- oder Bildungssystem) begrenzt. Sie sind zudem auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt – auf der Ebene der Einzelnen, Haushalte, Nachbarschaften, Betriebe, Organisationen, Gemeinden oder Regionen –, die jeweils eigenen, aber miteinander verflochtenen Dynamiken folgen. Das heißt, auch die für Empfehlungen genutzten Forschungsdaten müssen in der Lage sein, diesen systemischen Charakter und die Komplexität der Dynamiken abzubilden – und damit eine ausreichende Fallzahl aufweisen. Eine Erhöhung der Anzahl der regelmäßig befragten Haushalte im SOEP ist aus unserer Sicht deshalb unerlässlich.

          Um die drängenden Fragestellungen humanwissenschaftlicher Forschung zu lösen, benötigen wir eine engere Zusammenarbeit über klassische Disziplingrenzen hinweg und eine stärkere Verknüpfung von sozial-, verhaltens-, wirtschafts- und lebenswissenschaftlichen Forschungsdaten. Das SOEP hat – ähnlich zum Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (SHARE) – gezeigt, dass sozialwissenschaftliche Surveys auch für die Sammlung von in den Lebenswissenschaften benötigten Biomarkern, inklusive genetischer Informationen, genutzt werden können. Es verfügt zudem über Erfahrungen in der Integration von experimentellen Spezialstudien (z.B. in der SOEP-Innovationsstichprobe), die für die Frage nach der Wirksamkeit von Interventionen besonders relevant sind. Die Datenerhebungen des SOEP werden für die gesamte, disziplinübergreifende Scientific Community nicht nur in Deutschland, sondern weltweit bereitgestellt – der Wissenschaftsrat hat die Bedeutung der Rolle der Scientific Community für das SOEP mehrfach unterstrichen. Die Einbettung der Dateninfrastruktur in eine Forschung mit und an den Daten und, umgekehrt, die Einbindung der Forschung in die Infrastruktur der Datenerhebung ermöglichen einen unmittelbaren und schnellen Zugriff auf nationale wie internationale Forschungsnetzwerke mit sehr unterschiedlichen Expertisen mehrerer Fachdisziplinen. Diese multidisziplinären Forschungsaktivitäten der SOEP-Gruppe sowie die inhaltliche und strukturelle Eigenständigkeit gegenüber instituts- und gesellschaftspolitischen Ausrichtungen und Zielsetzungen ist Garant qualitätsgeprüfter Forschungsdaten. Eine Reduktion auf eine datenproduzierende Infrastruktur ohne eigene Forschung würde dem diametral entgegenlaufen und die Exzellenz des SOEP nachhaltig zerstören. Das SOEP muss deshalb als eigenständige Organisationseinheit am DIW Berlin bewahrt und budgetär so ausgestattet werden, dass es nach Abzug von Infrastruktur- und administrativen Kosten weiterhin über ausreichende Kapazitäten für eigene, unabhängige und multidisziplinäre Forschung verfügt.

          Politik und Gesellschaft brauchen hochqualitative Forschungsdaten, nicht nur in Zeiten der Pandemie. Das SOEP ist ein solcher, in vielerlei Hinsicht der wichtigste sozialwissenschaftliche Datensatz in Deutschland und einer der wichtigsten Datensätze weltweit. Die beständige Fortentwicklung des Datensatzes im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Community und einem großen Stab an hervorragenden und erfahrenen interdisziplinär arbeitenden Forscherinnen und Forschern war und ist entscheidend für die dem SOEP auch in der jüngsten Leibniz-Evaluation wiederum attestierte Exzellenz. Damit das SOEP auch weiterhin exzellente und qualitätsgeprüfte Forschungsdaten bereitstellen kann, muss es sowohl in seiner Ausstattung für eigenständige, unabhängige, multidisziplinäre Forschung als auch im Umfang seiner Erhebungen dringend gestärkt werden.

          Prof. Jutta Allmendinger, Ph.D.

          Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB)

          Prof. Dr. Armin Falk

          Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn und Direktor des Behavior and Inequality Research Institute (briq)

          Prof. Dr. Ralph Hertwig

          Professor für Psychologie, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität

          Prof. Dr. Thomas Hinz

          Professor für Empirische Sozialforschung mit dem Schwerpunkt Surveyforschung an der Universität Konstanz

          Prof. Dr. Monika Jungbauer-Gans

          Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Empirische Hochschul- und Wissenschaftsforschung an der Universität Hannover, Wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung an der Leibniz Universität Hannover und Vorsitzende des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD)

          Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld

          Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Familiensoziologie und Familiendemographie an der Hertie School, Berlin

          Prof. Dr. Ulman Lindenberger

          Professor für Psychologie, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Entwicklungspsychologie

          Prof. Dr. Steffen Mau

          Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin

          Prof. Dr. Andreas Peichl

          Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Makroökonomie und Finanzwissenschaft an der LMU München und Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen

          Prof. Dr. Heike Solga

          Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Arbeit, Arbeitsmarkt und Beschäftigung an der Freien Universität Berlin und Direktorin der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

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