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Offene Märkte : Pro Kapitalismus

  • -Aktualisiert am

In den vergangenen Tagen zog die Protestbewegung Blockupy durch Frankfurt. Sie forderte Solidarität statt Kaptitalismus. Dabei hat der Kapitalismus pur in den vergangenen 13 Jahren den schnellsten Rückgang der Armut in der Geschichte gebracht.

          Solidarität statt Kapitalismus war in großen Lettern auf den Transparenten zu lesen, mit denen die Protestbewegung Blockupy in den vergangenen Tagen durch Frankfurt zog. Das soll wohl heißen: Kapitalismus entsolidarisiert und spaltet die Gesellschaften; der kalte Markt macht die Reichen reicher und die Armen ärmer. Die Botschaft ist eingängig. Aber sie ist falsch.

          Man wünschte den Demonstranten, sie könnten auf der Rückfahrt nach Hause heute einen Blick in die neueste Millenniumsstudie der Vereinten Nationen werfen, die am Freitag von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vorgestellt wurde. Dort heißt es, dass die vergangenen 13 Jahre „den schnellsten Rückgang der Armut in der Geschichte der Menschheit gebracht haben“.

          Wie konnte dieses für viele lange Zeit unvorstellbare Wunder passieren? Die Antwort mag die Antikapitalisten verblüffen: Es war nicht die Solidarität der Entwicklungshilfe oder ein Verbot von Agrarspekulationen, das die Elenden aus ihrer Misere befreit hat. Es war der Kapitalismus pur, der es geschafft hat, dass in nur zwanzig Jahren zwischen 1990 und 2010 die Zahl der Armen in der Welt halbiert wurde. Das Wundermittel, das der Kapitalismus dafür anbietet, ist dasselbe, welches Adam Smith schon vor gut zweihundert Jahren empfahl: Offene Märkte als Bedingung des freien Handels führen zu Wachstum und Wohlstand der Nationen. Während zwischen 1960 und 2000 das durchschnittliche Wachstum in den Entwicklungsländern bei 4,3 Prozent lag, betrug es zwischen 2000 und 2010 sechs Prozent (wer es im Detail wissen möchte, kann sich das neueste Heft der britischen Zeitschrift „Economist“ besorgen).

          Allein in China fanden 680 Millionen Menschen aus der Armut

          Wachstum ist das Wunder, das den schnellsten Rückgang der Armut in der Geschichte brachte (solange jedenfalls die Gesellschaften nicht so ungleich sind, dass nur die Oberschichten die Früchte der Marktwirtschaft ernten). Heute leben grob gerundet eine Milliarde Menschen weniger unter extrem unmenschlichen Bedingungen von Hunger und Krankheit als vor zwanzig Jahren. Allein in China fanden - trotz des kommunistischen Regimes - durch die Marktöffnung 680 Millionen Menschen einen Ausweg aus der Armut. In diesen Rechnungen gilt als „extrem arm“, wer weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben zur Verfügung hat. Gewiss muss man hinzufügen, dass, wer über dieser Schwelle liegt, noch immer kein angenehmes Leben führt. Aber er muss nicht mehr verhungern.

          Der wachsenden Schar der Antikapitalisten in allen Parteien und Kirchen der reichen Welt kann man in der Konsequenz den logischen Umkehrschluss dieses Wachstumswunders nicht ersparen: Ginge es nach den Kritikern, die seit dem Bericht des „Club of Rome“ Wachstum für materialistisches Teufelszeug halten, hätte es das Wunder der Halbierung der Armutszahlen nicht gegeben. Und würden wir alle ihren Boykottaufrufen Folge leisten und aufhören, T-Shirts aus Bangladesch und Turnschuhe aus China zu kaufen, hätten wir den Menschen dort den Ausweg aus der Armut versperrt (was natürlich keine Rechtfertigung todbringender Arbeitsbedingungen ist).

          Noch nicht einmal die schlimmste Wirtschafts- und Finanzkrise, die die reichen Länder des Westens in den vergangenen fünf Jahren heimgesucht hat und dem Antikapitalismus zu feuilletonistischem Erfolg verhalf, konnte die Armutsbefreiung in Asien aufhalten. Es ist genau umgekehrt: Die Wachstumsdynamik in Fernost hat dafür gesorgt, dass hierzulande Maschinenbauer und Autofirmen rasch wieder Aufträge erhielten und sie ihre Leute nicht entlassen mussten. Wenn dann demnächst die Europäer und Amerikaner aufhören, Afrika mit Handelshemmnissen zu bestrafen und ihre eigenen Waren zu subventionieren, könnte der Traum einer Welt ganz ohne extreme Armut am Ende schon 2030 wahr werden. Was dann wohl die Antikapitalisten sagen?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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